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Die Wilhelm-Sauer-Orgel der Evangelischen Stadtkirche wird eingeweiht

Hunderte Menschen sind begeistert

Gronau

1904 bekam Orgelbauer Wilhelm Sauer aus Frankfurt/Oder den Auftrag, für die neugebaute evangelische Kirche in Dortmund-Dorstfeld eine Orgel zu bauen. Die Kirche war zu Anfang des 20. Jahrhunderts bunt ausgemalt, Schriftbänder, Tierbilder und Pflanzenranken bildeten ein Gesamtkunstwerk und ein theologisches Bildprogramm.

Die Wilhelm-Sauer-Orgel „thront“ schon seit gut zwei Jahren auf der Empore der Ev. Stadtkirche, die dafür extra ertüchtigt und erweitert wurde. Dass die Einweihung der Orgel erst an diesem Sonntag stattfindet, ist der Corona-Pandemie geschuldet.Kantor Foto: Johannes KalsowJohannes KalsowJohannes Kalsow

Dazu passend wurde eine Orgel mit einem monumentalen Charakter mit vier Pfeifenfeldern mit klingenden Pfeifen, mit Gestaltungselementen des frühen Jugendstils und einer Rosette als „Lichttor“ im mittleren Hauptfeld gebaut.

Wilhelm Sauers grundtöniger und spätromantischer Klang war mit 40 Registern auf drei Manualen und Pedal mit pneumatischer Spiel- und Registertraktur konzipiert. Zur Bauzeit der Orgel hatte die Kirche noch keinen Stromanschluss, im Orgelgehäuse war deshalb eine Tretbalganlage untergebracht, die auch heute einwandfrei funktioniert.

Zwischen der Erbauung im Jahr 1904 und dem Abbau im Jahr 2017 hat Wilhelm Sauers Opus 915 eine besonders wechselhafte Geschichte erlebt: Im Ersten Weltkrieg wurden die Prospektpfeifen entnommen und erst 1919 mit Zinkpfeifen ersetzt, im Zweiten Weltkrieg überlebte die Kirche samt Orgel (bis auf die Verglasung) die Bombardierungen.

Originalzustand dank Geldmangel

Pläne und Bestrebungen der Nachkriegszeit, das Instrument zu „modernisieren“, oder gar eine mögliche Entsorgung, sind erfreulicherweise nie zur Umsetzung gekommen. Umsichtige Kirchenmusiker und Vertreter der Gemeindeleitung, aber auch Geldmangel für neue Orgelprojekte trugen schließlich zur Erhaltung der Sauer-Orgel in ihrem Originalzustand bei.

Im Juli 1995 schlug ein Blitz in den Kirchturm ein und löste ein Feuer aus. Brennende Teile des Turmes stürzten durch die Dachkonstruktion in den Kirchenraum, ohne jedoch das Instrument direkt zu beschädigen. Ruß und Löschwasser, das noch lange aus den Mauern entwich, setzten aber anschließend den Materialien der Orgel zu. Nach geglückter Restaurierung durch die Orgelwerkstatt Scheffler im Jahr 1999 und der Wiederherstellung des historischen Zustands folgte eine Blütezeit der Orgel. Anfang des 21. Jahrhunderts verschärfte sich dann die finanzielle Lage der Kirchengemeinde und es begannen Überlegungen zur Aufgabe und Entwidmung des Kirchraums. Schließlich fiel die Entscheidung, das Instrument zu veräußern und sie möglichst innerhalb der Ev. Landeskirche von Westfalen zu behalten.

Seit Jahren auf der Suche

Nach langen Verhandlungen zwischen der Landeskirche, verschiedenen Ebenen des Denkmalschutzes und zwischen den Kirchengemeinden in Gronau und in Dortmund-Dorstfeld wurde die denkmalrechtliche Erlaubnis erteilt, das Instrument in Dortmund abzubauen und nach Gronau zu bringen.

Die Evangelische Kirchengemeinde Gronau war mit Kantor Dr. Tamás Szőcs schon seit Jahren auf der Suche nach einem neuen oder nach einem gebrauchten historischen Instrument für die Gronauer Stadtkirche.

Seit 2008 wurden bis heute 70 Aktionen des Orgelbauvereins der Stadtkirche durchgeführt und über 1300 Spenderinnen und Spender für das Gronauer Orgelprojekt begeistert.

Der Verkauf von Orgelwein, Waffeln und Klangpralinen, Spendenbriefe, zahlreiche Benefizkonzerte und andere Aktionen haben in den 14 Jahren über 550 000 Euro an Einnahmen und Spenden generiert. Zahlreiche Menschen sammelten bei familiären Ereignissen Anlassspenden für das Projekt. Weitere Zuschüsse kamen vom Bund (aus einem Programm zur Rettung historisch wertvoller Orgeln von nationaler Bedeutung), von der Landeskirche, vom Kirchenkreis und von der Stiftung Orgelklang.

Baulich und klanglich angepasst

Die Evangelische Kirchengemeinde Gronau hat ebenfalls substanziell zum Projekt beigetragen, es wurde auch an Rücklagen für die langfristige Pflege des Instruments gedacht. Außer in die reinen Orgelkosten (Umsetzung und Restaurierung) wurde auch in die Erweiterung und Ertüchtigung der Empore sowie in ein Lüftungs- und Heizungssteuerungssystem investiert, das sowohl die Orgel als auch die historische Holzeinrichtung der Stadtkirche schützen soll.

Die besondere Herausforderung für die Orgelbaufirma Scheffler war, das Instrument auf die neuen Begebenheiten der Gronauer Empore und Kirche baulich und klanglich anzupassen. Alle Schritte wurden mit der Stadt Gronau als Untere Denkmalbehörde gemeinsam überlegt und abgestimmt.

13 Tonnen Material

Mit der Umsetzung der Orgel sind nicht nur 13 Tonnen an Material bewegt, sondern Hunderte Menschen sowie Gruppen und Chöre begeistert und eingebunden worden. Das Orgelprojekt ist zugleich ein beispielhaftes Fundraisingprojekt und ein Beitrag zum Gemeindeaufbau geworden.

„Den zahlreichen Helfern, Spenderinnen und Spendern, Firmen, Betrieben und Institutionen können wir gar nicht genug danken“, so Kantor Dr. Tamás Szőcs. „Das Engagement war über Jahre hinweg enorm“.

Am 14. Oktober 2019 wurde die Orgel von vielen Helfern und Schaulustigen sowie dem Geläut der Kirchenglocken in ihrer neuen Heimat in Gronau willkommengeheißen. Anschließend dauerten die Aufbauarbeiten sechs Monate an. Die für April 2020 geplante Einweihung fiel kurzfristig wegen der Corona-Pandemie aus. „Somit wurde die Wilhelm-Sauer-Orgel direkt nach ‚Dienstantritt‘ auf eine harte Probe gestellt, aber keineswegs zum Schweigen gebracht“, schreibt Dr. Szőcs im neu erschienenen Buch zur Sauer-Orgel.

Orgel war krisenfest

„Sie zeigte sich auch unter diesen Bedingungen krisenfest, ihre Botschaft der Verkündigung blieb nicht in den Kirchenmauern verschlossen, ihre Stimme der Freude machte keinen Halt an den versperrten Kirchentüren der Pandemiezeit: Zeitweise waren nur Führungen und Konzerte für Einzelpersonen, Familien und kleine Gruppen möglich; Konzerte und offenes Singen fanden während der wiederholten Lockdowns als Onlineübertragungen statt und erreichten Zehntausende Menschen weltweit.

In einer Onlineabstimmung der Stiftung Orgelklang ist die Gronauer Wilhelm-Sauer-Orgel zur „Orgel des Jahres 2019“ gekürt worden, ihre vorbildliche Translozierung und Restaurierung wurde außerdem von Landrat Dr. Kai Zwicker mit einem Sonder-Denkmalpreis des Kreises Borken ausgezeichnet.

An diesem Sonntag (12. Juni) feiert die Evangelische Kirchengemeinde nun die Einweihung der Wilhelm-Sauer-Orgel in der Stadtkirche. Hunderte Personen haben sich für den Nachmittag angemeldet: nur für den Gottesdienst um 15 Uhr sind noch einige Plätze frei, die Vorstellung der Orgel (18 Uhr) und das Abschlusskonzert sind ausgebucht.

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