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Auf den Spuren von Gut Rüenberg

Hundezucht, Heerlager und Sommer-Idyll

Nicht weit vom Drilandstein entfernt liegt das altadelige Haus Rüenberg. Es ist vom Laub- und Nadelwald umgeben und gilt als eines der landschaftlich schönsten Naturreservate in der hiesigen Gegend. Der Baumbestand soll im 16. Jahrhundert so dicht gewesen sein, dass „Eichhörnchen von Bentheim bis Ahaus von Baum zu Baum springen konnten, ohne den Boden zu berühren“. Noch heute wird das Gut mit seinen Waldwegen von Besuchern geschätzt – nur wenige aber kennen die Geschichte, die bis ins Jahr 1302 zurückreicht

Günter Vaartjes

Das frühere Sommerhaus auf Gut Rüenberg vermittelt einen Eindruck von der einstigen Eleganz der Bebauung. 1889 übertrug der Kaufmann Hermann Hagels das Gut mit allen Liegenschaften an seinen Schwiegersohn Heinrich Meier und dessen Frau Lina (links). Foto: Sammlung Günter Vaartjes/Sammlung Familie Piesbergen

Wilm Böltken, Gronauer Heimatdichter und Kirchenmusiker (1908 – 1997), hat eine Ballade über das Rittergut Rüenberg und seine Eindrücke über das Forsthaus verfasst, die in der vom Heimatverein Gronau 2004 herausgegebenen Schrift „Ein Leben für Heimat und Musik“ zu finden ist (Ballade siehe unten). Aber auch Heinrich Bremer liefert in seinem 1939 erschienenen Buch „Gronau – Epe“ eine sehr ausführliche Beschreibung des ehemaligen Adelssitzes.

Die Geschichte reicht bis in das Jahr 1198 und zur Gründung der Landesburg „novum castrum“ zurück. 1302 – also vor der ersten urkundlichen Erwähnung Gronaus im Jahre 1365 – erteilt der Bischof von Münster Heylewigis von Remen das Burglehen von Nienborg, „wozu die curtis Welphusen mit Geredynch in Usselo und ten Damme in Lonneker gehört.“ Hier erscheint erstmalig die Bezeichnung Welphusen (später Rüenberg). Der Name deutet darauf hin, dass in diesem Haus Hunde gezüchtet wurden, die die Waidmänner für die Jagd benötigten. Auch heute noch werden neugeborene Hunde als Welpen bezeichnet. Die plattdeutsche Bezeichnung „Rüen“ ist vergleichbar mit dem Begriff „Rüden“ im Hochdeutschen.

Die Familie von Remen gehörte von 1370 an zu den Burgmännern von Nienborg. Vor 1470 war das Haus Rüenberg im Besitz derer von Keppel. Den Namen von Keppel finden wir in der Gronauer Stadtgeschichte mit Hermann und Sohn Gerth als Burgleute für das Schloss wieder. Die Familie von Keppel stammt aus der alten holländischen Herrlichkeit Keppel an der Ijssel. Danach gelangte Welphusen in den Besitz von Udo van Wüllen. Er zahlte dafür an den Ritter Gerd von Keppel 500 „overlandische Rijnsche Gulden“. Goswin von Raesfeld heiratete 1535 die Erbtochter Jaspara van Wüllen. Damit wird die Linie von Raesfeld zu Rüenberg begründet. 1542 wird Goswin von Raesfeld als Burgmann von Nienborg vom Bischof von Münster mit Rüenberg belehnt. Seit 1664 existiert ein Geschenkfenster, das Ursula Philipina von Raesfeld gewidmet ist; eine Erinnerung an das Geschlecht von Middachten auf Rüenberg. Das Fenster befindet sich in Familienbesitz.

Ab 1665 führte Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen („Bomben- Bernd“) zwei Eroberungskriege gegen die Vereinigten Niederlande, lagerte mit seinem Heer (3000 Mann zu Fuß und zu Pferde) auf Gut Rüenberg, drang in Losser ein, verwüstete 40 bis 50 Häuser und die Kirche mit ihren Glocken.

Ursula Philipina heiratete 1666 Godert von Reede, Graf zu Athlone, Herr zu Ginkel und Amerongen. Sohn Reiner von Reede wird 1718 vom Bischof von Münster mit Haus „Welphuizen of Roemberg in het Amt Horstmar, Kerkspel Epe“ belehnt. Im Jahr 1720 erwirbt er für 3000 Gulden alle Raesfeld-Middachten-Güter im Stift Münster. 1693 heiratete die Schwester des Reiner von Reede, Margaritha, Baronesse von Reede, Johann Hendrik Baron von Isendoorn á Blois, Herr zu Cannenberg bei Vaßen in Holland. Ihm fiel später Haus Rüenberg zu.

Viele Jahrzehnte danach erwarben die Herren Niehues und Schlikker aus Schüttorf – beide aus Textilindustriellen Familien stammend – und ein Holzhändler aus Arnheim das gesamte Anwesen. Weitere Besitzer folgten: Für 33 761 Reichstaler kaufte am 31. Januar 1853 der Kaufmann Hermann Hagels aus Gildehaus den gesamten Rüenberger Besitz. Er ließ die stark dezimierten Waldbestände wieder aufforsten und legte auf den abgeholzten Teilflächen Flößwiesen (heute würde man sagen: Überschwemmungsgebiete) an. 1889 übertrug er das Gut Rüenberg mit allen Liegenschaften an seinen Schwiegersohn Heinrich Meier (1851 – 1930). Der städtische Wohnsitz der Familie Meier befand sich an der Enscheder Straße. Die Fläche ist inzwischen überbaut vom K + K-Markt Ecke Enscheder/Alstätter Straße. Kommerzienrat Meier war Mitbegründer der Spinnerei Gerrit van Delden & Co. Das Ehepaar war kinderlos. 1939 erbte Dr. Hans Piesbergen als Neffe der Meiers die gesamten Grundstücke mit den aufstehenden Gebäuden. Seit dieser Zeit befindet sich das ehemalige Rittergut im Familienbesitz und so soll es noch lange bleiben.

Der Goorbach, der naturbelassen geblieben ist, umfließt bis heute das weitläufige Areal. Zum Bewässern der Weideflächen hatten die Besitzer Stau- und Entnahmerechte für den Bach. Die gesamte Wald- und Bodenfläche wird auch heute noch land- und forstwirtschaftlich genutzt.

Auf dem Gelände befanden sich das Sommerhaus, ein Teehaus, ein Jugendheim, und das Försterhaus. Drei Bauernhöfe mit den dazugehörigen Nutzflächen sind verpachtet. Sehr repräsentativ stellt sich auf Ablichtungen der Sommersitz mit villenähnlichem Charakter dar – umgeben vom alten Baumbestand und vorgelagertem Teich. Eine Bauart, wie sie in unserer Gegend einmalig war. Errichtet wurde das Gebäude 1896, dann aber 1975 abgebrochen und durch einen profanen Neubau ersetzt. Das Teehaus, dessen Lage mit der Bezeichnung „auf Vennkotten“ umschrieben wird, lud nach dem sommerlichen Ausritt mitten im Wald zur Einkehr ein. Ein reetgedeckter Ziehbrunnen vervollständigte das romantische Bild vor 70 Jahren. Das Jugendheim auf Vennkotten stand dem Teehaus gegenüber. Es hatte die Form eines Fachwerkhauses und diente zuerst den Pfadfindern als Unterkunft nach Wanderungen durch Rüenberg und das Gildehauser Venn. In den 1940er-Jahren requirierten die Nazis das Gebäude und verwendeten es für ihre Zwecke als Heim der Hitler-Jugend. Während die Bauernhöfe erhalten geblieben sind, fielen Teehaus und Jugendheim in den 1950er-Jahren dem Abbruch zum Opfer. Idyllische Fuß- und Radwanderwege durchziehen das umfangreiche Waldgebiet aber bis heute und sind ein Paradies für Naturfreunde.

Im Eingangsbereich zum Gut an der Gildehauser Straße befand sich bis zum Einmarsch der alliierten Soldaten 1945 ein Ziertor, das wahrscheinlich anlässlich der Silberhochzeit von Kommerzienrat Heinrich Meier und seiner Frau Engelina (geb. Hagels) von Schwiegervater und Vater Hermann Hagels 1906 gestiftet wurde. Eindringende Panzer zerstörten das Tor im Krieg. Dipl.-Ing. Carl Wilhelm Elbers, verheiratet mit Bertha Piesbergen, ließ 1978 an einem Waldweg östlich des Rüenberger Hauses das Tor mit dem alten Wappen und aus den alten Sandsteinblöcken wieder errichten. Ganz in der Nähe befand sich die etwa 500 Jahre alte historische Linde, unter der schon Christoph Bernhard von Galen mit seinem Heer gelagert haben soll. Der Baum ist gänzlich abgestorben und nicht mehr vorhanden.

Wilm Böltken hat das Forsthaus zu Rüenberg (heute Gildehauser Straße, aus der Stadt kommend links hinter der Einmündung des Heerweges) zur damaligen Zeit wie folgt beschrieben: „Dort, wo von der Straße her, der von wuchtigen Rhododendron eingefasste Weg zum Rüenberger Gut abzweigt, liegt verborgen im Schatten hoher Tannen das malerische Forsthaus. Eine Knüppelbrücke führt zu dem Gartentor über den tiefen Graben, in dem wuchernde, blühende Kräuter ihren starken Duft ausströmen.“ Den pflichtgetreuen Förster vermutet Böltken bei seinem Besuch schon im Revier. Es war August Lohf (1885 – 1959), der den Familien Meier und Piesbergen mehr als 45 Jahre diente. Sein Aufgabengebiet wurde bei der Einstellung klar umrissen: Aufsicht über das gesamte Jagdrevier – er wurde aber auch verpflichtet, bei Gesellschaften zu servieren, wenn Gäste erschienen, sie auf dem Kutschbock zu fahren und kleine Botengänge zu verrichten.

Die „Westfälischen Nachrichten“ berichteten in der Ausgabe vom 1. September 1956 über seinen Eintritt in den Ruhestand. Förster Lohf war dem Gute mit ganzem Herzen verbunden. Die Liebe zur Natur und zur Forstwirtschaft war bei ihm ebenso ausgeprägt wie sein energisches Auftreten gegen alle Schänder des Waldes. Wer als Wilddieb erwischt wurde, musste 25 Mark Strafe bezahlen. Förster Lohf wurde bei seinem Abschied Dank und Anerkennung in hohem Maße zuteil.

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