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Prozess um Anschlag auf niederländischen Anwalt in Gronau

Langjährige Haftstrafen gefordert

Gronau/Almelo/Losser

Hohe Haftstrafen hat die Staatsanwaltschaft im Fall des Anschlags auf den Anwalt Philippe Schol gefordert. Die Staatsanwältinnen sehen den Erweis gebracht, dass zwei Männer aus Hengelo die Schüsse in Gronau abfeuerten. Doch die Verteidigung sieht das anders.

Von Martin Borck

Spurensicherung am Tatort Losserstraße: Am 6. November 2019 waren hier Schüsse auf den Anwalt Philippe Schol abgegeben worden. Der Mann wurde schwer verletzt. Foto: Klaus Wiedau

23 beziehungsweise 18 Jahre Haft fordert die Staatsanwaltschaft im Prozess gegen zwei Männer aus Hengelo. Bert Jan ten V. (48) und Maikel T.T. (32) sollen im November 2019 auf der Losserstraße in Gronau den niederländischen Anwalt Philippe Schol niedergeschossen haben. Der Anwalt überlebte. Die Staatsanwaltschaft geht von versuchtem Mord aus.

„Eine Bleiweste. Das ist es, worin und womit sich Anwalt Philippe Schol heutzutage bewegt“, so eine der beiden Staatsanwältinnen am Donnerstag vorm Gericht in Almelo. „Am 6. November 2019 gegen zehn vor acht am Morgen wurde das Leben von Philippe Schol drastisch, einschneidend und unumkehrbar verändert.“

Die Staatsanwältinnen listeten die Beweise auf, die gegen die Angeklagten sprechen. Der Anschlag habe ein Vorspiel: So war ten V. auch angeklagt, am 2. Oktober 2019 Schüsse auf ein Sportstudio in Losser abgefeuert zu haben. Dessen Eigentümer geht davon aus, dass das Motiv für diese Schüsse in dem Insolvenzverfahren gegen den früheren Eigentümer des Studios begründet liegt. Der neue Besitzer hatte das Studio genau ein Jahr vor den Schüssen übernommen. Auch Schol sieht das Motiv für den Anschlag in dem Insolvenzverfahren, bei dem er als Insolvenzverwalter fungierte und auf Unregelmäßigkeiten stieß.

Die Schüsse in Losser und in Gronau wurden aus derselben Waffe abgefeuert. Zeugen identifizierten ten V. auf Videobildern als denjenigen, der in Losser schoss.

Zusammenhang mit Schüssen in Losser

Das Tatfahrzeug, aus dem heraus in Gronau gefeuert wurde, gehörte ten V. Seine Behauptung, er habe das Fahrzeug an dem Tag verliehen, hält die Staatsanwaltschaft für nicht glaubwürdig. In dem Wagen wurden Schussspuren sichergestellt. Außerdem die DNA von ten V. und T.T. sowie einer dritten Person. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass es sich dabei um die DNA von ten V.s Partnerin handelt. Sie hatte sich geweigert, eine DNA-Probe zum Vergleich abzugeben.

Wer von den beiden Angeklagten auf Schol geschossen hat, lasse sich nicht feststellen. Für das Strafmaß sei das aber auch nicht ausschlaggebend, da von einer gemeinschaftlich geplanten und ausgeführten Tat ausgegangen werde.

Die Ermittlungen hätten ergeben, dass die beiden Männer zuvor als Geldeintreiber tätig gewesen seien. Die Taten in Losser und Gronau sollen im Auftrag des früheren Inhabers des Sportstudios erfolgt sein. Der soll eine Zwischenperson eingeschaltet haben, um ten V. und T.T. mit dem Anschlag zu beauftragen. Persönlich hätten die Angeklagten keinerlei Konflikt mit dem Eigentümer des Sportstudios oder dem Anwalt gehabt. „Mordversuch ist an sich schon eine außergewöhnlich schwere Straftat. Das aber im Auftrag eines anderen zu tun mit Geld als Gegenleistung – sozusagen als Aufbesserung des Einkommens – macht die Sache noch heftiger“, so die Staatsanwaltschaft.

Der Anschlag auf Schol erfolgte wenige Wochen nach dem tödlichen Attentat auf einen Anwalt in Amsterdam, der für große Unruhe in der niederländischen Gesellschaft gesorgt hatte. Auch das habe die beiden Hengeloer nicht von der Durchführung der Tat in Gronau abgehalten. Dieser Umstand müsse beim Strafmaß berücksichtigt werden: „Wir können und werden nicht akzeptieren, dass der Rechtsstaat eine kugelsichere Weste tragen soll.“

Wäre Täter mit eigenem Auto zum Tatort gefahren?

Die Verteidiger der beiden Angeklagten verurteilten die Tat ebenso, berichtet der Twentsche Courant Tubantia. Doch sie zogen die Schlussfolgerungen der Staatsanwaltschaft in Zweifel, dass ihre Mandanten die Täter sind. So habe Schol selbst bei seiner ersten Aussage angegeben, dass die Täter eine dunkle Hautfarbe gehabt haben. Die beiden Angeklagten sind jedoch hellhäutig.

Abgesehen davon: Wieso sollte ein Attentäter bei der Tat von seinem eigenen Wagen Gebrauch machen, der danach nicht mal aus dem Verkehr gezogen worden sei? Auf der sichergestellten Waffe seien auch DNA-Spuren anderer Menschen sichergestellt worden. Das deute darauf hin, dass die Waffe in einem kriminellen Umfeld zirkuliere. Zudem könne von Mordversuch sowieso keine Rede sein. Schließlich hätten die Täter auf die Beine Schols gezielt.

Darüber hinaus, so der Verteidiger von ten V., seien im Auto DNA-Spuren von mehr als drei Personen gefunden worden, was die Behauptung van T.’s stütze, dass er sein Auto ausgeliehen habe. In den abgehörten Gespräche habe ten T. immer nur die Sorge geäußert, dass sein Auto am Tatort gesehen worden sei – nie, dass er fürchte, selbst dort gesehen worden zu sein.

Auch die Zeugenaussagen, die den Mann auf den Videos aus Losser als ten V. identifizierten, hielt der Verteidiger für fragwürdig. Die Person gleiche seinem Klienten – er sei es aber nicht.

Die Verteidiger sahen keine ausreichende Beweise, ihre Mandanten zu verurteilen. Das Urteil in dem Fall soll Ende Februar verkündet werden.

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