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Der Ahauser Stadtrat lehnt Grünen-Antrag auf rein vegetarisches und veganes Catering ab

Polemik statt Argumente

Was für ein Trauerspiel, das sich den Zuhörern in der Sitzung des Ahauser Stadtrats bot – zumindest von einigen Ratsvertretern. Die Grünen hatten beantragt, bei städtischen Veranstaltungen nur noch vegetarische und vegane Häppchen anzubieten.

Rupert Joemann

Foto: Schwarze-Blanke

Das Fleisch sollte von den Servierplatten verschwinden.

Es folgte ein Sturm der Entrüstung quer durch die Fraktionen. Das Schlimme war dabei: Es ging vielfach nicht um Sachargumente. Vielmehr habe ich den Eindruck gewonnen, das Heiligtum Fleisch müsse unter allen Umständen geschützt werden. Ein Angriff dagegen scheint bei manchen etwas Ketzerisches zu haben. Das Thema polarisiert gewaltig.

Die Fleischindustrie ist so besorgt, dass gleich am nächsten Tag eine Lobby-Institution „Fokus Fleisch“ zu den Ereignissen in Ahaus Stellung bezog. Die Botschaft war klar: Jeder Ansatz einer Veränderung muss verhindert werden. Der Status Quo (und damit das Geschäft) muss unter allen Umständen erhalten bleiben.

Auch die meisten Ratsmitglieder möchten offensichtlich keine Veränderungen, zumindest nicht dann, wenn es um das eigene Verhalten geht. In der Sitzung wurde mehrmals schulterklopfend von Ratsmitgliedern darauf hingewiesen, dass die Stadt ja Fairtrade-Stadt sei. Stimmt. Das ist auch der richtige Weg und ein gutes Zeichen. Doch die alltägliche Arbeit dafür erledigt die Verwaltung. Ob die Ratsmitglieder fair gehandelten Kaffee und Zucker genießen, hat keine Auswirkungen auf ihr persönliches Verhalten. Fairtrade-Stadt hört sich aber gut an. Da kann man leicht zustimmen.

Schnell Schluss mit lustig

Geht es jedoch um persönliche Einschränkungen, ist schnell Schluss mit lustig. Die Grünen wollten den Menschen generell den Fleischkonsum verbieten, hieß es von Kritikern. Das stand aber überhaupt nicht im Antrag. Die Grünen wollten eigentlich drei Dinge: a) sicherstellen, dass Veganern ein Essensangebot gemacht wird, b) die Stadt sollte ein positives Beispiel geben, c) einen kleinen Beitrag leisten zu einer umweltschonenderen Ernährungsweise.

Zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung kam es jedoch kaum. Einige sinnhafte Wortbeiträge wurden leider nicht weiter verfolgt. Schade. Dafür war die Zündschnur bei einigen Ratsmitgliedern zu kurz. Sie verrannten sich in polemischen Äußerungen.

Sogar ein Konsens wäre wahrscheinlich kein Problem gewesen. Neben Fleisch- und vegetarischen Häppchen hätten die Ratsmitglieder einfach festlegen können, dass es auch Veganes geben soll. Sie hätten auch darüber reden können, ob sich der Aufwand für veganes Essen angesichts der wenigen Veganer (rund 1,5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland) überhaupt lohnt.

Chance wurde vertan

Der Rat hätte zudem darüber diskutieren können, ob Biofleisch oder Biogemüse aus der Region verwendet werden soll. Oder welche Argumente für ein Beibehalten der bisherigen Regelung sprechen. Über all das hätte der Rat sachlich streiten können. Diese Chance wurde vertan – und das lag nicht an den Grünen. Der Rat wollte in seiner Mehrheit ein striktes „Weiter so“. Das eigene Verhalten ändern oder zumindest mal überdenken? Nein danke.

Nur, ein weiter so wird sich die Menschheit angesichts globaler Veränderungen in vielen Bereichen nicht leisten können. Die Augen davor zu verschließen, ändert nichts an den Tatsachen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie wir als Gesellschaft den Wandel begleiten.

In der Hauptsache haben die Grünen recht. Wir essen zu viel konventionell produziertes Fleisch. Das schadet der Gesundheit und der Umwelt. Punkt. Dass das in einer Tierveredelungshochburg wie dem Westmünsterland nicht gerne gehört wird, ist nachvollziehbar. Wer schreit schon hurra, wenn ihm jemand ins Portemonnaie greifen will. Es ändert aber nichts an der Tatsache. Sich rechtzeitig darauf einzustellen, wäre vorausschauend und besser, als später von den Ereignissen überrollt zu werden.

Weltweiter Sachverhalt ist zu eindeutig

Jetzt wird jede Seite – egal ob pro oder kontra Fleisch – diverse Studien vorlegen können, die angeblich dieses oder jenes belegen. Die Grünen haben in ihrem Antrag Zahlen genannt. Noch besser wäre es gewesen, gleich die Quellen mit aufzuführen. Doch wer den Antrag ernst genommen hat, hatte die Möglichkeit, selbst einmal zu recherchieren oder die Grünen zu fragen.

Letztlich spielt das eine oder andere Prozentpünktchen in bestimmten Bereichen auch keine Rolle. Dafür ist der weltweite Sachverhalt zu eindeutig.

Im Umgang mit Statistiken bin ich eh vorsichtig. Früher wurden Anzeigen geschaltet, da wussten die Konsumenten, wer hinter den positiven Botschaften stand. Heute geht das viel subtiler. Die Industrie gründet Stiftungen oder sponsert Universitäten gleich ganze Fakultäten. Wenn später dann Frau Professorin oder Herr Doktor zufälligerweise eine Studie im Sinne der Geldgeber herausgibt, lässt sich das besser verkaufen. Der Zusammenhang zwischen Geldgeber und Studie ist nicht so leicht nachvollziehbar.

Fokus Fleisch ließ übrigens mitteilen: „Die Freiheit der Bürger, über ihre Ernährung selbst zu bestimmen, sollte nicht beschnitten werden.“ Dem stimme ich zu. Komplett ausgegrenzt werden bei der bisherigen Regelung in Ahaus übrigens nur die Veganer. Fleischesser essen auch Vegetarisches und Veganes. Gibt es aber ein lediglich fleischhaltiges und vegetarisches Catering, schauen die Veganer in die Röhre. Selbstverständlich hätten die Ratsmitglieder darüber reden können, ob es sinnvoll ist, jeder kleinen Minderheit gerecht werden zu müssen. Das ist aber nicht thematisiert worden.

Ideologische Gründe

Wohltuend war da der dezente Hinweis von Bürgermeisterin Karola Voß, die Veränderungen im Ernährungsverhalten berücksichtigen zu wollen.

So ist am Ende außer heißer Luft vor allem eins übrig geblieben: Teile des Stadtrats haben sich aus ideologischen Gründen gar nicht auf eine inhaltliche Diskussionsebene begeben. Das ist zum einen respektlos gegenüber dem Antragsteller, zum anderen wirft es die Frage auf: Wie ist das bei anderen Anträgen? Die Bürger dürfen doch wenigstens erwarten, dass ihre Vertreter sich von Argumenten leiten lassen. Alles andere wäre doch ein Trauerspiel.

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