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Simon und Bertha Pagener (Meyer)

Die Überlebenden

Epe

Simon und Bertha Pagener (Meyer) aus Epe galten als tot. Ermordet im Konzentrationslager – wie ihre Töchter und Enkel. Doch bei seinen Recherchen zu den Schicksalen der Eper Juden stieß Rudolf Nacke vom Förderverein Alte Synagoge Epe auf eine Überraschung. Die beiden Eperaner hatten überlebt. Allerdings waren sie nicht nach Epe zurückgekehrt, sondern verbrachten ihre letzten Lebensjahre in Amsterdam. Rudolf Nacke hat die erstaunliche Geschichte aufgeschrieben.

Rudolf Nacke

Das alte Foto zeigt einen Blick in die Ostepoort (Oststraße) in Epe in Richtung Ortsmitte. Links das Haus der Familie Pagener, die ein Manufakturwarengeschäft hatte und auch Viehhandel betrieb. Rechts das noch bestehende Haus Nöttebrock (Ecke Antoniusstraße). Foto: Sammlung Heimatverein

Schon im Herbst 2019 hatte ich eine Anfrage an das Archiv (Naam en Gezicht) des niederländischen Konzentrations- und Durchgangslagers Westerbork gesandt, mit der Bitte zu prüfen, ob es detaillierte Informationen über die aus Epe (Westf.) stammenden Lagerhäftlinge gibt. Anfang Dezember 2019 erhielt ich die erhoffte Liste zu 25 Namen. Beim Überprüfen aller Angaben überraschte mich in der Rubrik „overlijdensplaats“ (Sterbeort) hinter den Namen Simon Pagener und Bertha Pagener (Bertha Meyer gm Simon) die Angabe Amsterdam.

Yad Vashem

Im Datensatz Nr. 11604403 von Yad Vashem in Jerusalem, der Zentralen Datenbank für die Opfer des Holocaust, sind Simon und Berta als „ermordet“ vermeldet. Ebenso steht es auf den Stolpersteinen vor dem Haus Oststraße 18 in Epe.

Ermordet in Amsterdam? Gab es Verwechselungen? Namensgleichheit? Eine zweite Anfrage in den Niederlanden war nötig mit der Bitte, die Angaben zu prüfen. Auch jetzt kam die Bestätigung: Bertha Pagener (Meyer) ist am 2. Juni 1952 in Amsterdam verstorben. Simon Pagener als Ehemann starb am 5. November 1961 in Amsterdam.

Von Westerbork nach Theresienstadt

Zunächst stand fest: Die Eheleute sind am 20. Juni 1943 ins Lager Westerbork in den Niederlanden eingeliefert worden. Sie waren in Baracke 55 untergebracht. Das war in einer Zeit, als sehr viele Gefangene eingeliefert und für den baldigen Transport in die Vernichtungslager weitergeleitet wurden.

Weiter konnte festgestellt werden: Am 18. Januar 1944 wurden Simon und Bertha zusammen mit 870 Leidensgenossen mit den Transportnummern 531-XXIV/2 und 532-XXIV/2 ins KZ Theresienstadt deportiert. Die Transportkarten liegen vor. Dort verloren sich alle Spuren. Sie konnten also nur als verschollene Opfer des Holocaust betrachtet werden, da es kein Lebenszeichen von ihnen mehr gab. Ihre beiden Kinder, Anna und Käthe Pagener, waren definitiv ermordet worden.

Niemand aus der weiteren Verwandtschaft, der rechtzeitig hatte fliehen können, hatte je vom Überleben von Bertha und Simon gehört. Es gab weitere Umstände, die ein Überleben nach so viel Jahren Verfolgung und tödlicher Aggression nahezu unmöglich erscheinen ließen. Simon Pagener war am 27. Juli 1872 in Epe geboren worden, er war also beim Transport nach Theresienstadt schon 71 Jahre alt. Seine Frau Bertha aus Haltern, geboren am 15. November 1872, war ebenfalls 71 Jahre. Wie sollten sie da überlebt haben?

Simon Pagener lebte mit seiner Familie bis zum Beginn der Naziherrschaft vollkommen integriert als Bürger von Epe. Er konnte auf eine über 100-jährige Familientradition in Epe, das durch eine moderne textile Industrialisierung geprägt war, zurückblicken. Seine Kinder besuchten die Eper katholischen Schulen, er war Mitglied im 300 Jahre alten Bürgerschützenverein. Bis zu seinem Ausschluss am 14. April 1933 gehörte er ebenfalls dem Kriegerverein Epe an. Für jedermann sichtbar begann wohl spätestens jetzt die Ausgrenzung der jüdischen Familie aus dem gesellschaftlichen Leben.

Hass und Misshandlung in der Pogromnacht

Einen vorläufigen Höhepunkt von Hass und Schmerz musste Simon Pagener in der Pogromnacht am 9. November 1938 erleiden, als man in sein Haus eindrang, es demolierte und er vor den Augen zahlreicher Zuschauer auf die Straße gezerrt und schwer misshandelt wurde. Dies war wohl das letzte Signal, dass aus dem kleinen Geschäftsmann und Nachbarn Simon Pagener „der Jude“ geworden war, für dessen Familie es in Epe keine Zukunft mehr gab.

Wohl als erstes Familienmitglied floh die am 1. Februar 1909 in Epe geborene Tochter Käthe Pagener in die Niederlande. Am 11. April 1939 ist sie im damals noch nicht besetzten Amsterdam Michelangelostraat 6 5hs gemeldet. Nach mehreren Wohnungswechseln kommt sie am 15. Dezember 1943 nach Westerbork. Am 12. Oktober 1944 wird sie nach Theresienstadt deportiert und zwei Tage später nach Auschwitz weiterverfrachtet. Auch dort hat ihr Leiden noch kein Ende. Wenige Tage später beginnt die Auflösung des Lagers, und bei den Todesmärschen im Januar 1945 werden 60 000 Gefangene nach Westen getrieben. Darunter muss auch Käthe gewesen sein. Am 31. März 1945 wird sie im KZ Bergen-Belsen für tot erklärt.

Ihre fünf Jahre ältere Schwester Anna war mit Max Eichenwald verheiratet und lebte mit ihren beiden Kindern Hannelore Eichenwald (Jahrgang 1931) und Liesel Eichenwald (Jahrgang 1938) ebenfalls an der Oststraße 18 in Epe. Auch sie waren in die Niederlande geflüchtet, über Westerbork nach Theresienstadt und weiter nach Auschwitz deportiert worden. Die Kinder starben am 21. November 1944 in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau, etwas später auch ihr Vater Max. Anna wurde 1945 im KZ Flossenbürg umgebracht.

Damit war dieser Zweig der Familie Pagener ausgerottet, Kinder und Enkelkinder ermordet.

Auch Simon und Bertha Pagener waren 1940 in Amsterdam gemeldet und saßen seit der Besetzung der Niederlande am 10. Mai 1940 in der Falle. Zeitweise wohnten sie sogar mit Tochter Käthe zusammen. Und diese betagten Eheleute sollten die KZ überlebt haben?

„Joodse Invalide“

Tatsächlich wird man im Amsterdamer Stadtarchiv und bei den Karteikarten aus der Kartothek des Judenrats in Amsterdam fündig. Im dortigen Stadtarchiv sind Abschnitte abgedeckt, wenn man die Namen der beiden aufruft. Offensichtlich unterliegen die Angaben über Überlebende einem besonderen Schutz – auch heute noch.

Auf den Karteikarten des Judenrats gibt es handschriftliche Eintragungen und sich erst nach und nach erschließende Abkürzungen. Simon und Bertha Pagener sind seit dem 22. Oktober 1945 in Amsterdam aus Theresienstadt zurück! Sie sind jetzt „Statenloos“. Ihre neue Adresse heißt jetzt „J.I.“, das ist die Abkürzung für „Joodse Invalide“ und liegt am Weesperplein in Amsterdam. Dies ist eine Einrichtung, die sich um jüdische (überlebende) Invaliden kümmert, also eine Art Altersheim. Dort also verbrachten Bertha und ihr Mann ihren kümmerlichen Lebensabend, bevor Bertha am 2. Juni 1952 mit 80 Jahren verstarb.

Simon Pagener, einst stolzer Eper Bürger, verstarb neun Jahre später am 5. November 1961, hochbetagt mit 89 Jahren in einer Amsterdamer Pflegeeinrichtung. Mit ihrer grausamen Vergangenheit und auch wohl mit besseren Tagen hatten beide erkennbar gebrochen.

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