Henrike Zinke wollte als Kind schon werden, was sie heute ist

Die „geborene“ Kinderärztin

Gronau

Manchen ist es eben doch in die Wiege gelegt. Henrike Zinkes Vater war Kinderarzt mit eigener Praxis in Espelkamp im nördlichen Ostwestfalen. Schon als Kleinkind sei sie mit dem Vater ins Krankenhaus gegangen, wenn er dort zu tun hatte, erinnert sie sich. „Für mich war immer klar: Das soll‘s sein.“

Christiane Nitsche-Costa

Henrike Zinke wollte nie etwas anderes werden als Kinderärztin. Mit Unterstützung der Stadt hat sie den Praxisanteil von Manfred Müller übernommen, der zum 1. Februar in den Ruhestand gegangen ist. Foto: Christiane Nitsche-Costa
Henrike Zinke

Der Berufswunsch hielt, und mit der Übernahme des Praxisanteils von Kinderarzt Manfred Müller am Möllenweg 26 am 1. Februar tritt die heute 48-Jährige endgültig in die Fußstapfen ihres Vaters. Dabei setzt die mit ihrer Familie in Epe lebende Fachärztin für Pädiatrie durchaus eigene Akzente – mit viel ehrenamtlichem Engagement, intensivem Familienleben, einem ungewöhnlichen Hobby und den Erfahrungen aus mehreren Jahren als Amtsärztin.

Schon von 2010 bis 2013 war Henrike Zinke an zwei Vormittagen in der Woche in Müllers Praxis tätig gewesen, parallel dazu arbeitete sie beim Gesundheitsamt, wo sie etwa Einschulungsuntersuchungen vornahm. Aus dieser Zeit hat sie ein besonderes Interesse an Entwicklungspädiatrie behalten.

Damals war sie selbst junge Mutter, hatte zwei kleine Söhne und sich gerade davon verabschiedet, jeden Montag nach Espelkamp zu fahren, um in der Praxis des Vaters zu helfen. Als die Kinder in die Schule kamen, beschränkte sie sich zunächst auf die Stelle beim Gesundheitsamt. „Das war doch leichter zu regeln, wenn zum Beispiel ein Kind krank war.“

Modellstudiengang

Dass Manfred Müller sich zur Ruhe setzen wollte, war bekannt. Schon 2016 hatte er einen Praxisanteil an Ulrike Metzler abgetreten. „Ich konnte mir zuerst nicht vorstellen, einen Praxisanteil zu übernehmen“, erinnert sich Henrike Zinke an ihr anfängliches Zögern als es um die Nachfolge ging. „Aber dann hat es sich doch relativ akut ergeben, weil Herr Müller keinen Nachfolger fand.“

Es mag daran liegen, dass Henrike Zinke in einem Modellstudiengang war, der das Medizinstudium mit mehr Fokus auf Praxisanteile und auf problemorientiertes Lernen vermittelte. Vielleicht sind es auch die Jahre des gemeinsamen ehrenamtlichen Engagements für ein Krankenhaus in Tansania mit ihrem Mann, der als Urologe am St.-Antonius-Hospital tätigt ist, die eine zupackende Entscheidung befördert haben: Henrike Zinke entschied sich letzten Endes doch für das Naheliegende und übernahm Müllers Anteil. Zudem hat die Förderung durch die Stadt Gronau nach den „Richtlinien über die Stärkung der ambulanten medizinischen Versorgung“ die Entscheidung positiv beeinflusst, die unter anderem einen Investitionszuschuss beinhalten. Letztlich sei sie „nahtlos eingestiegen“, so die Ärztin.

Dass sie selbst zweifache Mutter ist, kommt ihr im Kontakt mit den Familien, die die Praxis aufsuchen, zugute. Nach dem Studium in Berlin hatte Henrike Zinke im Mindener Krankenhaus die Facharzt-Ausbildung absolviert und ab 2004 in der väterlichen Praxis gearbeitet – nach der Geburt des ersten Sohnes 2006 in Teilzeit, auch wenn die Kinderarztpraxis wie selbstverständlich ein kinderfreundlicher Arbeitsplatz war. „Ich habe das Kind zum Stillen mit in die Praxis genommen“, erinnert sie sich. 2008 zog die Familie nach Epe, wo sie sich als Schulpflegschaftsvorsitzende der Overbergschule engagierte. „Nebenbei“ legte sie 2016 die Jägerprüfung ab.

Aktuell beschäftigen sie – wie könnte es anders sein – die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre Klientel. „Es war vor Corona schon deutlich zu sehen, dass viele Entwicklungsbereiche allgemein später erreicht werden“, so ihre Erfahrung. Jetzt aber kommen neue Phänomene hinzu: „Durch Corona sehen wir eine deutlich höhere Adipositas-Rate.“

Und nicht nur Übergewicht bei Kindern macht der Fachärztin Kopfzerbrechen. „Auch dass sich der Medienkonsum deutlich erhöht hat, was wiederum zu Problemen in anderen Bereichen führt.“ Gerade bei Schulkindern gebe es Auffälligkeiten, „die einer Beratung bedürfen.“ Von Selbstverletzungen bis zu Zwängen und Angststörungen reiche da die Palette.

Nicht zuletzt darum ist sie froh, dass auch ihre Praxis gegen das Corona-Virus impfen kann, „sofern wir den Impfstoff bekommen.“ Aktuell können ab einem Alter von 16 Jahren Risikopatienten wie Kinder mit Trisomie 21, einer Lungenerkrankung oder an Krebs erkrankte Jugendliche den Impfschutz erhalten. Außerdem sei es bei diesen Patienten wichtig, „auch die Eltern zu schützen“, so Henrike Zinke. Für Kinder ab zwölf Jahren hoffe sie infolge US-amerikanischer Studien mit dem Biontech-/Pfizer-Impfstoff, die aktuell laufen, auf eine baldige Zulassung.

Die meisten Patienten, die mit Erkältungssymptomen in die Praxis kommen, seien aber bislang „in der Regel negativ“ getestet worden. „Wir haben hier mehr Testungen, weil Eltern positiv waren.“ Und schließlich gebe es auch andere Infektionskrankheiten; „die sind neben Corona weiterhin da.“

Nicht zuletzt sehe sie sich in einer beratenden Rolle für Eltern, das gehöre klassischerweise zum Spektrum des Kinderarztes. So frage sie etwa bei der Vorsorgeuntersuchung für Zweijährige immer, ob das Kind schon im Haushalt helfe. „Dann schauen mich die Eltern oft mit großen Augen an.“

Dabei gehe es eben nicht darum, so etwas wie Kinderarbeit zu fördern, sondern schlicht das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, das Nachahmen von Erwachsenen und die Lust am gemeinsamen Tun.

Die verspürt Henrike Zinke auch im erweiterten Praxisteam, zu dem neben ihrer Kollegin Ulrike Metzler neun Mitarbeiterinnen in unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen gehören. „Ich bin sehr froh, dass wir das zusammen machen“, sagt sie über ihre Kollegin. „Ich habe das Gefühl, dass wir beide eine ähnliche Auffassung von Medizin haben“, sagt sie. „Die Zusammenarbeit ist sehr konstruktiv.“

Dabei zeigt sich die frisch gebackene Praxis-Mitinhaberin auch hier ambitioniert. Henrike Zinke: „Perspektivisch wäre es nicht verkehrt, wenn wir personell noch mehr würden.“

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