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Justiziarin des Zentralrats der Sinti und Roma zu Gast in Gronau

Rassismus ist allgegenwärtig

Gronau

Antiziganismus ist im Gegensatz zu Antisemitismus in Deutschland vielen Personen noch unbekannt. Ruhan Karakul, die Justiziarin des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, will dem entgegenwirken. Die Juristin mit türkischstämmigen Wurzeln war am Freitagnachmittag zu Gast im Haus der Begegnung, wo sie von Ahment Sezer im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus als Referentin begrüßt wurde.

Guido Kratzke

Ahmet Sezer (r.) hieß Ruhan Karakul, Justiziarin des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, im Haus der Begegnung zu ihrem Fachvortrag willkommen. Foto: Guido Kratzke

Ihr Ziel: eine diskriminierungsfreie Gesellschaft. Dabei wählt sie einerseits das Instrument der Beschwerde als eine Option, setzt aber auch auf Prävention und entwickelt mit dem Vorstand des Zentralrats Strategien, von denen nicht nur Sinti und Roma profitieren.

„Der Antiziganismus ist in der Gesellschaft tief verankert“, stellte die Juristin mit Bedauern fest. Vorurteile gegen Sinti und Roma seien immer wieder auszumachen – auch über die Grenzen Deutschlands hinaus.

In der NS-Zeit, so die Referentin, seien rund 500 000 Menschen aufgrund ihrer Abstammung ermordet worden. Während gegenüber Juden ein Umdenken stattgefunden habe, sei bei den Sinti und Roma ein Festhalten an der Diskriminierung und Ungleichbehandlung bis heute auszumachen. Sie zitierte ein BGH-Urteil aus dem Jahr 1956, das zwar 1963 aufgehoben, aber erst durch Jutta Limbach als Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Mitte der 90er-Jahre offiziell neu bewertet wurde. „Das“, so Karakul, „schafft kein Vertrauen in den Staat“.

Der von den Nationalsozialisten befohlene Völkermord, verdeutlichte die Verbandsmitarbeiterin, sei erst 1982 anerkannt worden. „Da waren viele Überlebende des Holocausts weder physisch noch psychisch in der Lage, die ihnen zustehende Entschädigung zu erstreiten.“ Auch heute sei dies zum Teil noch nicht erfolgt.

Als weiteres Beispiel führte sie das erst im Jahr 2012 errichtete Denkmal an die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma an. Die offizielle Gedenkstätte in Berlin wurde erst im Jahr 2012 offiziell eingeweiht.

In Deutschland leben nach Schätzungen derzeit zirka 800 000 Sinti und Roma, europaweit rund 12 Millionen. „Junge Menschen verheimlichen ihre Wurzeln vor anderen“, verweist sie auf Vorurteile in den Hinterköpfen der Menschen. Anhand der Namen sei der Hintergrund bisweilen nicht auszumachen, werde er dann aber publik gemacht, so müsse nach wie vor mit Diskriminierung gerechnet werden.

„Auch als EU-Bürger sind sie häufig nur Menschen zweiter Klasse“, verdeutlichte sie in der an ihren Vortrag angeschlossenen Diskussionsrunde, bei der die zwar nur kleine Gruppe der Teilnehmer ein umso größeres Inteesse an der Thematik zeigte.

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