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Eine Schule verschwindet

Das langsame Ende der Gronauer Hermann-Gmeiner-Hauptschule

Gronau - Das Ende der Hauptschule wurde von vielen herbeigeredet – nichts zuletzt von Eltern, die ihrem Nachwuchs einen Abschluss an angeseheneren Schulformen ermöglichen wollten. Doch hinter dem ungeliebten Wort „Hauptschule“ verbergen sich oft Institutionen, die sich die individuelle Förderung junger Menschen auf die Fahnen geschrieben haben und vielen Schülern ans Herz gewachsen sind. 

Philip Ritter

Die Hermann-Gmeiner-Hauptschule in Gronau soll aufgelöst werden. Foto: Hartmut Springer

Auch an eine Schule kann man sich gewöhnen: An die langen Flure, über die man frühmorgens zum Klassenzimmer schlurft, an die Lehrer und Lehrerinnen mit all ihren Macken oder Vorzügen, an die Klassenkameraden, den Geruch des Linoleums, an den Sitzplatz hinten rechts am Fenster oder die Lieblingsecke auf dem Pausenhof.

Kurzum: Auch die Schule – eine Institution, deren Eingangstüren die meisten Heranwachsenden nicht unbedingt mit Jubelschreien durchschreiten – kann ohne Weiteres zu einem zweiten Zuhause werden. Für Schüler, Lehrer und all diejenigen, die dort Tag für Tag ihren Aufgaben nachgehen.

Umso einschneidender kann es sein, wenn eine Schule plötzlich ihre Pforten schließt.

Die Hermann-Gmeiner-Hauptschule in Gronau ist eine solche Schule. Zwar tobt in dem eher schlichten Bauwerk mit 70er-Jahre-Charme derzeit noch das pralle Leben. Doch ab diesem Schuljahr werden an der Laubstiege keine Fünftklässler mehr aufgenommen, schrumpft sich die momentan 310 Schüler fassende Einrichtung langsam, aber sicher dem Ende entgegen.

Auf den Fluren ist die Verunsicherung schon jetzt zu spüren: „Es macht mich traurig“, sagt Schülersprecher Jeff Lau. „Zwar werde ich meinen Abschluss noch hier machen können, weil ich jetzt schon in der zehnten Klasse bin. Aber viele Jüngere haben Angst, weil sie demnächst vielleicht an eine andere Schule wechseln müssen und einen anderen Schulweg haben.“

Als Vorbereitung auf das heutige Gespräch mit der Presse hat der 16-Jährige all die Dinge, die ihm an seiner Schule gefallen, auf Karteikärtchen geschrieben. In der Notlage sind die betroffenen Schüler und ihre Lehrer fast schon zu Medienprofis geworden. „Praktische Fächer“, steht auf einer von Jeffs Karten – gemeint sind „Erste Hilfe“, „Informatik“, „Erwachsenwerden“ oder „Hauswirtschaft“. Gut findet er auch das Berufstraining und die „Sozialpraktika“, bei denen die Schüler ehrenamtlich in Altenheimen oder Krankenhäusern arbeiten. „Das ist etwas Besonderes“, betont auch Schul-Sozialarbeiter Andreas Thiel, der Jeff heute Vormittag ein wenig zur Seite steht. „Die Schüler bewegt das Ganze sehr“, erklärt er. „Sie wissen ja gar nicht, was sie erwartet. Es ist eine diffuse Angst, mit der sie da klarkommen müssen.“

Jeff Lau, Schüler, 16 Jahre

Auch Siebtklässlerin Rebecca Helling fühlt sich seit der Nachricht von der Schulschließung vor allem verunsichert: „Unsere Klasse macht sich Sorgen, dass wir aufgeteilt werden“, sagt die 14-Jährige. „Wir möchten gern hier und als Klassenverband unseren Abschluss machen. Wir haben uns hier halt eingelebt.“

„Auslaufende Auflösung“, so heißt das langsame Siechtum der Hermann-Gmeiner-Hauptschule im schönsten Amtsdeutsch. Der Schulleiterin Margot Brügger kommen die sperrigen Worte nur schwer über die Lippen. „Als das Ende der Schule beschlossen wurde, waren wir wie vor den Kopf gestoßen“, erinnert sie sich: Noch kurz vor dem entscheidenden Tag im vergangenen Juni hätten Vertreter des städtischen Arbeitskreises Schulentwicklung versichert, dass alle drei Gronauer Hauptschulen trotz sinkender Schülerzahlen zunächst bestehen bleiben – bis dann überraschend das Ende der Gmeiner-Schule verkündet wurde. „Wir haben Demos und Unterschriftenaktionen gestartet“, sagt Brügger, „Flyer gedruckt und Plakate aufgehängt.“ Vergebens: Am 20. Juli segnete der Stadtrat die Beschlussvorlage ab.

„Es gibt keinen wirklichen Plan, wie es jetzt weitergehen soll“, sagt Brügger und zuckt mit den Schultern. Nur so viel könne man sagen: „Die achten bis zehnten Klassen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit noch hier ihren Abschluss machen. Bei den fünften bis siebten ist das aber völlig unklar.“ Ein klassenweiser Wechsel an eine der zwei anderen Hauptschulen sei denkbar; Schüler, die eine Klasse wiederholen, müssten dann einzeln wechseln.

Lernen fürs Leben: Eine Schülerin in den Küchen-Räumen der Hermann-Gmeiner-Hauptschule. Foto:

Nicht nur bei den Schülern, sondern auch in der Schul-Verwaltung sorgt die Rats-Entscheidung für Wirbel: „Manche Lehrer gucken sich natürlich um, wo sie bleiben“, sagt Brügger, mehrere Versetzungsanträge seien in letzter Zeit auf ihrem Tisch gelandet. „Das Kollegium wurde nach und nach kleiner“, sagt sie, „weniger Lehrer müssen deshalb die gleichen Aufgaben erledigen wie vorher.“ Auch die Unterrichtsausfälle seien zuletzt häufiger geworden – den ganzen Auslaufprozess bezeichnet sie als „äußerst kompliziert“. Dementsprechend groß ist die Frustration: „Wir haben jahrzehntelang hier gearbeitet“, sagt Lehrerin Evelyn Louven. „Und jetzt ist das alles nichts mehr wert?“

Nicht nur an der Gronauer Laubstiege kämpft man mit den Folgen einer „auslaufenden Auflösung“. Vielmehr hängt das Wortungetüm wie ein Damoklesschwert über der Hauptschule als Institution, über einer ganzen Schulform mit Tradition: Im vergangenen Oktober – fast 40 Jahre nach der Entstehung der ersten deutschen Hauptschulen aus den Oberstufen der alten Volksschulen – strich der nordrhein-westfälische Landtag die Bestandsgarantie der Hauptschulen aus der Verfassung. Seitdem können sich Haupt- und Realschulen zu Verbundschulen zusammenschließen. Das nicht erst seit den Vorfällen an der Rütli-Schule in Verruf geratene Wörtchen „Hauptschule“ könnte so nach und nach aus dem Sprachgebrauch verschwinden.

Auch wenn der Gesetzgeber damit dem ausdrücklichen Wunsch vieler um die Berufsaussichten ihrer Kinder besorgter Eltern nachkam, ist nicht jeder über das Verschwinden der Hauptschulen erfreut. Zum Beispiel Annette Piepenpott, Mitglied des Elternrates und Mutter zweier Schülerinnen der Hermann-Gmeiner-Schule: „Die Hauptschule wird diskriminiert“, sagt sie. Die Politiker sollten sich viel mehr für diese Schulform einsetzen – schließlich seien die Leidtragenden der aktuellen Entwicklung vor allem die Kinder. „Wenn man an einer Hauptschule ist, dann muss man sich inzwischen ja geradezu rechtfertigen.“ Und dadurch, dass die Hauptschulen abgeschrieben würden, bekämen sie derzeit „noch einen zusätzlichen Stempel aufgedrückt“, fügt Lehrerin Evelyn Louven hinzu.

Rebecca Helling, Schülerin, 14 Jahre

Auch Detlef Kreuzmann, ebenfalls Elternrats-Mitglied und Vater zweier Schülerinnen, kann die Hexenjagd auf die Hauptschulen nicht verstehen: „Mein Herz hängt an dieser Schule“, sagt er. „Sehr viele, die von hier gekommen sind, gingen am Ende ihren Weg.“

Aber warum sollte man an dieser Schulform festhalten? Was spricht unter Umständen sogar für diese Institution, an deren Daseinsberechtigung so viele schon lange nicht mehr glauben?

„Die Hauptschule ist eine Schule für all die Kinder, die an anderen Schulen eine große Frustration spüren würden“, sagt Margrit Tertling aus Stadtlohn, die als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin eng mit der Gmeiner-Schule zusammenarbeitet. „An den Hauptschulen können sie aufatmen, dort werden sie so angenommen, wie sie sind. Mit all ihren Stärken und Schwächen.“ Sie erhielten dort eine besondere Förderung, so Tertling – zum Beispiel in handwerklichen und eher praktischen Dingen. „Jetzt muss man gucken, wo diese Schüler in Zukunft richtig aufgehoben sind.“ Vor allem gelte es, „neue Unterrichtskonzepte zu finden, die es auch weiterhin ermöglichen, Zugang zu den Potenzialen dieser Schüler zu finden“.

Eine Sorge vieler Hauptschul-Befürworter ist nämlich, dass man solche Unterrichtskonzepte nicht an Schulformen entwickeln könne, die für eine individuelle Betrachtung und Förderung der Schüler schlichtweg zu groß sind. „Es müssen überschaubare Systeme sein, egal wie sie heißen“, sagt Brügger. „Systeme, in denen diejenigen, die schwache Schulleistungen zeigen, trotzdem menschlich behandelt werden. Unabhängig von ihren kognitiven Fähigkeiten.“

Eines dieser neuen „Systeme“ dürfte sie in Zukunft besser kennenlernen, denn wenige Tage nach dem Pressetermin an der Hermann-Gmeiner-Hauptschule wurde schließlich auch Margot Brüggers eigener Versetzungsantrag bewilligt: Seit vergangenem Mittwoch leitet sie die Don-Bosco-Schule in Rheine, eine – wie Brügger sagt – „Hauptschule mit Tendenz zur Sekundarschule“.

Margot Brügger

An der Gronauer Hermann-Gmeiner-Schule, die nun komissarisch von der Lehrerin Lydia Tieke-Schüler geleitet wird, hat sich die Situation durch diesen überraschend schnellen Wechsel nicht unbedingt entspannt. „Hier haben sich die Ereignisse überschlagen“, teilt ein Vertreterin der Schule mit. Die auslaufende Auflösung geht also weiter.

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