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Syrer kam 2015 als Flüchtling nach Deutschland – heute arbeitet er bei der Post

Von Damaskus nach Gronau

Gronau

Derzeit erreichen viele Flüchtlinge aus der Ukraine Gronau. Vor knapp sieben Jahren waren es Menschen, die sich aus dem vom Krieg heimgesuchten Syrien nach Europa aufmachten. Einer von ihnen war Alaa Mansour. Er flüchtete 2015 über Umwege nach Deutschland. Heute arbeitet der 37-Jährige in Festanstellung bei der Deutschen Post AG. Unser Mitarbeiter Peter Kolb sprach mit ihm.

Von und

Alaa Mansour vor seinem Postauto.Bei der Geba lernte Alaa Mansour Deutsch Foto: Peter Kolb

Wann hattest du den Entschluss gefasst, deine Heimat zu verlassen, und wie bist du nach Deutschland gekommen?

 Mansour: Ich konnte damals sehen, dass der Krieg in meiner Heimat Syrien lange dauern würde, denn es war letztendlich ein Krieg zwischen West und Ost, mit vielen Figuren wie auf einem Schachbrett. Ich fürchtete um mein Leben. Unser Präsident ist ja gleichzeitig auch militärischer Befehlshaber. Ich sagte zu meinen Eltern, dass ich das Land verlassen würde. Das war Anfang Januar 2015. Meine Mutter war dagegen. Sie war um mich besorgt. Sie sagte, ich solle bleiben. Ich hätte doch einen sicheren Job. Ich musste aufgrund einer Sehschwäche zwar nicht damit rechnen, eingezogen zu werden, doch es war mir zu gefährlich geworden in meiner Heimat.

Manche haben sich gefälschte Ausweispapiere besorgt

Wie hast du deine Reise praktisch vorbereitet?

Mansour: Über Facebook. Ich las dort, wie andere Flüchtlinge ihre Reise vorbereiten. Ich hörte etwas von Schleppern und von 1000 Euro, die man bezahlen muss, wenn man in einer größeren Gruppe flüchtet. Es war wie auf einem Markt. Wenn du ein Boot für fünf Personen willst, musst du mehr bezahlen, als wenn dir eins für 25 Personen genügt. Es war alles eine Geldfrage. Man lernte, die Kosten einzuschätzen. Ich bin zuerst mit dem Flugzeug in die Türkei geflogen. Dann weiter mit dem Boot nach Griechenland. Dort angekommen, gab man uns eine Bescheinigung, mit der man eine Woche im Land bleiben durfte. Man hatte also ein bisschen Zeit. Diese Zeit nutzte ich für Kontakte. Manche haben sich gefälschte Ausweispapiere besorgt. Ein Reisepass kostete zum Beispiel 3000 Euro. Ich hatte nicht genug Geld, darum habe ich mir keinen besorgt.

Kontrolle

Wie ging es weiter?

Mansour: Zu Fuß nach Mazedonien. Dort hat die Armee nicht streng kontrolliert. Meist sind wir nachts los. Dann mit dem Zug weiter nach Serbien. In Serbien musste man sich entscheiden: entweder mit bezahltem Schlepper über die Grenze nach Ungarn oder auf eigene Faust. Ungarn war ein wichtiges Ziel, denn es ist ein EU-Mitglied. Wenn sie einen dort erwischen, kannst du nicht weiter. Dann musst du dort Asyl beantragen. An der Grenze von Serbien hatte ich einen Schlepper. Wir hatten dort eine Woche gewartet, bis ein Bulli kam. Mehrere Familien waren dort in einem Haus. Dort wurde sozusagen vorsortiert. Die fragten, wer nach Österreich will, wer nach Deutschland und wer in die Niederlande. Der Bulli war für Passau, also Deutschland bestimmt. Dahin wollte ich. Also bin ich mit dem gefahren. In Ungarn gab es dann Probleme, und zwar in Budapest. Kontrolle. Der Fahrer wollte nicht weiterfahren, weil er es für zu gefährlich hielt. Also haben wir in Budapest ein paar Tage gewartet. Wir mussten auf einen anderen Bulli warten, der uns nach Passau gebracht hat. Dort habe ich wieder mit Hilfe von Facebook einen Überblick darüber bekommen, in welchen Bundesländern es einfacher ist, Asyl zu beantragen. NRW gehörte nicht dazu. Dort gab es schon zu viele Flüchtlinge. Bayern ging gar nicht. Deshalb bin ich gleich weiter nach Niedersachsen, in die Nähe von Hamburg.

Dort hast du dann Asyl beantragt?

Mansour: Genau. Das war am 4. August 2015. Ich wollte entweder nach Deutschland oder Holland. Da habe ich Verwandte. Die leben aber schon seit über zehn Jahren dort. Aber Deutschland ist Deutschland. Kurz vor Weihnachten bin ich nach Gronau gekommen. Ab da musste man sich um alles selbst kümmern. Wohnung, Deutschkurs etc.

In Damaskus Bankmitarbeiter gewesen

Was hast du in deiner Heimat gelernt?

Mansour: Ich habe in Syrien an der Uni Bankwesen studiert und anschließend sechs Jahre in Damaskus bei einer Bank gearbeitet.

Was hat deine Flucht insgesamt gekostet?

Mansour: 5000 Euro.

Konntest du schon ein bisschen Deutsch, als du hier angekommen bist?

Mansour: Nein, nur ein bisschen Englisch, aber nur Lesen und Schreiben. Sprechen konnte ich nicht. Die englischsprachigen Filme sind in Syrien nicht synchronisiert. Das hat mir geholfen.

Wo hast du hier angefangen?

Mansour: Zuerst bei der VHS, dann bei der Geba. Ich habe dort einen Integrationskurs gemacht, vorher bei der Chance einen Vorbereitungskurs. Eine Art ABC-Kurs über Deutschland. Das Jobcenter hat mich aus diesem Kurs herausgeholt und mich zur Geba geschickt.

Fällt dir das Lernen leicht?

Mansour: Naja, es war nicht so einfach. Ich habe aber immer auch mit dem Internet privat gelernt. Youtube zum Beispiel…

Was hast du dann nach der B1-Sprachprüfung gemacht?

Mansour: Ich habe überlegt, eine Ausbildung zu starten, aber dafür reicht B1 nicht. Das reicht maximal zum Einkaufen. Also war klar, dass ich noch B2 machen muss. Ich habe das mit dem Jobcenter besprochen und gesagt, dass ich bessere Chancen für mich sehe, wenn ich den B2 Kurs nachschiebe. Die Situation ist ja so, dass Deutschland mit den Kriegsflüchtlingen aus Syrien nicht dieselben Probleme haben wollen wie mit Gastarbeitern früher. Wir Flüchtlinge sollen ein besseres Niveau erreichen, bevor wir in den Arbeitsmarkt gehen.

Wie ging es weiter?

Mansour: Ich wollte unbedingt meine Frau hierherholen. Dafür musste ich aber persönlich finanziell garantieren. Darum kümmert sich nicht das Jobcenter oder die Ausländerbehörde. Deswegen habe ich mir dann einen Job gesucht. Zunächst habe ich ehrenamtlich ungefähr ein Dreivierteljahr bei der Tafel gearbeitet. Dort haben einige nette, ältere Leute gearbeitet. Mit denen konnte ich mein Deutsch verbessern, weil sie sehr kontaktfreudig waren. Manchmal mussten wir nach Ahaus fahren, dann gab es immer Gelegenheit zum Austausch. Ich hätte mir gewünscht, dass der B2-Kurs länger dauert als 500 Stunden, denn dann könnte man noch mehr Fachsprache lernen, die einen auf bestimmte Berufe vorbereiten hilft.

Wie kam die Idee mit der Post?

Mansour: Über einen deutschen Freund. Ich war der erste Ausländer bei der Post in Gronau. Mittlerweile sind da fünf oder sechs. Der Kontakt lief über einen deutschen Bekannten bei der Baptistengemeinde Gronau. Die rieten mir, mich dort zu bewerben. Aufgrund der Tatsache, dass man während einer Ausbildung sehr wenig Geld verdient, habe ich davon Abstand genommen. Die guten Verdienstmöglichkeiten bei der Post haben mich dazu veranlasst. Der Nachteil dort ist, dass man dort fast gar nicht verbal kommuniziert. Ich fürchte, mein Deutsch ist seitdem wieder schlechter geworden.

Wie siehst du die nächsten fünf Jahre?

Mansour: Ich habe mich jetzt erst mal an meinen Job gewöhnt. Ich will immer draußen sein. Einen Bürojob kann ich mir nicht vorstellen. Ich würde mir gern ein Haus kaufen. Vielleicht in Metelen. Dort sollen die Häuser günstiger sein. Ein Haus ist ein Traum für mich. Der Traum meines Lebens. Ich bin 1985 geboren, dieses Ziel verfolge ich jetzt. Außerdem bin ich froh, dass meine Frau endlich bei mir ist. Sie lernt jetzt auch Deutsch .

Wo lebt der Rest deiner Familie?

Mansour: Mein Bruder will nach Kanada. Meine Eltern sind noch in Syrien.

Wirst du jemals wieder zurückkehren ?

Mansour: Nein. Ich traue den Entscheidern dort nicht.

Vermisst du denn Syrien nicht?

Mansour: Nein, ich bin kein emotionaler Typ. Au­ßerdem lebt keiner meiner Freunde mehr in Syrien. Für die Alten ist es vielleicht besser, dort zu bleiben. Hier wird es zu früh im Jahr dunkel. Das Wetter ist oft grau. Die älteren Menschen werden hier leicht depressiv glaube ich. Wir jüngeren Leute können besser damit umgehen.

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