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Bistum Münster

So viele Kirchenaustritte wie noch nie

Münster

Noch nie haben so viele Christen die katholische Kirche verlassen. Das Bistum Münster hat am Montagmittag die Kirchenaustrittszahlen für das vergangene Jahr 2021 vorgestellt. Die aktuelle Missbrauchsstudie hatte darauf noch keinen Einfluss.

Von Ralf Repöhler

Der St.-Paulus-Dom zu Münster: Die Zahl der Kirchenaustritte hat im Bistum Münster einen neuen Höchststand erreicht. Foto: IMAGO / Jochen Tack

Zwei Wochen nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie erreicht die offizielle Zahl der Kirchenaustritte im Bistum Münster einen neuen Höchststand. Danach erklärten bereits im vergangenen Jahr 2021 exakt 22.614 Katholiken ihren Austritt, 9916 mehr als im Vorjahr. Da das Bistum am Montagmittag die Statistik für das vergangene Jahr veröffentlichte, sind mögliche Austritts-Reaktionen auf die Missbrauchsstudie nicht eingeflossen und noch gar nicht mitgerechnet.

Die bislang höchste Zahl an Kirchenaustritten hatte es im Jahr 2019, also noch vor der Corona-Pandemie, mit 16.654 Katholiken gegeben. Als ein wesentlicher Grund für die hohen Austrittszahlen gilt die von vielen Menschen als schleppend wahrgenommene Aufarbeitung der Fälle sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. Wie sich die Vorstellung der Missbrauchsstudie auf die aktuellen Kirchenaustrittszahlen der vergangenen beiden Wochen auswirkt, ist dem Bistum nicht bekannt.

Verantwortliche müssen Haltung und Verhalten ändern

Für Bischof Felix Genn haben vor allem gravierende Fehler kirchlicher Verantwortungsträger im Umgang mit sexuellem Missbrauch zu den hohen Kirchenaustrittszahlen beigetragen. „Von daher bedauere ich es sehr, habe aber auch Verständnis dafür, dass viele Menschen mit der Institution Kirche nichts mehr zu tun haben wollen“, sagt er.

Kommentar: Kirche in tiefer Krise

Genn forderte erneut, dass viele, die in der Kirche Verantwortung tragen, ihre Haltung und ihr Verhalten ändern müssten. „Insgesamt müssen wir als kirchliche Verantwortungsträger – und da schließe ich mich selbst ausdrücklich ein – Kirche in dieser Haltung leben: zugewandt, veränderungsbereit, lebendig, vielfältig, offen, dialogorientiert, im Dienst an den Menschen stehend, Gewalt, Unrecht und sexuellen Missbrauch bekämpfend.“ Verantwortungsträger in der katholischen Kirche hätten es vielen engagierten Christinnen und Christen teilweise über Jahre oft schwer gemacht. Das müsse sich ändern.

Kirchliche Statistik 2021 Foto: Bistum Münster

Lange Wartezeiten bei Amtsgerichten

Immerhin: 257 Menschen, die früher die Kirche einmal verlassen hatte, traten im Bistum Münster im vergangenen Jahr wieder in die katholische Kirche ein. Hinzu kamen 105 Eintritte aus anderen christlichen Konfessionen.

Im vergangenen Jahr hatte das Bistum deutlich weniger Kirchenaustritte – für das Jahr 2020 – verzeichnet. 12.698 Katholiken, trotzdem die zweithöchste Zahl an Austritten überhaupt, hatten damals der katholischen Kirche den Rücken gekehrt. Die Zahlen 2020 waren allerdings massiv von der Corona-Pandemie beeinflusst, so hatten die Amtsgerichte und Kirchenaustrittsstellen während des monatelangen Lockdowns zeitweise geschlossen.

Kirchenaustritte können nicht spontan erfolgen, erforderlich ist ein Termin beim zuständigen Amtsgericht. Bei zahlreichen Amtsgerichten, wie zum Beispiel in Münster, waren diese Termine zuletzt nur nach längeren Wartezeiten zu bekommen.

Video "Nach Missbrauchsgutachten: Bischof Genn bezieht Stellung" in Kooperation mit dem WDR

Das Amtsgericht Münster hatte bereits im Januar gegenüber unserer Zeitung bestätigt, dass im Jahr 2021 mehr Münsteranerinnen und Münsteraner als je zuvor beide Kirchen verlassen hätten. 4000 oder mehr als 400 im Monat, was die Kirchenaustrittsstellen in Münster kaum noch bewältigen könnten. Die quartalsweise freigeschalteten Termine am Amtsgericht seien innerhalb weniger Tage ausgebucht, teilte ein Sprecher mit. Die Amtsgerichte unterscheiden nicht zwischen katholischer und evangelischer Konfessionszugehörigkeit. Erfahrungen früherer Jahre legen den Schluss nahe, dass die Konfessionen gleichermaßen betroffen seien.

Info

Münster ist zweitgrößtes Bistum in Deutschland

Die Katholikenzahl im Bistum Münster liegt knapp unter 1,8 Millionen Menschen. Exakt 1,763.393 Menschen zählte das Bistum Ende 2021. Das sind 34.176 weniger als ein Jahr zuvor.

Münster ist hinter dem Erzbistum Köln das zweitgrößte Bistum in Deutschland.

Im Erzbistum München und Freising waren seit Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im Januar 2022 deutlich mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten als in den Jahren zuvor. In den vergangenen sechs Monaten waren es über 14.000 Christen über alle Konfessionen hinweg.

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