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Witulski-Vorlesung untersucht die Anfänge der jüdisch-christlichen Beziehung

Lange kein Raum für Toleranz

Gronau

Wenn die Euregio-VHS gemeinsam mit dem Förderkreis Alte Synagoge zu einem Info-Abend über „Die Anfänge der christlichen Judenfeindschaft“ einlädt, könnte man annehmen, dass diese Veranstaltung im Rahmen des Jubiläums-Jahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ konzipiert worden sei.

Von Norbert Diekmann und Hans Dieter Meyer

Tatsächlich aber, so Norbert Diekmann in seiner Begrüßung, sei die Idee schon lange vorher entstanden, der Termin sei aber corona-bedingt mehrmals verschoben worden.

Als Referent für das anspruchsvolle Thema hatten VHS und Verein Prof. Dr. Dr. Thomas Witulski von der Uni Bielefeld gewinnen können, der vor seiner Berufung als Neutestamentler an die ostwestfälische Hochschule einige Jahre in der evangelischen Gemeinde in Gronau und als Religionslehrer am örtlichen Gymnasium tätig gewesen war. Witulski ist nicht nur als Theologe sondern auch als Historiker ausgewiesener Experte für die Anfänge des Christentums, hat er sich doch mit der Entstehung der Apokalypse des Johannes, der sogenannten Geheimen Offenbarung, aber auch mit dem Wirken Bar Kochbas, eines jüdischen Gegners der Römer im frühen zweiten Jahrhundert, in seinen Forschungen intensiv beschäftigt.

Zwei Strömungen

In seiner anspruchsvollen Vorlesung relativierte Witulski zunächst das Wort „Feindschaft“ als angemessene Chiffre für die Konkurrenz oder Gegnerschaft zwischen der jüdischen Gesellschaft und dem sich herausbildenden Christentum.

Wichtig sei, so Witulski, bei den ersten Christen zwei Strömungen zu unterscheiden, die sich in ihrer Einstellung zu Jesus fundamental unterschieden habe: Zunächst habe es die Jesus-Jüngerinnen und Jünger gegeben, für die Jesus ein Prophet oder Lehrer war. Sie glaubten wie Jesus an Gott als den Herrn des auserwählten Volkes Abrahams.

Streit zwischen diesen Jesus-Anhängern und Juden sei vergleichbar mit anderen innerjüdischen Auseinandersetzungen um die Frage wie das göttliche Gesetz jeweils konkret zu verstehen sei. Witulski verwies als Beispiel auf die Diskussionen zwischen den Pharisäern und Jesus und das bekannte Jesus Wort: „Der Mensch ist nicht für das Gesetz geschaffen, sondern das Gesetz für den Menschen“. Prägend für diese erste noch innerjüdische Gruppe der Jesus-Anhänger seien vor allem die sogenannten Redentexte (für Fachleute: „Quelle Q“), die in den Evangelien von Matthäus und Lukas tradiert sind – bekannt vor allem die Bergpredigt mit den so genannten Antithesen, in denen Jesus seine Moralverschärfung formulierte.

Streit, aber keine Feindschaft

„Aber,“ so der Referent, „diese Gruppe der Christen, die wie Jesus an Gott glauben wollte, konnte im Spektrum der undogmatischen jüdischen Religion existieren. Es gab Auseinandersetzungen, Streit, aber keine Feindschaft.“

Auf einer anderen Ebene spielte sich die Gegnerschaft zwischen der zweiten Richtung der frühen Christen und den jüdischen Gruppierungen ab: Diese Christen wollten nicht nur wie Jesus glauben, sie glaubten an Jesus als den Erlöser, Heiland, Messias oder Christus.

Damit verbanden sie eine Neuinterpretation des von Jesus verkündigten nahenden Reiches Gottes, das von seinen Hörern als Alternative zur römischen Fremdherrschaft verstanden worden war.

Religion mit Absolutheitsanspruch

Für Paulus und die anderen Repräsentanten dieser zweiten christlichen Richtung war die Zusage des kommenden Heils wichtig, das aber nicht mehr als Heil des auserwählten abrahamitischen Volkes durch die Herrschaft Gottes verstanden wird. Entscheidend war nicht mehr die Zugehörigkeit zum auserwählten jüdischen Volk, sondern die christliche Taufe als Voraussetzung. Aus der eher quantitativen Diskussion zwischen Jesus und seinen Jüngern einerseits und anderen jüdischen Gruppen andererseits war eine qualitative Abgrenzung geworden: Christen und Juden beharrten jeweils für ihre Religion mit Absolutheitsanspruch darauf, die richtige Lehre zu vertreten.

Über Jahrhunderte sei darum für gegenseitige Toleranz kein Raum gewesen. Der lebhafte und anschauliche Vortrag des Referenten wurde durch zahlreiche Zwischenfragen aus dem Zuhörerkreis bereichert. Dabei wurde aber auch deutlich, dass es noch zahlreiche Aspekte gab, die bei weiteren Veranstaltungen noch vertieft erörtert werden sollen. So war zu vernehmen, dass in einer weiteren Veranstaltung das aktuelle christlich-jüdische Verhältnis erörtert werden soll.

Bipolarität der christlichen Religion

Fazit: Die jüdische Religion weiß sich auf dem Weg zum Heil an die alttestamentliche Überlieferung zurückverwiesen, die christliche Religion sowohl auf die alttestamentliche Überlieferung als auch auf die Person Jesu. Diese Bipolarität der christlichen Religion und Theologie musste in Verbindung mit fehlender Toleranz letzten Endes zur Feindschaft zwischen Christen und Juden führen.

Die „Feindschaft“ entspringt in ihrem Kern also weder einer rassistischen noch einer ethnischen, sondern einer theologischen Ursache.

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