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Omas Süßigkeitenauswahl zu Weihnachten

Vom Reiz des Besonderen

In vielen Familien gibt es in der Advents- und Weihnachtszeit bestimmte Rituale oder auch Gegenstände, die eine besondere Bedeutung haben oder bestimmte Erinnerungen wachrufen. In einer Serie stellen die WN derartige „Adventsstücke“ vor. Heute eine besonders süße...

Frank Zimmermann

Zugegeben: Mein Adventsstück ist eigentlich ein Weihnachtsstück. Da hilft es auch nicht, dass manchmal der vierte Advent auf den 24. Dezember fällt. Denn mein Weihnachtsstück kam immer erst am ersten Weihnachtstag zum Einsatz, bei meiner Oma. Eigentlich bei Oma und Opa, aber für diese Etagere mit der Jahr für Jahr gleichen Füllung, war ganz klar meine Oma zuständig, Oma Gerda.

Die Etagere mit den Kristallglas-Tellern und dem goldfarbenen, barocken Griff stand stets auf dem Chippendale-Wohnzimmertisch und war stets mit den gleichen Süßigkeiten gefüllt: After Eight, Toffees von Quality Street und Ritter Sport Rum. Zu den ersten beiden – britischen „Spezialitäten“ – habe ich sogar eine Erklärung parat: Oma, die jüngste von zwölf Geschwistern, hatte eine Schwester, die einen englischen Besatzungssoldaten geheiratet und mit ihm in seine Heimat gegangen ist. Jahre später haben sich die Schwestern wechselseitig besucht. Wahrscheinlich hat meine Oma bei diesen Besuchen die superklebrigen Plombenzieher von Quality Street und die Zartbitterschokoladenplättchen mit der Minzcremefüllung kennengelernt. Wie dann noch Ritter Sport Rum dazugekommen ist – keine Ahnung!

Ehrlicherweise fand ich als Kind sowohl die Schokoriegel mit den Rumrosinen als auch die Minzcremefüllung in den Schokoplättchen nicht besonders lecker. Und bei den Toffees hängt es sehr davon ab, welche Sorte man erwischt. So ähnlich wie bei Harry Potter „Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung“ (da gibt’s auch eine, die nach Ohrenschmalz schmeckt . . .). Ganz so schlimm ist Quality Street nicht, aber die Varianten mit Orangen- oder Erdbeerfüllung sind schon ziemlich eklig. Als Vorbereitung auf diesen Artikel haben meine Frau und ich die Süßigkeiten erneut gekostet – sie schmecken mir immer noch nicht.

Trotzdem war mir, als ein Kollege die Idee mit den Adventsstücken vorgestellt hat, sofort klar, dass mein Adventsstück diese Etagere sein wird. Warum nur? An so manchem Weihnachtsfest habe allzu viel von dieser Etagere genascht, Bauchschmerzen inklusive, obwohl ich das Zeug gar nicht so gern mochte. Aber – und das hat für mich insgesamt auch den Zauber von Weihnachten ausgemacht – an Weihnachten gab es besonderes Essen und die sonst üblichen Kontrollen und Einschränkungen waren aufgehoben. Zwar gab es eine allgemeine Warnung: „Iss nicht so viel Süßigkeiten, sonst wird dir nachher schlecht.“ Aber hätte Sie das mit acht Jahren abgehalten? Sehen Sie, mich auch nicht . . .

Wenn ich zurückdenke, dann kommt mir noch ein zweiter wichtiger Aspekt in den Sinn: In meiner Kindheit war das Essen an Weihnachten – und das gilt auch für die Getränke und die Süßigkeiten – wirklich noch ein Festessen. Speisen, die sich von den Lebensmitteln des Alltags unterschieden. Anders als meine Oma, die sich in ihrer Kindheit mit elf Geschwistern vier Heringe teilen musste, habe ich zwar keinen Hunger kennengelernt. Aber auch für meine Mutter und mich gab es nach dem Sonntagsbraten montags nur noch die Bratensoße mit Kartoffeln und eingelegten Gurken. Das letzte Stück Fleisch war meinem Vater vorbehalten, weil der als Schlosser einer harten körperlichen Arbeit nachging und deshalb kalorienreiches Essen brauchte.

Zwar hat die Süßigkeitenmischung meiner Oma bei mir nicht verfangen, aber schon längst hat bei uns Fleisch wieder den Status eines Luxusguts: Wir essen wenig davon, aber dann von bester (Bio-)Qualität, gerne vom Arche-Hof von Maria Büning aus Laer. Und: Ich habe eine Schwäche für Etageren, wenn auch in einem anderen Stil als das gute Stück von Oma mit dem schnörkeligen Goldgriff, das ich übrigens geerbt habe.

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