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Fragen & Antworten

Missbrauch im Bistum Münster: Aufarbeitung läuft in wechselhaftem Tempo

Münster/Berlin

Seit 2010 erschütterten immer mehr aufgedeckte Fälle sexueller Gewalt die katholische Kirche in Deutschland. Die Debatte über sexualisierte Gewalt hat jedoch längst die gesamte Gesellschaft erfasst. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Gutachten in Münster.

Von Johannes Loy

Thomas Großbölting, Leiter der Historiker-Kommission. Foto: privat

Das Gutachten zu Fällen sexueller Gewalt im Bistum Münster wirft Fragen auf. Nicht nur zur Rolle der Kirche(n) in Fällen sexualisierter Gewalt, sondern auch im Hinblick auf die gesamtgesellschaftliche Debatte über Missbrauch und Prävention.

Warum gab das Bistum die Studie in Auftrag?

Seit 2010 erschütterten immer mehr aufgedeckte Fälle sexueller Gewalt die katholische Kirche in Deutschland. Das Bistum Münster entwickelte Präventionskonzepte, richtete eine Interventionsstelle ein, gab 2019 eine eigene Studie in Auftrag und sicherte den Experten der Uni Münster volle Unabhängigkeit zu. Vier Historiker und eine Ethnologin forschten. Kosten: 1,3 Millionen Euro.

Was soll das historische Gutachten bewirken?

Historiker können, wie Prof. Thomas Großbölting erklärt, „eine breitere Perspektive als Juristen“ einnehmen: Juristen müssen beurteilen, ob individuelles Verhalten einer bestimmten rechtlichen Norm entsprochen hat oder nicht. „Wir als Historiker können auch andere Kategorien zur Beurteilung eines bestimmten Verhaltens einbeziehen: Die vorherrschende öffentliche Meinung einer bestimmten Zeit etwa und Fragen von Moral und Ethik. Und das kann für die Prävention sogar wichtiger sein.“

Welche Geldbeträge zur Anerkennung des Leids hat das Bistum Münster bislang gezahlt?

Jüngsten Informationen des Bistums zufolge wurden bislang 228 Anträge zur Anerkennung des Leids gestellt. Die Gesamtsumme der geleisteten Zahlungen beträgt 3,4 Millionen Euro. Das Geld kommt nicht aus Kirchensteuermitteln, sondern aus dem Extra-Etat des Bischöflichen Stuhls.

Wie steht es um Gutachten in anderen Bistümern?

Die MHG-Studie, ein zwischen 2014 und 2018 im Auftrag der Bischofskonferenz aufgelegtes Forschungsprojekt mit Experten aus den Städten „Mannheim, Heidelberg und Gießen“ (MHG), ermittelte bei Untersuchungen von 2014 bis 2018 eine Zahl von 3677 Betroffenen seit 1946, die aber nur das „Hellfeld“ widerspiegelt. Der Studie zufolge gab es bei 1670 Klerikern (4,4 Prozent der untersuchten Akten) Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Während Bistümer wie München, Köln und Aachen danach bereits juristische Einzelgutachten erstellen ließen, stehen andere Diözesen noch am Anfang. Münsters Weg könnte Nachahmer finden.

Wie sieht es in der Evangelischen Kirche aus?

Von den Anerkennungskommissionen der Landeskirchen wurden der EKD bislang 942 Fälle sexualisierter Gewalt gemeldet, die sich seit 1949 im Raum der evangelischen Kirche und der Diakonie ereignet haben. Die Mehrheit der Fälle stammt aus dem Kontext der Heimerziehung. 2020 startete die zentrale Studie „ForuM“. Sie soll 2023 abgeschossen sein. Die neue EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus will das Thema angesichts einiger Verzögerungen zur Chefsache machen.

Wie viele Fälle sexualisierter Gewalt gibt es in Deutschland?

2021 sind mehr als 17.700 Kinder und Jugendliche in Deutschland Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Das seien im Durchschnitt 49 minderjährige Opfer pro Tag, sagt der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch. Mehr als verdoppelt haben sich 2021 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz oder Herstellung sogenannter kinderpornografischer Schriften. 39.171 derartige Fälle seien bei der Polizei angezeigt worden. Auch hier dürfte das Dunkelfeld weitaus höher liegen.

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