1. www.wn.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Gronau
  6. >
  7. Tote haben eine Lobby

  8. >

Intensive Ermittlungen bringen Licht in grausame Verbrechen

Tote haben eine Lobby

Gronau/Schwerin

Für den Normalempfindenden ist unvorstellbar, welche Grausamkeiten Menschen anderen Menschen zuzufügen in der Lage sind. Kriminalbeamte, Staatsanwälte, Pathologen und Psychologen werden im Rahmen ihrer Arbeit damit immer wieder aufs Neue konfrontiert. Das bringt auch die Hartgesottenen manchmal an ihre Grenzen. Den Erfahrungsaustausch miteinander, das Lernen voneinander und auch die Fehleranalyse ermöglicht seit mehr als 15 Jahren der Verein Interdisziplinäres Fachforum Rechtsmedizin („Interfafo“). Die jährliche „Fachtagung Todesermittlungen“ ist mittlerweile so gefragt, dass sie nach der Ankündigung schnell ausgebucht ist. Beim letzten Treffen stand in einem der besprochenen Fälle ein Mann im Mittelpunkt, der in Gronau geboren und aufgewachsen war, Mitte der 90er-Jahre die Stadt verlassen hatte.

Irene Schmidt

Ein Mitarbeiter der Spurensicherung am Tatort in Wittingen. Im Zusammenhang mit dem Passauer Armbrust-Fall im Mai 2019 fanden Ermittler dort zwei tote Frauen. Foto: dpa

. Die Teilnehmenden an der Fachtagung sind Experten aus allen Bundesländern, den Beneluxstaaten, der Schweiz, Österreich und darüber hinaus, die gelöste Kriminalfälle aus der jüngeren Vergangenheit im Detail aufrollen: Von der Erstmeldung über die polizeilichen Ermittlungen, von Spuren hin zu Gutachten, von der Arbeit der Staatsanwaltschaft bis zur juristischen Bewertung.

„Voneinander lernen“ lautet die Devise. Berichtet wird jeweils von den Originalbeteiligten aus den verschiedenen Behörden und Institutionen. Auch die Fehleranalyse gehört dazu. In Schwerin standen jetzt zwei große Fälle der jüngeren Kriminalgeschichte im Mittelpunkt, einer betraf die „Armbrustmorde“ im Mai 2019 in Passau, bei denen ein gebürtiger Gronauer eine zentrale Rolle spielte.

Fünf Todesopfer, drei in einer Pension in Passau von Armbrustpfeilen tödlich getroffen, zwei in einer Privatwohnung im niedersächsischen Wittingen wahrscheinlich am selben Tag durch einen selbst eingenommenen Medikamenten- und Drogencocktail vergiftet, beschäftigten die Ermittlungsbehörden und die Öffentlichkeit. Vier der Opfer waren Frauen, die sich ein- und denselben Mann teilten, einen 54-jährigen gebürtigen Gronauer, der seine Heimatstadt Mitte der 1990er-Jahre verlassen hatte und als angeblicher Psychologe unterschiedliche Geschäftsideen verfolgte. So betrieb er eine Sportschule und bot Selbstverteidigungskurse an. Er tauchte in die Mittelalterszene ein und praktizierte auf seinem Reiterhof die Therapie mit Pferden.

Günstige Arbeitskräfte waren die mit ihm lebenden Frauen, die ihm bedingungslos folgten. Seine Botschaft an sie lautete: „Wir sind die eigentlichen Schöpfer dieser Erde. (…) Wir sind nur vorübergehend hier. (…) Wir werden in ein neues System übergehen.“ Die Frauen, die er in seiner Sportschule oder bei einer Therapie kennenlernte, mussten für ihn arbeiten, ihm aufs Wort gehorchen und abartige sexuelle Wünsche erfüllen. Das ermittelte die Polizei.

Als eine schwere Herzerkrankung ihn zunehmend schwächte, beschloss er, gemeinsam mit den vier Frauen aus dem Leben zu scheiden. Betäubt durch Drogen und Hand in Hand mit einer seiner Frauen an der Seite, ließ er sich mit eigens zuvor gekauften Armbrüsten im Pensionszimmer erschießen. Die Schützin, eine weitere Frau seiner Gruppierung, tötete sich mit einem Schuss in den Hals selbst. Zwei weitere Anhängerinnen, eine von ihnen erst 19 Jahre alt, schieden, so die Ergebnisse der Untersuchungen, durch Suizid aus dem Leben.

Lydia Benecke, prominente Kriminalpsychologin aus Köln, stellte im Anschluss an die Berichte der ermittelnden Kriminalbeamten aus Passau, Braunschweig und Gifhorn, den 54-Jährigen als Beispiel für einen „erfolglosen Narzissten“ dar. Viele Fakten, die während der Ermittlungen ans Licht gekommen waren, deuteten darauf hin, dass er ein Sektenführer gewesen sei, der Anhängerinnen gesucht habe, die ihm mental unterlegen gewesen seien. Seine Herrschaft festigte er mit emotionaler und brutaler körperlicher Gewalt und kompensierte damit sein berufliches Scheitern.

Die Mordermittlungen, die weibliche und männliche Polizeibeamte, Staatsanwälte und Pathologen zwingen, sich mit grausamen Praktiken, geschundenen Opfern und schrecklichen Tatorten zu befassen, hinterlassen Spuren auch bei den Ermittlern. Die geschilderten Fälle belegten, was der Geschäftsführer des Vereins „Interfafo“, Hermann Weller, in Schwerin vorausschickte: „Es fehlt an der Aufarbeitung.“ „Interfafo“ wolle Gesprächsangebote für Todesermittler anbieten. „Es besteht Bedarf“, so Weller. Sein Credo lautet: „Tote haben eine Lobby – nämlich uns.“

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr unter   0800 1110 111 und 0800 111 0 222 oder unter telefonseelsorge.de

Startseite