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Impfstart im Münsterland

„Die Bewohner haben erlebt, was Corona anrichten kann“

Münsterland

Auftakt nach Maß: Auch im Münsterland haben am Sonntag die Impfungen gegen das Coronavirus begonnen. In allen fünf Kreisen zogen mobile Teams los.

WN/dpa

Im Altenwohnheim St.-Josef-Stift in Emsdetten war Edeltraud Jäger (87) am Sonntag die erste Bewohnerin, die Joachim Kamp (r.) und Burkhard Frase (Kassenärztliche Vereinigung) impften. Foto: dpa

In der Alteneinrichtung St.-Josef-Stift in Emsdetten haben sie eine kleine Impfstraße in Nebenräumen der Kapelle eingerichtet. Ein Bewohner nach dem anderen kommt herein, wird freundlich von einem Arzt begrüßt und ohne Umschweife gegen Corona geimpft. Nach ein, höchstens zwei Minuten ist die Prozedur beendet. „Wohnbereich 4 ist schon fertig“, ruft eine Pflegerin ihren Kolleginnen keine halbe Stunde nach Impfbeginn zu. Rund 90 Bewohner bekamen am Sonntag den Impfstoff, am allerersten Tag der Corona-Impfungen im Münsterland.

Der Impfstoff war am Samstag aus Belgien in ein Zentrallager gebracht worden – NRW-weit insgesamt 9750 Dosen. Mit jeweils 180 Impfdosen begannen am Sonntag in den Münsterland-Kreisen die Impfungen. Mobile Teams waren unterwegs und verabreichten den Wirkstoff in Senioreneinrichtungen. Weil für einen wirksamen Schutz eine zweite Injektion in drei Wochen notwendig ist, wurden in jedem Kreis zunächst 90 Menschen geimpft.

Hohe Impfbereitschaft

In Emsdetten ist die 87-jährige Edeltraut Jäger, die seit 2018 im Stift lebt, die Erste. Dass der Startschuss im Kreis Steinfurt gerade in Emsdetten fällt, ist kein Zufall. Das St.-Josef-Stift war eine der ersten Einrichtungen mit bestätigten Corona-Fällen. Im Frühjahr wurde es von der Außenwelt abgeschnitten und isoliert. „Die Bewohner haben erlebt, was Corona anrichten kann“, betont Einrichtungsleiterin Petra Baumann und erklärt damit die hohe Impfbereitschaft. 95 Prozent der Bewohner wollten sich impfen lassen, verkündete NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, der eigens nach Emsdetten gekommen war. „Wären wir ein Haus, das noch ohne Corona-Fall wäre, dann glaube ich, dass die Impfbereitschaft geringer wäre“, vermutete Petra Baumann.

Ähnlich wie im Kreis Steinfurt lief es im übrigen Münsterland. Im Kreis Warendorf etwa war die 86-jährige Maria Tombrink im Malteser Marienheim in Warendorf der erste Impfling. Alle Bewohner des Hauses ließen sich impfen – von den Mitarbeitern aber sind nur gut die Hälfte dazu bereit. Der Kreis Coesfeld begann seine Impfungen in zwei Einrichtungen, darunter dem Heilig-Geist-Stift in Dülmen. Auch im Kreis Borken wurde am Sonntag begonnen.

Zufriedene Ärzte

In Münster zeigte sich die 101-jährige Maria Nienhaus nach Angaben der städtischen Pressestelle gänzlich unbeeindruckt, als Dr. Peter Münster im Johanniter-Stift die Spritze ansetzte: „Es ist ja wichtig für alle Menschen“, sagte sie, „dieser Virus kann nur von allen gemeinsam bekämpft werden.“

Zurück nach Emsdetten. Nach gut zwei Stunden haben Mediziner alle Dosen verabreicht: Alle Bewohner, die wollten und bei denen es medizinisch möglich war, sind geimpft. Auch für einige Mitarbeiter war noch Impfstoff da. „Es hat wahnsinnig gut geklappt“, sagt Baumann erleichtert. Auch die Ärzte sind zufrieden. Es sei alles „super organisiert“ gewesen, sagt Burkhard Frase, der sonst als Kinderarzt in Münster arbeitet. Und Edeltraut Jäger ist guter Dinge. Sie habe ein gutes Gefühl, sagt sie. „Da bin ich auf der sicheren Seite.“ Das Impfen habe sie gut vertragen. „Ich merke nichts. Er hat auch gut gestochen.“

Kommentar

Wie gerne würden wir glauben, dass jetzt alles gut wird! Am Wochenende begannen die Impfungen gegen das Coronavirus – der Anfang vom Ende einer Zeit, über die schon alles gesagt ist und der dennoch keine Beschreibung gerecht wird. Der Impfbeginn macht Hoffnung, keine Frage. Wenn der Stoff tatsächlich so effektiv wirkt, wie es derzeit den Anschein hat, ist das Virus in ab­sehbarer Zeit unter Kontrolle.

Aber die Erfahrungen der vergangenen Monate machen die Menschen verhalten. Zu oft kam es in dieser Pandemie heftiger als zunächst erwartet. Lockdown, erneut steigende Zahlen, wieder Lockdown, Beschränkungen jetzt doch auch an Weihnachten, wieder und wieder Verlängerungen der Maßnahmen – und dann die beunruhigenden Mutationen: Das alles dämpft die Euphorie.

Dabei ist weiter Optimismus gefragt. Er hat bislang durch die Krise geholfen – und muss auch künftig die Geduld stärken, die noch immer nötig ist. Es dauert noch Monate, bis das Impfen wirkt. Aber: Jetzt ist klar, worauf die Menschen ihre Hoffnungen stützen können. Es gibt ein Ziel, eine Lösung. Glauben wir also, dass jetzt alles gut wird! Eine Alternative gibt es ja nicht.

von Gunnar A. Pier

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