1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Ein Tag im Dom: Von Frühaufstehern und Badeschlappen

  6. >

Domjubiläum

Ein Tag im Dom: Von Frühaufstehern und Badeschlappen

Münster

Um 6.12 Uhr steckt Theo Buß die erste Kerze an. Es wird nicht die letzte sein. Der 63-Jährige hetzt durch die langen Gänge des Doms. „Morgens ist wenig Zeit“, sagt er. Um halb sieben muss er die erste Tür aufschließen. „Wehe dem nicht“, sagt er.

Stefan Werding

Hubertus Hummelt erweckt nicht den Anschein, dass er dem Dom-Küster böse sein könnte. 6:31 Uhr: Der Telgter ist der Erste, der heute den Dom betritt. Zwei Mal die Woche fährt er in die Bistumskirche, um zu beten, geht direkt zu den Kapellen hinter dem Altar. „Ich glaube, dass das Heil der Welt von der heiligen Messe abhängt“, wird der Landwirt nach dem ersten Gottesdienst um 7 Uhr erklären. Dann verschwindet er, um für seinen Betrieb ein paar Dinge in Münster zu erledigen.

Den Gottesdienst hält Dompropst Kurt Schulte. An seiner Seite feiert Stefan Zekorn. Der Weihbischof zieht mit dem Schlag der Uhr an dem Glockenseil, mit dem sonst die Messdiener den Beginn der Messe bekannt geben. Keiner der vielleicht 30, 40 Gläubigen würden etwas Besonders erwarten. Viele schauen auf dem Weg zur Arbeit vorbei, eine Predigt würde nur ihre Zeitpläne durcheinander bringen. Heute kann sich niemand beschweren. Die Glocke schlägt auf die Sekunde halb acht, während die beiden Priester den Gottesdienst beenden.

Nach dem Messe ist vor der Messe: Um acht Uhr versammeln sich ein Dutzend Gläubige in der Marienkapelle: Weil zum Domjubiläum die Orgel in Schuss gebracht wird, jault es den ganzen Tag durch das Gotteshaus. Ein Gebet ist dabei kaum möglich. Und um die Orgelbauer nicht zu oft zu Pausen zu zwingen, ist der Gottesdienst in eine kleine Kapelle verlegt. Pater Franz scheint es selbst seltsam zu finden, in Münster als Dom-Pönitentiar bezeichnet zu werden. Der Franziskaner-Pater war bis vor kurzem in Würzburg, bevor er als Beichtvater nach Münster geschickt wurde. „Wenn man mich noch brauchen kann“, sagt der 71-Jährige, wirft sich das grüne Gewand über und geht in die Kapelle direkt neben der Sakristei. Allein.

Gegen neun kommen der Rendant und der Hausmeister, um die Münzen aus den Klingelbeuteln, den Opferstöcken und Kerzenständern aus dem Tresor zu holen.

9.24 Uhr tritt Horst Wolke in die Sakristei. Der Mann guckt streng, schnappt sich die gelb-rote Armbinde mit dem Dom drauf. Den Gag mit der Blindenbinde hört er nicht zum ersten Mal. Dabei ist der ehemalige Soldat ein exzellenter Kenner der Doms, verrät, wo in eine Holzbank eine kleine Meerjungfrau geschnitzt und in die Wand ein Teufelskopf geritzt ist. Der Kustode kommt ein Mal die Woche für ein paar Stunden, um „die Würde des sakralen Raums zu wahren“, wie er es sagt. Hunde, Schlappen, Picknicker im Chorgestühl oder zu kleine Tops lassen Ihn schon mal kurz laut werden. „Höi“, schnappt er zwei Touristen hinterher, die sich an einem roten Band vorbeimogeln wollen. „Die meisten wollen die touristischen Attraktionen sehen“, sagt er, „nicht den sakralen Raum.“ Dabei ist für ihn der Dom „in Stein gehauener Glaube“.

Um halb zwölf strömen die Besuchergruppen vom Dom durchs Paradies, den Eingangsbereich, in den Dom. In einer halben Stunde wird die astronomische Uhr loslegen. Julia Großekathöfer führt gerade eine Gruppe des Kirchenkreises Oberhausen zu der Sehenswürdigkeit. In den zweieinhalb Stunden, in denen sie ihre Gäste durch die City führt, ist der Dom ein, aber nicht der Höhepunkt. Lamberti mit seinen Käfigen, der Friedenssaal - die Oberhausener haben keine Zeit für die ganzen Details, die ihnen Kustode Wolke noch so gerne verraten würde. „Im Dom gibt es nichts, was keine Bedeutung hat“, sagt er.

Mehr oder weniger unbemerkt kommen irgendwo am Hintereingang die beiden Elektriker Guido Redlich und Jonas Viefhues herein. Die beiden müssen Lampen montieren, damit die Orgelbauer für ihre Arbeit mehr Licht haben „und ihre Arbeit machen können“, sagt Redlich. Der Einsatz dauert nur kurz. Nach etwa drei Stunden verschwinden die beiden wieder, fahren weiter zur nächsten Baustelle.

Gleichzeitig kommt Domvikar Markus Tüshaus in die Sakristei. Der 40-Jährige ist einer von sieben Domvikaren, Zeremoniar und damit so etwas wie der Protokollchef. Die Gottesdienste im Dom haben auch eine Vorbildfunktion. „Wir machen es so, wie es vorgesehen ist“, sagt Tüshaus. Schließlich sei die Messe Ausdruck des Glaubens. Dass um 12.15 Uhr ein dritter (und letzter Gottesdienst) beginnt, sei dem sich verändernden Lebensgefühl geschuldet. Während der Pause im Büro und vor dem Mittagessen gerade an Markttagen sitzen etwa 120 Menschen in den Bänken. „Nahrung für die Seele“, sagt der Domvikar. Seine Aufgabe ist es, die ganzen Gottesdienste mit den Priestern des Doms zu besetzen, zu klären, wer predigt, welcher Chor singt und dafür zu sorgen, dass sich Inhalt und Form entsprechen und das, was wir hier tun, „kein formloses, leeres Getue“ wird.

Es ist 16 Uhr. Schon den ganzen Tag gibt Dominik Haubrichs sein Bestes, um sich bei den Gläubigen und Angestellten des Doms komplett unbeliebt zu machen. Der Orgelbauer aus Bonn soll mit seinen Kollegen die 8000 Pfeifen der Orgel von Staub und Feuchtigkeit reinigen und stimmen. Bei der Renovierung vor einem Jahr hat das Instrument gelitten. Das Gejaule dringt durch jede noch so gut verschlossene Tür. Aber Haubrichs hat kein Erbarmen. Auch nicht mit sich selbst. Damit er nicht von murmelnden Touristen und klackernden Schuhabsätzen gestört wird, fängt er schon um fünf an und macht auch gerne noch weiter, wenn der Dom um 19 Uhr schließt. „auch mal bis drei oder vier Uhr“.

Vorbei ziehen zwei angehende Pius-Brüder, Theologie-Studenten des umstrittenen Marcel Lefebvre, der unter anderem den Holocaust geleugnet hat. Sebastian Sperling (28) stammt aus Münster, lebt jetzt in Regensburg, und zeigt seinem Mitstudenten Matthias Roling den Dom, der nach Paulus benannt ist. „Ich liebe diesen Dom“, sagt Sperling, der genauso wie der Apostel „Menschen für Gott gewinnen will“.

Nachdem der Strom der Besucher für zwei, drei Stunden abgeebbt ist, wird es noch mal voller im Dom. Als ob die Gläubigen zum Endspurt noch mal das Gotteshaus besuchen wollen. In der Kapelle an der Rückseite des Doms stehen drei Schwestern des Klarissenordens im Chorstuhl und singen mit den Gläubigen die Vesper. Seit 1977 ist Schwester Regis dabei, die ungern mit Journalisten spricht, weil sie einem Schweigeorden angehört: Da die Nonnen aber sicherstellen, dass das Tagesgebet täglich stattfindet und am Sonntagabend den Gottesdienst mitgestalten, lässt sie sich immerhin entlocken: „Wir sind Teil der Domgemeinde.“

Genauso wie der Typ, der während der Vesper in Badeschlappen und mit Stirnband durch die Gläubigen vorbei latscht, mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger das Kreuz grüßt, das über dem Altar hängt und in einer Kapelle verschwindet, wo er laut zur Pieta spricht. Nach zwei Minuten das gleiche Schauspiel. Wieder Gruß in Richtung Kreuz und Abgang.

Ewald Ikemann (52) kennt den: „Ach der“, sag Theo Buß‘ Kollege. „Der kommt hier regelmäßig vorbei“, sagt er schulterzuckend. Katholisch heißt halt allumfassend.

Ikemanns Job wird sein, die Kerzen zu löschen, die letzten Gläubigen nach draußen zu bitten und die Türen abzuschließen. Noch eine halbe Stunde bis zum Feierabend. Da fängt er an, in der Kardinal-von-Galen-Kapelle die Kerzenständer zu reinigen, stellt die Automatik der Türen so ein, dass die Besucher wohl heraus, aber nicht mehr herein können, wirft einen Blick in die Beichtstühle, damit sich dort niemand versteht. Dann greift er zum Mikro. „Der Dom wird jetzt geschlossen. Wir wünschen Ihnen noch eine gesegnet Nacht“, sagt er. Im Dom gehen die Lichter aus. Nur die Orgel heult noch vor sich hin.

Startseite
ANZEIGE