Digitalisierung an den Schulen

Fast wie bei Harry Potter

In Epe gibt es jetzt schon das erste Schulgebäude ganz ohne Kreidetafel. Ein toller Fortschritt – oder? Martin Borck kann auch der Schiefertafel aus seiner Schulzeit durchaus noch etwas abgewinnen.

Martin Borck

Die Schiefertafeln von einst und ein Tablet haben ein ähnliches Format. Aber ansonsten treffen bei diesen Utensilien Welten aufeinander Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Mein Kollege Guido Kratzke hat in dieser Woche mehrere Schulen in Gronau und Epe besucht und war angetan von dem, was er dort gesehen hat: Modernisierungen allenthalben, die technische Ausstattung verbessert, in den Klassenzimmern hat „das Ende der Kreidezeit“ begonnen, wie es die Eper Gesamtschulleiterin Dagmar Dengler schön ausdrückte. Statt der Tafeln haben sogenannte Whiteboards Einzug gehalten: interaktive, multimedial einsetzbare Tafeln, auf denen man mit einem elektronischen Stift schreiben, aber auch vorbereitete Dateien wie Grafiken oder Präsentationen arbeiten kann.

Corona beschleunigt den Wandel

„Und das ist ja nur der Anfang“, machte sich mein Kollege klar. Die Kinder und Jugendlichen arbeiten schon heute immer häufiger mit Tabletcomputern. Durch die coronabedingte finanzielle Förderung wird der Wandel zu neuen digital basierten Lehr- und Lernmethoden beschleunigt.

Es dauert nicht mehr lange, dann werden auch die Schulbücher aus Papier verschwinden und durch digitale Versionen ersetzt werden. Praktisch insofern, als Aktualisierungen durch ein einfaches Update am Rechner erfolgen können – und es keiner neuen Buchauflagen bedarf. Die Digitalisierung hat viele Vorteile. Sprechende Bücher wie in den Geschichten von Harry Potter sind schon Realität.

Als ich vor ungefähr 54 Jahren I-Männeken war, hatte ich tatsächlich in meinem Tornister Tafel, Griffel. Lesebuch. Für die ersten Schreibversuche war die quietschende Schiefertafel ja auch ideal: Gelang der Schreibschrift-Bogen nicht so wie in der Vorlage dargestellt, nahm ich das Schwämmchen (das immer ein bisschen roch) aus seiner Kunststoffbehausung, wischte die Krakelei weg und versuchte es erneut. Eigentlich ganz schön ressourcenschonend, wenn ich’s mir so überlege.

Ressourcenschonende Schiefertafel

Dann ging es mit Schulheften weiter – zuerst mit drei Hilfslinien, dann mit zwei, schließlich – inzwischen schreibsicherer – nur mit einer. Die Rechenhefte hatten Kästchen. Und die ersten Schulbücher war eine schön bebilderte Fibel und ein Rechenbuch, die irgendwann erste Abnutzungserscheinungen aufwiesen.

Übrigens wurde noch viel gesungen, damals in der Hermann-Löns-Schule in Epe (beim damaligen Junglehrer Harald Hose, wenn ich mich recht erinnere). Spotify-Einsatz im Musikunterricht? Fehlanzeige. Gab’s noch nicht.

Während meiner gesamten 13-jährigen Schullaufbahn bin ich kein einziges Mal mit Computern in Berührung gekommen. Es gab in der Oberstufe auf dem Ahauser Gymnasium Taschenrechner für den Mathe-Unterricht. Die waren ziemlich teuer und leisteten bei Weitem nicht das, was der Rechner auf meinem Smartphone heutzutage kann.

Kein Interesse an Computerkurs

Erst in der letzten Klasse wurde ein Computerkursus angeboten – aber damals hielt sich mein Interesse in Grenzen. Ich steckte meine Nase lieber in Bücher.

Und die haben meines Erachtens auch noch längst nicht ausgedient. Es gibt Forschungen, die darauf hindeuten, dass der Umgang mit gedruckten Büchern entscheidend für die Lese- und Schreibfähigkeit ist. Ich persönlich mag auch das Haptische: die Griffigkeit von Papier und den Geruch. Was mich natürlich nicht davon abhält, auch digitale Angebote zu nutzen. Doch bei Literatur und Sachbuch – auch beim Zeitungslesen – ziehe ich immer noch Papier dem Digitalen vor.

Auch in der Schule muss nicht alles digital sein. Erst recht nicht für Schulanfänger. Oder haben Sie schon mal eine digitale Schultüte gesehen?

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