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Aktenzeichen xy-ungelöst

Fall Zierock: Mord ohne Leiche

Gronau

Im Melderegister der Stadt wird er mit der Bemerkung „nach unbekannt verzogen“ geführt. Für die Polizei gilt er offiziell noch immer als vermisst.

Klaus Wiedau, Klaus Wiedau

Die Kriminalhauptkommissare  Peter Niehoff (r.) und Manred Lenz im Aktenkeller der Polizeiwache. Der Fall Egon Zierock (kleines Foto) ist für die Ermittler bisher ein Mord ohne Leiche. Foto: Klaus Wiedau

Seit 27 Jahren ist das mysteriöse Verschwinden von Egon Zierock ungeklärt – aber vieles deutet bis heute darauf hin, dass der damals 45-Jährige einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Bisher ist der Fall für die Ermittler allerdings ein „Mord ohne Leiche“, denn die wurde trotz mehrfacher großangelegter Suchaktionen nicht gefunden. Auch Beweise dafür, dass Zierock sterben musste, weil er mit seinem mutmaßlichen Wissen über ein anderes Verbrechen herumprahlte, gibt es nicht. „XY ungelöst“ – in Sachen Zierock ist das auch nach mehr als einem Vierteljahrhundert der Stand der Dinge.

Zierock, der im Stadtstreicher-Milieu lebte, wurde zuletzt im Dezember 1985 lebend in Gronau gesehen. Seine letzte Adresse: Das städtische Schlichtwohnhaus „Alter Postweg 177“. Die Vermutung, dass er Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte, keimt bei den Ermittlern schon kurz danach auf: In der Wohnung werden Blutspuren gefunden. „Die ließen den Schluss zu, dass er lebensbedrohlich, wahrscheinlich sogar tödlich verletzt worden sein könnte“, sagt Kriminalhauptkommissar Peter Niehoff, der heutige Leiter des Kriminalkommissariats Gronau.

Aus der Vermisstensache Zierock wird so Anfang 1986 ein Fall für die Mordkommission. Zeugen werden vernommen, in Zierocks Umfeld ermittelt. Dann tauchen eine Kontokarte und die Geldbörse des Vermissten auf. Eine weitere heiße Spur glaubt die Polizei auch zu haben, als ein anderer Mann mit Zierocks Jacke gesehen wird. Die Überprüfung ergibt: Der Verdächtige kommt für die Tat nicht Frage. Auch Kontokarte und Geldbörse bringen die Ermittler nicht weiter. „Hinweise auf den Täter gab es dabei nicht. Und auch Zierocks Leiche wurde nicht gefunden“, so Niehoff. Irgendwann stellt die Mordkommission die Arbeit ein.

„Zwei Jahre später, 1988, gab es neue Hinweise, die zu Anfang der Ermittlungen nicht bekannt waren“, erinnert sich Kriminalhauptkommissar Manfred Lenz, der damals mit den Kollegen Heinz Kasten und Willi Schuhmacher (Borken) den Fall daraufhin neu aufrollt. Die Spuren führen ins Obdachlosen-Milieu, konkret zur sogenannten „Schweinewiese“ im Stadtwesten – seinerzeit ein bekannter Treffpunkt der Szene. Und auch einen möglichen Ablageplatz für Zierocks Leiche glaubt die Polizei 1988 ermittelt zu haben: Eine große Kanalbaustelle am Heerweg. Aus den Baubüchern des beauftragten Unternehmens geht hervor, dass diese Baustelle zum Zeitpunkt von Zierocks Verschwindens Ende 1985 noch offene Baugruben – und damit ein ideales Versteck für eine Leiche – aufwies. Eine neue Mordkommission macht sich an die Arbeit. Um nicht den gesamten Heerweg aufzureißen, sucht die Polizei anhand von Bohrungen im Asphalt: Leichenspürhunde schnüffeln an den Bohrstellen. Wo sie anschlagen, wird die Suche mit Baggern fortgesetzt. Ein nahe der Bahnlinie Gronau-Münster liegender Tümpel wird von der Feuerwehr ausgepumpt. Aber Egon Zierock bleibt verschwunden.

Ist Egon Zierock wirklich tot? Niehoff und Lenz gehen davon aus, damals beteiligte Ermittler glauben auch, dass seine Leiche irgendwo im Bereich des Heerweges liegt. Andere Suchmethoden als den Einsatz von Leichenspürhunden gibt es aber auch ein Vierteljahrhundert später nicht. „Die sind auch heute noch Mittel der Wahl“, so Niehoff. Wäre der Tote überhaupt noch zu identifizieren, sollte er gefunden werden? „Ja“, sagen Niehoff und Lenz, auch wenn es 1988 im Alltag der Polizei noch keine DNA-Analysen gab wie heute. Niehoff: „Das Verfahren wurde 1989 entwickelt, an die Ergebnisse, die heute damit zu erzielen sind, war damals aber nicht zu denken.“ Aber, so Manfred Lenz: „Seinerzeit wurde verfügt, dass alle Krankenblätter von Zierock – einschließlich der zahnärztlichen Unterlagen – aufbewahrt werden müssen. Darüber ließe er sich auch heute noch identifizieren“, so Lenz.

Dass der Fall Zierock eines Tages noch aufgeklärt wird – Niehoff und Lenz glauben nicht so recht daran. 27 Jahre sind vergangen, alle Spuren ausgewertet, der oder die Beteiligten vielleicht längst gestorben. Allenfalls könnte es sein, dass ein möglicher Täter sein Gewissen am eigenen Lebensabend erleichtern möchte. Strafe wäre nur noch für den Fall zu erwarten, dass 1985 ein kaltblütiger Mord stattgefunden hätte. „Denn Mord verjährt nicht“, machen Niehoff und Lenz deutlich. Anders wäre es im Fall einer Körperverletzung mit Todesfolge (Verjährungsfrist: zehn Jahre) oder eines Totschlags (20 Jahre).

Wie es aussieht, wird es von Egon Zierock aber weiterhin nur ein Geburtsdatum geben: 14. Januar 1941. Und einen Eintrag im Melderegister der Stadtverwaltung: „nach unbekannt verzogen.“

Starb Egon Zierock, weil er zu viel wusste?

Sollte das mutmaßliche Verbrechen an Egon Zierock geklärt werden, könnte das auch Licht in ein Verbrechen bringen, das weit länger zurückliegt, als das Verschwinden des damals 45-jährigen Gronauers: Es geht um den Raubüberfall auf den damals 30-jährigen Leiter einer Steinfurter Filiale von Klaas und Kock. Er wurde am 14. Februar 1975 von drei Männern überfallen und mit einem Hammer lebensgefährlich verletzt. Die Täter erbeuteten damals die Tageseinnahmen der Filiale (rund 52 000 Mark) und ließen ihr Opfer am Hermann-Löns-Weg in einem mit Wasser gefüllten Graben zurück. Obwohl 50 Hinweise zu dieser brutalen Tat eingingen, K&K 20 000 Mark Belohnung aussetzte und Eduard Zimmermann in der TV-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ darüber berichtete, wurde der Fall nie aufgeklärt. Die Ermittler im Fall Zierock hatten in den 80er-Jahren Hinweise darauf, dass Egon Zierock möglicherweise sterben musste, weil er Einzelheiten dieses Verbrechens kannte und damit herumprahlte.

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