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EKD-Ratsvorsitzende

Krisenwinter: Präses Annette Kurschus mahnt Hilfe für Arme an

Dortmund/Münsterland

Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, hat die Politik ­dazu aufgerufen, arme Menschen im Krisenwinter stärker zu entlasten. Vor Journalisten in Dortmund mahnte Kur­schus  zur Solidarität: „Wir stehen an der Seite jener Menschen, für die es eng wird!“

Von Johannes Loy

Annette Kurschus ist Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und als EKD-Ratsvorsitzende auch die öffentliche Stimme der Evangelischen Kirche in Deutschland. Foto: Barbara Frommann

„Im Moment erleben wir Krise auf Krise“: Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sieht die Menschen zurzeit in einem permanenten Ausnahmezustand. Sie steht zugleich einer Landeskirche vor, die selbst im Krisenmodus agiert – bedingt durch fortwährende Erosion ihres Mitgliederbestandes.

„Dass Waffen keinen Frieden schaffen, davon bin ich weiterhin überzeugt“, spricht Kurschus beim Jahresmediengespräch in Dortmund die zurzeit schwerste Krise in Europa an. „Aber jetzt halte ich die Unterstützung mit Waffen für ein Mittel, um kriegerischer Gewalt Einhalt zu gebieten“, sagt die Präses. Doch benennt sie gleichzeitig das ethische Dilemma: „,Du sollst nicht töten’ heißt ja auch: ,Du sollst nicht töten lassen!’“ Und ergänzt nachdenklich und gestenreich: „Gewalt kann letztlich nicht zum Frieden führen!“

Plädoyer für gezielte Hilfen für die Ärmsten

Ob die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen, zu der vom 31. August bis zum 8. September rund 4000 internationale Gäste aus 350 Mitgliedskirchen in Karlsruhe erwartet werden, Vertreter der Orthodoxie aus der Ukraine und Russland an einen Tisch bekommt? Das weiß zurzeit niemand. Die „Permanenz von Krisen“, nach Corona nun zusätzlich ein Winter mit Inflation und Kälte, ­beschäftigt auch die Landeskirche. „Wir müssen die Menschen in ihrer Fragilität unterstützen“, sagt die Präses und stellt klar: „Wir stehen an der Seite jener Menschen, für die es eng wird!“ Auf die Politik gemünzt spricht sich die EKD-Ratsvorsitzende für eine soziale Abfederung aus, die „nicht per Gießkanne“ aus­gegossen wird, sondern jene erreicht, die Hilfe am meisten benötigen. „Da werden wir nicht lockerlassen!“

Von der Energiekrise ist der Weg nicht weit zur Klimakrise. „Wir wollen klimaneutral werden“, gibt Kur­schus die Richtung vor. Das bedeute, gerade auch die Immobilien der Landeskirche von der Kirche bis zum Pfarrheim energetisch auf Herz und Nieren zu prüfen.

Sexueller Missbrauch: Vize­präsident räumt verspätete Aufklärung ein

Der Theologische Vize­präsident der Landeskirche, Ulf Schlüter, räumt ein, dass ­sexueller Missbrauch nicht allein ein Thema der Katholischen Kirche sei. Die Evangelische Kirche, die eigene systemische Probleme aufweise, sei im Vergleich zur Schwesterkirche bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt spät dran. Schlüter: „Ich wäre froh, wenn es schneller ginge!“ Eine bundesweit aufgelegte Missbrauchsstudie mit dem Titel „ForuM“ soll Anfang 2024 vorliegen, dann allerdings nicht nur das geistliche Personal, sondern auch die gesamte Diakonie umfassen. „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Thema“, ergänzt Schlüter und verweist auf die seit einigen Tagen aufkeimende Debatte in Schwimm- und Sport­verbänden. Mit Blick auf die alarmierenden Austritts­zahlen wird das Kirchensteuer-Modell laut Schlüter langfristig „fragil“. Dann müsse die Kirche auch über alterna­tive Finanzierungsmodelle wie etwa Spenden nachdenken. Bei über 22 000 Beschäftigten in der Landeskirche sei finanzielle Stabilität bedeutsam und dürfe sich nicht nur aufs Sparen ­fixieren. Mittlerweile habe die Kirche, so Schlüter, wie andere Arbeitgeber auch, die Sorge, noch genügend Arbeitskräfte für die vielen Dienste zu finden.

Bleibt Kirche präsent in der Gesellschaft? Darüber sinnieren Kirchenleute und Medienvertreter an diesem schwülwarmen Sommerabend in Dortmund ebenfalls nach. Aus gutem Grunde könne man natürlich nicht „vollmundig“ Parolen in Fragen ausgeben, in denen es Grauzonen gebe, sagt Annette Kurschus. In Fragen des Impfens habe sie sich allerdings früh für dieses Mittel zur Bekämpfung der Pandemie ausgesprochen. Dass man in Krisen nicht „vollmundig“ Sinndeutungen formuliere, sei ebenfalls nachvollziehbar. Bemerkt und bedauert wird in der EKD und in der Landeskirche allerdings, dass in den meist auf klare Konfrontation getrimmten Talkshows des Fernsehens kaum kirchliche Teilnehmer erwünscht sind, die eine differenziertere Haltung etwa über Krieg und Frieden vortragen möchten.

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