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Videotheken am Ende

Filmverleiher haben es immer schwerer

Münsterland

Videotheken und Filmverleiher sind im Abwärtstrend gefangen: dank den Angeboten des Internets - wie Streaming-Dienste oder illegale Downloads - kommen auch in die "World of Video" in Borken immer weniger Kunden.

Gunnar A. Pier

Noch lächelt Henner Stampehl – doch der Filialleiter der „World of Video“ in Borken ist sicher: „Man merkt schon, dass es dem Ende zugeht“. Foto: Gunnar A. Pier

Dirk Becker verkehrt die Welt, als er an einem Donnerstagvormittag im März in die „World of ­Video“ in Borken kommt. „Ich gucke immer erst bei Sky Select“, erklärt er. Wenn er bei dem Pay-TV-Sender einen interessanten Film aufgestöbert hat, merkt er sich den Titel und fährt in die Videothek, um sich die DVD auszuleihen.

Damit ­gehört er zu einem aus­ sterbenden Kundenkreis: Ein­zelhandel, Streaming-Dienste und illegale Downloads lassen landauf, landab die Videotheken sterben. Die Branche ist am Ende.

Abwärtstrend

Jörg Weinrich ist der ­geschäftsführende Vorstand des deutschen Interessenverbands des Video- und Medienfachhandels und kann den Abwärtstrend der Filmverleiher mit Zahlen belegen.

Im Jahr 2008, so sagt er, gab es rund 3500 Video­theken in Deutschland, darunter etwa 500 Verleih-Automaten. Sieben Jahre später, Ende 2015, waren zwei von drei Anbietern verschwunden – es gab noch 1200 Läden. Die aktuelle Zahl liegen noch nicht vor, aber Weinrich ist sicher: Sie ist dreistellig.

In Borken gibt es noch eine einzige Videothek. „Man merkt schon, dass es dem Ende zugeht“, sagt ­Filialleiter Henner Stampehl. Nicht morgen, nicht übermorgen – aber auf Sicht. Rund 5000 DVDs und Blurays stehen bei ihm im Laden, hoch im Kurs stehen bei seinen Kunden die aktuellen Blockbuster. „Aber unter der Woche wird der Tag schon mal lang.“ Wenn dann noch das Wetter zu gut zum Fernsehen ist, Bayern spielt oder irgendwo Schützenfest ist, kann er gleich abschließen.

Rund 5000 DVDs und Blurays stehen in der "World of Video". Foto: Gunnar A. Pier

Internet als Konkurrenz

Die größte Konkurrenz? „Das Internet“, sagt Stampehl. Streaming-Dienste wie Netflix und Maxdome machen ihm das Leben schwer. Dort lassen sich Filme legal gegen Bezahlung schauen. Wer will, kann zugreifen, ohne Jacke und Schuhe anziehen zu müssen und in die „World auf Video“ zu fahren.

Vorteile der Videotheken

Dabei sieht Henner Stampehl, natürlich, viele Vorteile. Die Videothek ist aktueller. Unentschlossene können sich vom Angebot in den Regalen inspirieren lassen. Und sie können ihn fragen: Der neue Film mit dem Schauspieler, der mal in diesem Film mit Dingsbums den ­irren Mörder gespielt hat – Filmfreak Stampehl weiß oft weiter. „Ich gucke alles, auch die blöden Filme.“

Dann der Preis: Aktuelle Filme kosten in der „World of Video“ 1,35 Euro pro Tag. Wer über Nacht ausleiht, was die Regel sein dürfte, ist also mit 2,70 Euro dabei – Streaming-Dienste kosten locker das Doppelte.

Doch die Sache mit dem Preis verfängt nach Ansicht von Verbandssprecher Jörg Weinrich nicht: „Wir haben es schwer, weil es unser ­Produkt im Internet umsonst gibt“, sagt er resigniert. Er fürchtet weniger die legalen Streaming-Angebote als die illegalen Downloads. „Netflix & Co. haben die aktuellen Spielfilme gar nicht“, erklärt er. Die aber seien die Blockbuster im Verleih­geschäft. Zudem litten die Videotheken seit 15 Jahren – deutlich länger also, als es ­legales Streaming gibt.

Dirk Becker aus Gescher-Hochmoor hat sich für „Die Insel der besonderen Kinder“ mit Eva Green und ­Samuel L. Jackson entschieden. „Das ist hier so schön unkompliziert“, findet er.

Verwertungskette für aktuelle Filme

Früher war die Sache klar: Die neuen Filme kamen erst ins Kino, mit jeweils etwa einem halben Jahr Abstand gab es sie erst in Videotheken, dann im ­Bezahlfernsehen, dann im freien Fernsehen. Das Geschäft ist schnell­lebiger geworden. Heute werden die Blockbuster oft schon nach drei Monaten freigegeben, dann kommen sie in die Videothek – aber eben auch in den Einzelhandel. Und damit tauchen sie auch schnell in illegalen Download-Portalen auf. Nachgefragt werden in der Bocholter Videothek übrigens nicht nur die aktuellsten Streifen, sondern zur Überraschung der Betreiber auch tausendfach gesehene Klassiker wie „Harry Potter“ und „Star Wars“.

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