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Judo-Trainerin Sandra Manthey macht in der Kita Janosch ein besonderes Bewegungsangebot

Raufen nach Regeln

Gronau

Damenwahl im Kindergarten: „Alle Mädchen dürfen sich einen Jungen aussuchen“, ruft Sandra Manthey. Schnell bilden sich Paare. Da Manthey aber keine Tanzlehrerin ist, sondern eine Judo-Trainerin, geht es dann auf den Matten ordentlich zur Sache. „Hajime“, ruft Manthey. Die Kinder versuchen nun, ihr Gegenüber auf den Rücken zu bekommen. Wild ist das Gewusel, aber nicht aggressiv. Die meisten Kinder haben ein Lächeln im Gesicht. Adrian und Lena rangeln geradezu zärtlich miteinander.

Frank Zimmermann

„Wie angeklebt muss das Kinn auf der Brust bleiben, damit ihr beim Rückwärtsfallen nicht mit dem Hinterkopf auf den Boden kommt“, erklärt Judo-Trainerin Sandra Manthey den Kindern – und macht gleich vor, was gemeint ist. Foto: Frank Zimmermann

„Raufen nach Regeln“ heißt das Angebot der Judo-Lehrerin. Dreimal zwei Stunden kommt sie dafür in die Kita Janosch. Auf zwei Gruppen verteilt, können die Kinder jeweils eine Stunde pro Woche mitmachen. An diesem Mittwoch ist Manthey das zweite Mal zu Gast. Daher kennen die Kinder schon einige der japanischen Begriffe. Entsprechend flott kommt Ruhe in die Gruppe, als die Judo-Trainerin „Mate!“ ruft, was aufhören bedeutet.

Doch statt in ihrer Kita finden die Kinder sich plötzlich in der Schule wieder: in der Rückenfallschule. Dabei sollen die Kinder das richtige Rückwärtsfallen lernen. „Ich mache euch jetzt Kleber ans Kinn, damit der Kopf immer auf der Brust bleibt“, sagt Manthey und macht den Kindern vor, was sie meint. „Ist das richtiger Kleber?“, fragt Berat. Nein, ist es nicht. Das merkt Noah bald darauf: Bei ihm „hält der Kleber nicht“ und sein Hinterkopf macht eine unsanfte Begegnung mit dem Boden. Im ersten Moment vielleicht eine schmerzhafte Lektion, aber bestimmt auch eine nachhaltige. Manthey hat ein paar tröstende Worte für den Jungen und schon stürzt der sich wieder in die Übung.

Sandra Manthey macht seit über 30 Jahren Judo und trägt den zweiten Dan (der schwarze Meistergürtel). Außerdem ist sie praktizierende Physiotherapeutin. Aber wie kam sie zu „Raufen mit Regeln“? „Ich habe selber Kinder und habe das vor sieben Jahren zum ersten Mal in deren Kita angeboten“, erzählt sie. Darüber und über ihre Arbeit beim Verein Budo Mugen Gronau wurden Eltern auf sie aufmerksam, die sich wiederum an die Kita-Leiterin wanden. Bei Margot Haupt fiel die Anfrage auf fruchtbaren Boden. Schließlich ist die Kita Janosch eine anerkannte Bewegungskindertagesstätte. „Ich habe Frau Manthey dann mal angerufen“, erzählt Haupt, wie der Erstkontakt zustande gekommen ist.

Und nun steht Sandra Manthey also bereits zum zweiten Mal in der Kita-Turnhalle. Beeindruckend: Sie kann schon fast alle Namen der 13 Kinder. Gegen Ende der Stunde zeigt sie ihnen zwei Wurftechniken: einen großen Hüftwurf (O-Goshi) und ein sogenanntes Schulterrad (Kata-Guruma). Jedes Kind darf sich nun einen dieser beiden Würfe aussuchen und wird damit von Manthey auf eine dicke Matte befördert. Angst haben die Kinder davor offensichtlich nicht. Im Gegenteil: Die Vorfreude steht ihnen ins Gesicht geschrieben, wenn die Judoka sie schnappt und durch die Luft wirbelt.

Wenn Manthey den Kindern etwas erklärt oder deren Übungen moderiert, betont sie immer wieder, dass das Gegenüber kein Gegner, sondern ein Partner ist. Besonders deutlich wird das den Kindern bei der Judo-Etikette: Am Ende einer Übung setzen sich die Partner gegenüber und verbeugen sich voreinander. „Damit sage ich ‚Du bist ein lieber Partner und ich will dir nicht weh tun‘“, erklärt Manthey das Ritual.

Die kleine Frau mit dem ausgeprägten Körpergefühl kann aber auch anders: Als ein Junge zum wiederholten Mal aus der Reihe tanzt, packt Sandra Manthey ihn kurzerhand am Sweatshirt und am Hosenbund. So trägt sie ihn wie ein Paket von der Matte. Auf der Bank hat der Störenfried dann Gelegenheit, sein Mütchen zu kühlen. Allerdings nicht sehr lange, denn vor der Türe steht schon die zweite Gruppe in den Startlöchern.

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