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Trio Cocteau lässt verrückte Zeiten wieder aufleben

Die Wilden Zwanziger im Bagno

Steinfurt

Les Années folles – die Wilden Zwanziger im Bagno: Mit Fagott, Oboe und Klarinette hat das „Trio Cocteau“ die Zuhörer des Samstagskonzerts mit in den Taumel der verrückten, aufbrausenden 1920er Jahre zwischen Montmartre und Montparnasse genommen.

Von Hans Lüttmann

Dreimal musste der Auftritt des Bläser-Trios Cocteau coronabedingt verschoben werden. Am Samstag war das Ensemble dann endlich ins Bagno gekommen und ihre Zuhörer auf eine musikalische Reise in der verrückten 1920er Jahre genommen. Foto: Hans Lüttmann

Les Années folles – die Wilden Zwanziger im Bagno: Mit Fagott, Oboe und Klarinette hat das „Trio Cocteau“ die Zuhörer des Samstagskonzerts mit in den Taumel der verrückten, aufbrausenden 1920er Jahre zwischen Montmartre und Montparnasse genommen. Lola Descours, Ilyes Boufadden-Adloff und Renaud Guy Rousseau ließen mit ihrer außergewöhnlichen Besetzung jene unbekümmerte, freiheitssehnsüchtige Nach-Weltkriegszeit wieder aufleben, in der eine spritzig-leichte, humorvolle und funkelnde Musik entstand, die Lebensfreude, Nonchalance und zartes Sentiment versprüht – Petit Fours für die Ohren. Aber die drei Bläser hatten auch noch musikalische Leckerchen von Schubert und Beethoven und vor allem dem jungen französischen Komponisten Laurent Lefrançois ins Steinfurter Bagno mitgebracht.

Wer bei der Instrumentierung Klarinette, Oboe und Fagott an Prokofjews „Peter und der Wolf“ denkt (Katze, Ente, Großvater), liegt nicht ganz falsch. Aber die drei Musiker hatten weitaus mehr zu bieten als spannende Kindergeschichten. In Henri Tomasis „Concert Champêtre“ etwa blitzten nicht nur gefällig verspielte populäre Melodien seiner Zeit, sondern auch musikalische Zitate aus dem Mittelalter auf. Mitreißend dabei der abschließende Tambourin-Satz, den das Trio als heftig herbeigeklatschte Zugabe zum Schluss noch einmal spielte.

Jean Françaix´ „Divertissement“ hätte auch wunderbar als Begleitung für einen tollpatschigen Chaplin-Film gepasst: zu humorigen, frechen, aber auch melancholischen Szenen. Die sympathischen Musiker hatten sichtliche Freude an diesem launigen Werk voller Virtuosität, rhythmischer Raffinesse und frechen Dissonanzen und bekamen dafür verdient stürmischen Beifall.

Schuberts unvollendetes Trio, ein liebenswertes Fragment, und Beethovens Bläserwerk, das der große Ludwig van ja eher als Gelegenheitsmusik betrachtete, standen als solide, ehrenfeste, aber durchweg konventionelle Kompositionen etwas quer im Programm, das aber zum Abschluss einen fabulösen Höhepunkt zu bieten hatte: Laurent Lefrançois dreiteiliges Werk „Approaching a city“ (Annäherung an eine Stadt) aus dem Jahr 2014. Der 1974 geborene Komponist bezieht sich, daher der Titel, auf das gleichnamige Gemälde von Edward Hopper.

Faszinierend, wie die drei Musiker die erdrückende, städtische Hitze eines dräuenden New Yorker Sommertags musikalisch nachempfinden, wie sie diesen unheimlichen, düsteren, menschenleeren Tunnel, ein Schlund, der in die Eingeweide der Stadt führt, alleine mit Rohrblattmusik beschreiben: beklemmend genial.

Für das „Trio Cocteau“ war dieses Werk eine Premiere (wieder eine im Bagno!), für die Zuhörer ein fulminanter Schlussakkord und für den Steinfurter Bagno-Kulturkreis die Gewissheit, dass es sich gelohnt hat, das hervorragende Trio nach drei coronabedingt verschobenen Terminen doch noch zu diesem Konzert ins Bagno einzuladen.

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