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Vor 150 Jahren entstand der Platz für die Gronauer Friedenseiche

Ein Zeichen für den Frieden und das Kaiserreich

Gronau

Die Gronauer Friedenseiche, eine Bezeichnung, die aus lokaler Sicht zunächst einmal den Wunsch nach friedlichem Miteinander und Völkerverständigung ausdrückt. Tatsächlich aber war es nicht nur das,was die Stadtväter vor 150 Jahren, und mit ihnen die meisten Kommunen, 1871 damit zum Ausdruck bringen wollten.

Eckhard Bohn

Die durch einen Holzzaun geschützte Gronauer Friedenseiche um 1930 auf dem Mühlenplat Foto: Christoph Peter, Sammlung Stadtarchiv Gronau

Vor nun 150 Jahren begann in der deutschen Zeitrechnung jenes bedeutungsvolle Jahr 1871, das Generationen von Schülern als der Meilenstein in der deutschen Geschichte „eingebläut“ wurde. Wer das nicht wusste, galt im Unterricht als verloren.

Es war das Triumphjahr des Otto von Bismarck. Der im Vorjahr von Frankreich (als Reaktion auf Provokationen Bismarcks) erklärte Deutsch-Französische Krieg fand im Frühjahr 1871 ein aus deutscher Sicht ruhmreiches Ende.

Proklamation des Kaisers

Bereits mit Beginn des Jahres hatte sich das Deutsche Reich, an dessen Entstehen Bismarck maßgeblich beteiligt war, verfassungsmäßig konstituiert und durch die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser erstmals als einheitlicher Nationalstaat ausgewiesen.

An dem siegreichen, nicht aber verlustlosen Krieg, dessen Kampfhandlungen bereits Ende Februar abgeschlossen waren, der aber erst durch den zu Frankreichs Lasten geschlossenen Friedensvertrag am 10. Mai 1871 offiziell beendet wurde, waren auch Gronauer beteiligt gewesen.

Gronauer sehnten sich nach Frieden

Bei aller Begeisterung für diesen Krieg und bei allem Jubel über die gewonnene Schlacht von Sedan, die Kapitulation von Metz und die Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 sehnte sich die Bevölkerung nach dem endgültigen Frieden.

Bereits in der Interimszeit zwischen dem Vorfrieden (Präliminarfriede), der am 26. Februar in Versailles geschlossen wurde und dem zwischen der Französischen Republik und dem Deutschen Reich geschlossenen Frieden von Frankfurt, mit dem formell der Deutsch-Französische Krieg endete, begann im neuen Deutschen Reich das Pflanzen von Friedeneichen.

Gedenkbäume als Zeichen der Freiheit

Das Pflanzen von Gedenkbäumen als Zeichen der gewonnenen Freiheit war seit der Französischen Revolution üblich geworden. Im Gegensatz zu diesen Freiheitsbäumen, die in der Regel Linden waren, waren die Gedenkbäume nach dem Deutsch-Französischen Krieg typischerweise Eichen.

Die Mehrzahl dieser jetzt als Friedenseichen bezeichneten Denkmäler wurde direkt nach Kriegsende oder nach der Reichsgründung 1871 gepflanzt. Mit diesen bald allerorts erfolgten Anpflanzungen drückten die Menschen den Wunsch nach dauerhaftem Frieden aus.

Auszug aus dem Protokollbuch der Gemeinde „Stadt Gronau“

Ein Datum für die Pflanzung der Gronauer Friedenseiche lässt sich mangels anderer Quellen nur indirekt aus dem Protokollbuch der Gemeinde „Stadt Gronau“ herleiten.

Im Eintrag vom 14. April 1871 wird darin auf eine Verfügung des damaligen königlichen Landrates Maximilian Freiherr von Kerckerinck zur Borg Bezug genommen. Dieses hatte nämlich im Vormonat unter der Nummer 1094 die Pflanzung von Friedenseichen in Folge der Siege der Truppen unter Preußens Führung angeordnet.

Stadt hat keinen geeigneten Platz

Der hierzu protokollierte Beschluss der (Stadt-)Versammlung unter Amtmann ter Meulen lautete recht nüchtern „daß die Stadt Gronau hierzu einen geeigneten Platz nicht besitze, jedoch soll ein solcher ausgemittelt werden“.

Man hatte also ad hoc keinen geeigneten Platz oder wollte keinen aus städtischem Besitz hergeben. Jedoch war man bereit, sich nach einer geeigneten Fläche umzusehen. Schließlich einigte man sich als Standort der Friedenseiche auf den Mühlenplatz.

Friedenseiche in Klein Venedig

Dort besaß die Stadt eine kleine Parzelle nördlich der Altstadt, umrahmt vom Dinkelfluss (Klein Venedig), der Wassermühle, dem Pastorat St. Antonius sowie der katholischen Stadtschule. Auf diesem öffentlichen Hofraum erfolgte schließlich auch die Pflanzung der Eiche, das genaue Datum ist aber nicht bekannt.

Als Anlass könnte die feierliche Rückkehr der siegreichen Gronauer Kriegsteilnehmer im Sommer 1871 gedient haben. Übrigens wurden im damaligen Dorf Epe (im Gemeindepark an der Umflut) und dem umliegenden Kirchspiel auf dem Windmühlenberg ebenfalls Friedenseichen gepflanzt.

Gronauer Kriegerverein gegründet

Schon bald nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs erfuhren Vereine und Organisationen, in denen das Andenken an den siegreichen Deutsch-Französischen Krieg wachgehalten werden sollte, enormen Zulauf. Die Feldzugteilnehmer wollten die im Felde geübte Kameradschaft auch in ihrem privaten Leben betätigen, wollten die Kriegserinnerungen lebendig halten, wollten, dass vor allem die Liebe zu Kaiser und Reich Gemeingut des Volkes würde.

Dies führte am 3. September 1873 zur Gründung des Gronauer Kriegervereins, dessen erster Vereinspräsident der Gendarm Franz Windhorst wurde. Ähnlich den bald in die zig Tausende gehenden anderen lokalen Kriegervereinen ging es auch in Gronau neben dem Erhalt der Kameradschaft um die Fürsorge für Kriegsversehrte und Hinterbliebene (Witwen und Waisen) sowie den Heldenmythos der ehemaligen Frontkämpfer.

Einweihung im Sommer 1887

Einher mit der Gründung der patriotischen Kriegervereine kam es zu einer schleichenden Abkehr von der Sehnsucht nach einem dauerhaften Frieden. Bald waren Kriegerdenkmäler gefragt, die zur Heldenverehrung der gefallenen Kameraden im öffentlichen Raum dienten.

In Gronau entschied man sich als Gedenkstätte für ein Denkmal mit der auf einem hohen Sockel stehenden und zum Krieg gerüsteten Germania. Es trägt die Inschrift: Die Bürger des Amtes Gronau ihren im ruhmvollen Kampfe für Kaiser und Vaterland gefallenen Söhnen.

Die Einweihung fand unter Teilnahme der Kriegervereine von Gronau und Epe im Sommer 1887 statt. Damals hatte wohl kaum jemand geahnt, dass das Denkmal während des Ersten Weltkriegs in immer kürzeren Abständen als Gedenkort für die gefallenen Söhne der Stadt dienen würde.

Gronau blüht als Textilstadt auf

Mit der Schaffung des Germania-Denkmals spielte die Friedenseiche in der aufblühenden Textilstadt in Sachen Erinnerungskultur nur noch ein Schattendasein. Unbeachtet vom Kriegerverein, den städtischen Repräsentanten und den Bürgern war sie bald nur noch ein ganz gewöhnlicher Baum auf dem Mühlenplatz.

Zwei Weltkriege sollte die Eiche ohne Schaden zu überstehen – um dann nach 1945 die politische Aussöhnung zwischen den einstigen Erzfeinden Deutschland und Frankreich zu erleben. Zwischenzeitlich wandelte sich nach 1914 die Umgebung des Mühlenplatzes durch bauliche Veränderungen zudem erheblich.

Nach dem Abriss der Wassermühle erfolgte 1972 die völlige Neugestaltung des Mühlenplatzes. Dabei versäumte man es, den Raum um die Friedenseiche derart zu gestalten, dass der Baum ausreichend Nährstoffe bekam. Die durch die Pflasterung entstandene Versiegelung der Oberfläche hemmte das weitere Wachstum des nunmehr 100-jährigen Baumes, und er begann allmählich abzusterben.

Eiche ist 1982 nicht mehr zu retten

Untersuchungen der Stadtgärtnerei hatten im Sommer 1982 schließlich ergeben, dass die Eiche nicht mehr zu retten war. Daraufhin wurde der Baum im Januar des Folgejahres im Beisein einiger Schaulustiger gefällt. Zehn Tage später erfolgte an gleicher Stelle als Ersatz die Neupflanzung eines bereits 25 Jahre alten Eichenbaumes. Damit hat die ursprüngliche Friedenseiche bis auf den heutigen Tag einen würdigen Nachfolger gefunden.

Die Heimatvereine Gronau und Epe möchten im kommenden Jahr den Platz um die Friedenseichen aufwerten. Neben dem Schaffen einer Sitzgelegenheit in Form einer Rundbank oder ähnlichem ist an das Anbringen einer Tafel oder Erinnerungsplakette gedacht. Auch soll versucht werden, die drei Bäume zu Naturdenkmälern zu erklären.

Originaleichen im Eper Park und auf dem Windmühlenberg

Im Eper Park und auf dem Windmühlenberg handelt es sich noch um die Originaleichen von 1871. Der Gronauer Heimatverein hofft für die Gronauer Eiche, dass sie bei der geplanten Neugestaltung des Mühlenplatzes nicht wiederum irreparablen Schaden nimmt.

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