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LWL-Paläontologe sucht nach dem Kopf eines 300 Millionen Jahre alten Tausendfüßlers

Das letzte Geheimnis Ibbenbürens

Ibbenbüren

Dr. Lothar Schöllmann hat noch genau sechs Jahre Zeit, um den Kopf des „Biestes“ zu finden. „Danach haben wir kein neues Material mehr“, sagt er und klopft mit dem Hammer vorsichtig auf schwarze Steine. Sechs Jahre, dann schließt die letzte Zeche Deutschlands und nicht nur die Kohleförderung, auch die Karbonforschung nimmt ein Ende, weil nichts mehr aus den Flözen ans Tageslicht kommt.

Uwe Renners

Dr. Lothar Schöllmann sucht seit seinem achten Lebensjahr nach Fossilien. Der Paläontologe ist einem der letzten Geheimnisse Ibbenbürens auf der Spur. Und das hat seinen Ursprung vor etwa 300 Millionen Jahren. Foto: Uwe Renners

Seit 260 Millionen Jahren liegen die Überreste des Arthropleura unter der Erde von Ibbenbüren. Und wenn Schöllmann den Kopf des Tausendfüßlers bis 2018 nicht entdeckt, dann wird sein Geheimnis für immer unter Tage bleiben. Noch ist es nicht so weit. Der Blick über die Ibbenbürener Landschaft ist bei der Suche nach dem Urzeittier grandios.

Schöllmann steht mit zwei Studentinnen knapp 200 Meter über dem Meeresspiegel auf der Rudolph-Halde, schaut bis nach Lingen und noch weiter und freut sich über jeden Lastwagen, der neuen „Abfall“ bringt. Und vielleicht Teile des Arthropleura geladen hat. Bis heute wurde weltweit noch kein Kopf dieses bis zu zwei Meter langen und 40 Zentimeter breiten Tausendfüßlers gefunden. Sicher ist, dass er auch in Ibbenbüren gelebt hat. Die Forscher des LWL (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) haben schon zahlreiche Teile des Panzers dort gefunden.

Den hat das Tier während des Wachstums regelmäßig abgestoßen. Das muss vor etwa 358 bis 296 Millionen Jahren gewesen sein. Damals im Karbon war der Sauerstoffgehalt der Luft etwa zehn Prozent höher als heute, und Ibbenbüren gehörte zu einem Sumpfgebiet mit riesigen Ausmaßen. 30 Meter hohe Bäume wuchsen in den Himmel, es gab Amphibien, Pfeilschwanzkrebse (siehe Bild), Insekten, Spinnen und den besagten Tausendfüßler. „Biest“ sagt der Wissenschaftler zu ihm. Mit dem Fund eines versteinerten Kopfes wäre es nicht nur möglich, ein genaues Bild des Urtieres zu zeichnen, die Wissenschaftler wüssten auch, ob es ein Pflanzen- oder Fleischfresser war. „Das ist bis heute nicht geklärt“, berichtet der Paläontologe.

Und das, obwohl das Tier bereits 1863 das erste Mal abgebildet wurde. Schöllmann: „Damals hat man es für einen Seeskorpion gehalten.“ Bei einem Fund in den USA hat man Pollen im Darmtrakt gefunden. „Das spricht für einen Pflanzenfresser. Die Größe wäre allerdings erstaunlich“, erklärt der Karbonforscher. Er sucht seit seinem achten Lebensjahr nach Fossilien und weiß, dass in seinem Fachgebiet Geduld gefragt ist. Ohne Zechen hilft in diesem Fall aber auch Geduld nicht weiter: „Wir brauchen große Mengen des Gesteins, sonst lohnt sich die Suche nicht“, erklärt er.

Das wird es in Deutschland aber bald nicht mehr geben. Schöllmann ist jetzt 51 Jahre alt. Bis 2018 hat er so viel Material gesammelt, dass die Auswertung ihn noch lang beschäftigen wird. Gerne würde er sich auch mit den Einzelheiten des Kopfes des Arthropleura in dieser Zeit beschäftigen. Und wenn er es nicht macht, dann werden in Deutschland auch andere wohl nicht mehr die Möglichkeit dazu bekommen, das Geheimnis des „Biestes“ zu lüften.

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