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Gronauerin Tabita Ricking erlebt Corona-Krise als Au Pair in den USA

Es ist eine echte Achterbahnfahrt

Gronau/Washington DC

Im Juli 2019 reiste die heute 18-jährige Tabita Ricking nach dem Schulabschluss in die Staaten, um bei einer Gastfamilie in Washington DC als Au-Pair-Mädchen zu arbeiten. Drei Monate bleiben ihr dort noch. Doch durch die Corona-Krise läuft der Aufenthalt anders als gedacht.

wn

Die Gronauerin Tabita Ricking ist derzeit als Au-Pair in Washington DC im Einsatz. Über ihr Leben dort in Zeiten von Corona berichtet die 18-Jährige jetzt in den WN. Foto: privat

Sie hatte sich ihren USA-Aufenthalt etwas anders vorgestellt. Im Juli 2019 reiste die heute 18-jährige Tabita Ricking nach dem Schulabschluss in die Staaten, um bei einer Gastfamilie in Washington DC als Au-Pair-Mädchen zu arbeiten.Drei Monate bleibt sie noch dort, betreut ein siebenjähriges Mädchen in der Familie. Tabita Ricking: „Meine Gastfamilie ist super lieb und unterstützend.“

Die weltweite Pandemie hat einen Strich durch manche ihrer USA-Pläne gemacht, wie Tabita schreibt: „Durch den Coronavirus sitze ich hier jetzt im Haus fest und kann nur bedingt raus. Viele Au Pairs sind auch zurück nach Hause gegangen. Ohne Corona würde ich viel mehr unternehmen – auf Konzerte gehen. Ich hatte mehrere Reisen geplant und würde meine Freunde oft treffen und ich hätte ein paar College-Kurse offline auf dem Campus besucht.“

Diese Kurse besucht sie jetzt online. Und hat daneben Zeit, sich über diese besondere Situation und das Corona-Virus Gedanken zu machen.

In ihrem Tagebuch hält sie ihre Erlebnisse in Zeiten von Corona fest:

  • Mittwoch, 11. März

Der Coronavirus ist überall. Alle reden über ihn. Und ich kann ihn gar nicht einschätzen. Es ist echt eine Achterbahnfahrt. Wir wollten heute zu einem Konzert, das wurde aber abgesagt. Ergibt Sinn, ist trotzdem schade. Ab Freitag darf niemand mehr für 30 Tage aus Europa einreisen, auch Mama nicht, die in zwei Wochen vorbeischauen wollte. Es dreht gerade alles ein bisschen durch. Meine Gastmutter hat einfach vier Puzzle mit mehr als 1000 Teilen gekauft – falls wir wochenlang im Haus feststecken sollten. Ich hab so keine Ahnung, wie es weiter geht. Ist es nicht ironisch, dass der Virus besonders ältere Menschen betrifft und es den Jungen im Grunde egal sein könnte. Was es definitiv nicht sollte! Wo es beim Klimawandel doch genau andersrum ist. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um einen Handel mit der älteren Generation zu abzuschließen: Umweltbewusstsein gegen Zuhause bleiben.

  • Sonntag, 15. März

Quarantäne Tag 2. Seit gestern verlassen wir, wie empfohlen, so wenig wie möglich das Haus, eigentlich nur zum Einkaufen und Laufen gehen – und immer Abstand halten. Irgendwann in der Zukunft dann so: „Oma wie war das früher?“ „Die Quarantäne wegen Covid-19? Ach mein Kind, ich sage dir, da war wat los. Und ich war ja auch in Amerika.“

  • Montag, 16. März

Quarantäne Tag 3: Ab morgen sind die Kinos und Fitnessstudios hier in Maryland auch offiziell zu. Der Tag war erstaunlich einfach, einfach ein Schritt nach dem anderen. Aber bis wohin? Bis wann?

  • Dienstag, 17. März

Quarantäne Tag 4: Ja es ist alles so wie es ist, aber ich hab es mir trotzdem anders vorgestellt.

  • Mittwoch, 18. März

Quarantäne Tag 5: Ich bin so müde, obwohl ich viel geschlafen habe und sobald ich ein wenig mehr Energie gesammelt habe, ist der Tag auch schon verflogen.

  • Donnerstag, 19. März

Quarantäne Tag 6: Eine Freundin von mir (die einzige, die ich noch treffe) ist heute wieder vorbei gekommen und wir haben unsere Serie weiter geschaut. Ist das nicht das, was jeder gerade macht, Serien schauen? Und wir haben jetzt zur Verabschiedung einen Fußschlag entwickelt.

  • Freitag, 20. März

Quarantäne Tag 7: Irgendwie geht es gerade jedem schlecht.

  • Samstag, 21. März

Quarantäne Tag 8: Ein riesiger Wirbelsturm der Aufmerksamkeit dreht sich hier jährlich um die Kirschblüten. Ich bin vor Sonnenaufgang aufgestanden, um die Bäume in DC zu sehen. Trotzdem waren schon viele Menschen da. Ich hab mich unwohl gefühlt und schuldig und wütend. Die Blüten sind wohl echt schön, aber Social Distancing sieht anders aus.

  • Sonntag, 22. März

Quarantäne Tag 9: Irgendwie schaff ich viel von dem, was ich länger mal erledigen wollte – wie Löcher in meiner Kleidung zu stopfen – und gleichzeitig kaum was. Ich darf aber ja auch nicht zu schnell alles erledigt haben, sonst hab ich irgendwann nix mehr zu tun. Genau die richtige Denkweise. Und noch was: Ich studiere jetzt an der Yale! Von meinem Zimmer aus, ja. Endlich konnte ich wieder etwas planen. Ich bin so aufgeregt und freue mich auf die vier Online-Kurse, die ich bis Ende Mai studieren werde.

  • Montag, 23. März

Quarantäne Tag 10: Die Kirschblüten in Kenwood, einer Nachbarschaft bei mir in der Nähe, sind noch schöner als vor ein paar Tagen, trotz Regen. Genug Regen, um die Menschen von den Straßen fernzuhalten, aber nicht genug um selbst klatschnass zu werden. Social distancing kann so einfach sein, dank Regen. Einmal bin ich auf eine ältere Frau zugelaufen, die mir am gleichen Straßenrand entgegen kam. Vorsichtig nimmt sie ihren Fuß und tritt einen Schritt Schritt, fast schon in den Vorgarten einer dieser eindrucksvoll arroganten Villen. Wie beabsichtigt laufe ich einen extra großzügigen Bogen um sie. Wir lächeln uns an, ein Lächeln, das pure Freundlichkeit ausstrahlt, und grüßen. Das, liebe Leute, ist Social Distancing ohne dabei die Menschlichkeit und Freude zu verlieren.

  • Freitag, 27. März

Quarantäne Tag 14: Selbst Oma hat so etwas noch nie erlebt. Und Trump verbreitet ganz viele Unwahrheiten. Es ist ja nicht mal mehr so, als hätte er nur eine andere Meinung. Nein, ganz objektiv und anhand vieler wissenschaftlicher Fakten sind seine Aussagen einfach falsch. Trotzdem ist sein Zuspruch gerade so erschreckend hoch.

  • Montag, 30. März

Quarantäne Tag 17: Ab heute Abend gilt eine Ausgangssperre mit Ausnahmen wie Sport und Einkaufen. Plötzlich hab ich noch mehr Zeit, weil auch mein letzter außerfamiliärer sozialer Kontakt verboten wurde – muss wohl. Morgens war ich laufen, dann hab ich gearbeitet und nachmittags saß ich in der Sonne auf der Terrasse und hab mich mit meinem College-Kurs beschäftigt und gemalt. Was für ein Privileg es überhaupt ist, einen Garten zu haben. Und jetzt, wo ich selbst mit meinen Freunden hier, die fünf Minuten entfernt wohnen, nur virtuell sprechen kann, ist meine Familie in Gronau ja auch nicht so viel weiter weg.

  • Dienstag, 31. März

Quarantäne Tag 18: Vor vielen Monaten habe ich eine Bucket List geschrieben, mit Dingen, die ich hier machen möchte. Die liegt aktuell auf Eis, bis auf den Punkt mit dem Marathon. Jetzt, wo ich nur noch zum Sport machen aus dem Haus kann, lauf ich glaub ich am Samstag zweiundvierzig Kilometer. Wenn in Frankreich jemand das auf seinem sieben Meter langen Balkon schafft, dann kann ich das hier auch, wo ich dafür sogar noch nach draußen gehen darf.

Der Online-Unterricht hat mittlerweile auch die öffentlichen Grundschulen erreicht. Der erste Videochat meines siebenjährigen Gastkindes mit ihrer Klasse – noch ohne Lehrerin – war sehr chaotisch. „I will kick you out“, „I‘m on my own computer right now“ – „Do we really need to know that?“, „I muted you“. Das kann ja was werden.

  • Freitag, 3. April

Quarantäne Tag 21: Irgendwie nehme ich viele kleine Dinge in einem neuen Licht wahr. Den Sonnenuntergang, die gemeinsame Zeit, neue Möglichkeiten. Brauchte es wirklich eine Pandemie, damit ich lerne, was Wertschätzung ist? Wir haben endlich Wochenende, auch wenn das nicht viel ändert, außer dass ich mehr Zeit habe. Ich bin nach Amerika gegangen, um ein Abenteuer zu erleben. Hier hab ich es.

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