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Sterbenskrank

Karin Goddemeier hat Krebs – doch bis zuletzt will sie jeden Augenblick genießen

Münster

„Wir können nichts mehr für Sie tun“, sagten die Ärzte. Karin Goddemeier ist krank. So krank, dass sie sterben wird. Nur wann, das weiß niemand. Bis dahin tut sie, was die Ärzte ihr rieten: Die Zeit genießen, so gut es geht.

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Karin Goddemeier behält gute Laune: „Es geht um eine bestmögliche Lebensqualität bis zum Ende“. Foto: Ann-Christin Ladermann / Bischöfliche Pressestelle

Warm fallen die Strahlen der Frühlingssonne durch das Fenster auf das Bett, in dem Karin Goddemeier liegt. „Im Sommer habe ich das Fenster oft weit offen. Die Luft, die Wärme – das ist herrlich“, sagt die 78-Jährige mit einem Lächeln. Ihr rosafarbener Pyjama passt zur Bettwäsche mit Rosenmotiv. Eine Umgebung zum Wohlfühlen. Für Karin Goddemeier ist das wichtig. Außerhalb der Mahlzeiten steht die Münsteranerin nur noch selten aus ihrem Bett auf. Zu anstrengend, zu schmerzhaft. Die Kräfte schwinden. Karin Goddemeier ist krank. So krank, dass sie sterben wird. Nur wann, das weiß niemand.

Dass sie trotz ihres Zustandes zu Hause leben kann, verdankt sie neben ihrer Schwester, die sie versorgt, auch der ambulanten palliativen Begleitung, schreibt die Bischöfliche Pressestelle des Bistums Münster in ihrem Bericht. Jede Woche kommt Fabian Eichler vom Palliativ-Mobil des St.-Franziskus-Hospitals vorbei, unterstützt bei Formalitäten wie dem Beantragen von Pflegehilfsmitteln.

Besuch vom ambulanten Hospizdienst

Dankbar ist sie auch für den wöchentlichen Besuch von Bea Beule. Die Ehrenamtliche vom ambulanten Hospizdienst am Johannes-Hospiz nimmt sich jeden Mittwoch Zeit für die 78-Jährige. Ein bis zwei Stunden sitzt sie dann an ihrem Bett, hört zu, erzählt und entlastet so die Schwester.

Dass Karin Goddemeiers Zustand sich stabil hält – für die Ärzte ist das ein kleines Wunder. Vor fünf Jahren wurde ihr die Nebenniere entfernt, ein Tumor war diagnostiziert worden. Eine zweite Operation folgte, seitdem wächst eine große Geschwulst an der Stelle, von außen deutlich sichtbar. Die Chemotherapie schlug nicht an, schwächte Karin Goddemeier, der Therapieabbruch war unabwendbar.

„Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Dieser Satz der Ärztin ist ihr noch allzu präsent. „Ich bin kein Typ, der sich hängen lässt. Aber ich hatte durch die Nebenwirkungen überhaupt keine Kraft, um zu kämpfen“, blickt sie zurück.

Die verbleibende Zeit genießen

Den Rat der Ärzte, die verbleibende Zeit zu genießen, beherzigt Karin Goddemeier – auch, wenn sie das Bett nur selten verlassen kann. „Man erfreut sich an kleinen Dingen.“ Dazu gehören die Besuche der Söhne und Enkel, aber auch die halbe Flasche alkoholfreies Weizenbier, die sie seit kurzem am Abend gerne trinkt. „Das schmeckt mir richtig gut.“

Alle acht Stunden nimmt die 78-Jährige Morphium, ohne das Medikament wären die Schmerzen nicht auszuhalten. „Ich habe einmal eine Tablette weggelassen und mir geschworen, das nie wieder zu tun.“ Dreimal am Tag kommt ihre Schwester vorbei. Die 80-Jährige bringt morgens frische Brötchen mit, kocht das Mittagessen und isst mit ihr zu Abend. „Sollte das irgendwann nicht mehr gehen, müssen wir uns um einen Pflegedienst kümmern.“

Was auf der Palliativstation passiert

Zweimal hat sie sich in den vergangenen Jahren auf der Palliativstation des St.-Franziskus-Hospitals „aufpäppeln“ und mit Medikamenten neu einstellen lassen. „Vor meiner Erkrankung dachte ich, dort kommt man hin, um zu sterben“, sagt Karin Goddemeier. Dass palliativ bedeutet, dass nicht mehr die Ursache einer Erkrankung behandelt wird, sondern die Beschwerden, hat sie erst bei ihrem Aufenthalt erfahren. „Es geht um eine bestmögliche Lebensqualität bis zum Ende“, erklärt sie dankbar.

Karin Goddemeier ist vorbereitet für den Tag X. Angst vor dem Tod hat sie nicht. „Wenn es stimmt, dann sehe ich ja alle wieder, die mir lieb und teuer waren“, sagt die gläubige Katholikin. Auch ihren Mann, der 2005 verstorben ist. Große Ziele hat sie nicht mehr. „Vielleicht schaffe ich es diesen Sommer ja noch einmal, mit dem Rollator draußen ein paar Schritte zu gehen.“ Vor zwei Jahren war das zuletzt möglich. Karin Goddemeier wird nicht enttäuscht sein, wenn es nicht klappt: „Man hat sein Leben gelebt. Jetzt sind andere dran.“

„Woche für das Leben“

Die jährliche „Woche für das Leben“ ist eine gemeinsame Initiative der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland. Die Kirchen wollen damit für den Wert und die Würde menschlichen Lebens sensibilisieren. Die Aktion wurde 1991 von der Deutschen Bischofskonferenz und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken begründet. 1994 schloss sich die Evangelische Kirche in Deutschland an. An der Aktion beteiligen sich bundesweit Hunderte Gemeinden, Einrichtungen und Verbände. Jedes Jahr behandelt die Aktion ein anderes Thema wie etwa den Schutz des ungeborenen Lebens, das Leben im Alter und menschenwürdige Pflege. Seit dem 17. und bis zum 24. April 2021 weist die Initiative auf die Bedeutung der Hospiz- und Palliativversorgung hin.

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