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Erziehungsberater Christoph Muckelmann im Interview

„Zeit auch für schöne Dinge nutzen“

Epe

Eigentlich besteht seine Arbeit in erster Linie aus persönlicher Beratung. In Zeiten der Corona-Krise aber muss Christoph Muckelmann, Erziehungswissenschaftler der Caritas-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern, aus dem Homeoffice neue Wege gehen. Welche das sind und wie sich die Krise auf die Menschen auswirkt, darüber chattete Muckelmann im Interview mit WN-Redakteur Frank Zimmermann.

wn

Erziehungsberater Christoph Muckelmann Foto: Frank Zimmermann

Der Erziehungswissenschaftler Christoph Muckelmann arbeitet in der Caritas-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Epe. Eigentlich. Doch nun hat ihn die Corona-Krise ins Homeoffice verbannt. Wie es sich von dort aus arbeitet, wie es den Familien vor Ort geht und was er Armin Laschet raten würde, darüber hat er mit WN-Redakteur Frank Zimmermann gechattet.

Hallo Christoph! Viele Grüße von Homeoffice zu Homeoffice! Wie muss ich mir die Arbeit eines Erziehungsberaters im Homeoffice vorstellen?

Christoph Muckelmann: Auch bei uns hat die Corona-Krise zu einer fundamentalen Änderung der momentanen Arbeit geführt. Normalerweise besteht unsere Kernarbeit ja darin, im Rahmen persönlicher Gespräche mit Ratsuchenden gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Momentan werden wir vor allem telefonisch beraterisch tätig, führen Video- oder Onlineberatungen durch.

Du bist als Berater auch an vielen Kitas und Schulen präsent gewesen. Ruht das zurzeit oder fragen auch Erzieherinnen und Lehrerinnen telefonisch bei dir an, weil sie Rat suchen?

Muckelmann: Normalerweise sind wir in vielen verschiedenen Schulen und Kitas im Rahmen regelmäßig stattfindender Sprechstunden präsent, um dort für Fragen zur Verfügung zu stehen und einen niedrigschwelligen Zugang zu unserem Beratungsangebot zu ermöglichen. Hierbei wird unser Angebot von Eltern, Schüler/-innen und natürlich auch Erzieher/-innen und Lehrer/-innen in Anspruch genommen. Durch die Schul- und Kitaschließungen können diese Sprechstunden momentan nicht stattfinden. Wir stehen aber auch in der jetzigen Situation als Ansprechpartner zur Verfügung und treten in Kontakt mit Erzieher/-innen und Lehrer/-innen, die sich an uns wenden. Auch für Schulen und Kitas ist die momentane Situation natürlich durch viele Unsicherheiten geprägt. Dadurch, dass in den Schulen und Kitas momentan nur Notbetreuungen angeboten werden und am Donnerstag erstmalig die Schüler der Abschlussklassen wieder in die Schule durften, gehen wir davon aus, dass in der nächsten Zeit vermehrt Anfragen eingehen werden.

Da du nicht in Gronau wohnst, blickst du nun von außen auf die Stadt, hast aber entsprechende Rückmeldungen. Wie ist dein Eindruck davon, wie es den Familien in Gronau in diesem Ausnahmezustand geht?

Muckelmann: Wir bekommen ganz unterschiedliche Rückmeldungen von den Familien, die wir schon vor der Corona-Krise betreut haben und auch von jenen, die sich gerade jetzt an uns wenden, um Rat und Unterstützung zu bekommen. Ein Gefühl, dass bei vielen Familien überwiegt, ist sicherlich das Gefühl der Verunsicherung. Verunsicherung darüber, wann die Schulen und Kitas wieder öffnen und unter welchen Voraussetzungen dort Betreuung bzw. Unterricht stattfinden kann. Verunsicherung darüber, wie Kindern weiterhin eine Tagesstruktur geboten werden kann. Verunsicherung darüber, wie lange die Krise noch andauern wird und wie sich das Virus auf den Einzelnen bzw. die Einzelne auswirken könnte. Auch hinsichtlich der beruflichen Perspektive nehme ich und nehmen wir eine große Belastung für viele Familien wahr – schließlich sind immer mehr Menschen von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit bedroht. Dieses alles macht natürlich etwas mit den Familien, kann zu Spannungen und Ängsten führen – auch bei Kindern. Die Situation, dass die ganze Familie vor allem zu Hause ist und den Tag gemeinsam im Haus verbringt, ist eine, die viele Familien außerhalb von Urlaub noch nicht erlebt haben. Jetzt haben wir häufig die besondere Situation, dass die ganze Familie fast den gesamten Tag gemeinsam verbringt und der Alltag dennoch funktionieren muss: Die kleineren Kinder wollen Bewegung und Spaß, vor allem da die Strukturen der Kita fehlen. Die älteren Kinder müssen oftmals viele Aufgaben für die Schule machen und benötigen hierbei häufig Unterstützung von ihren Eltern, die wiederum den Spagat zwischen Kinderbetreuung, Haushalt und oftmals Tätigkeiten im Homeoffice verbinden müssen – eine schwierige Aufgabe, die häufig zu Spannungen untereinander führt. Dazu kommt, dass Kinder gerne mit Freunden spielen möchten, Jugendliche bei dem guten Wetter gerne draußen unterwegs wären und Eltern immer wieder erklären müssen, dass dies im Moment nicht wie üblich geht. Häufig ist es für Kinder zudem schwierig zu verstehen, dass diese besondere Situation mit all ihren Beschränkungen vorherrscht. Ich persönlich erfahre in Telefonaten und Videochats zudem immer wieder, dass diese Zeit für Familien, die in beengten Wohnverhältnissen leben und etwa keinen Garten haben, in dem sich die Kinder austoben können, eine besondere Herausforderung darstellt und zu Konflikten führt.

Und was kannst du den Menschen jetzt raten? Zähne zusammenbeißen und durch?

Muckelmann: Ich denke, dass Eltern zahlreiche Möglichkeiten haben, die jetzige Zeit möglichst gut und erträglich für sich und die Kinder zu gestalten. Ein wichtiger Punkt sind Strukturen: Besonders gut durch die Krise scheinen jene Familien zu kommen, denen es gelingt, auch in der jetzigen Zeit (Alltags-)Strukturen aufrechtzuerhalten, die etwa darauf achten, dass die Kinder regelmäßig und zu festen Zeiten die Aufgaben für die Schule erledigen. Kinder brauchen Bewegung, Ablenkung und wollen gefordert werden. Eine schwierige Aufgabe, wenn Kitas und, Schulen geschlossen sind und eine riesige Herausforderungen für Eltern in der jetzigen Zeit. Dennoch gibt es Möglichkeiten: Das gute Wetter lädt zu Spaziergängen ein, Wälder können (wieder-)entdeckt werden, und wenn man in der glücklichen Position ist, einen eigenen Garten zu haben, gibt es auch dort zahlreiche Möglichkeiten, zumindest zu versuchen, die jetzige Zeit auch für die schönen Dinge im Leben zu nutzen. Neben den eben angesprochenen Schwierigkeiten und Problemen, bekommen wir jedoch auch andere Rückmeldungen: Der Alltag ist für viele Menschen im Moment deutlich entschleunigt, bietet Familien die Möglichkeit, mehr Zeit miteinander zu verbringen als üblicherweise, ermöglicht es, innezuhalten und den Wert von Familie noch einmal neu bzw. wiederzuentdecken. Die Zeit bietet auch die Möglichkeit, Neues auszuprobieren, mit Kindern bestimmte Dinge zu bearbeiten, zu üben, auszuprobieren. Auch wenn die jetzige Zeit für uns alle eine riesige Herausforderung ist, ist es wichtig, sich gerade jetzt auf die schönen Dinge zu konzentrieren und zumindest den Versuch zu starten, den Unsicherheiten und Unwägbarkeiten der Situation auch positive Aspekte entgegenzusetzen. Dieses kann im Moment natürlich nicht immer gelingen und das Konfliktpotenzial ist wohl in jeder Familie hoch wie selten zuvor. Bei Schwierigkeiten und Fragen kann man sich natürlich auch jederzeit an uns wenden und Unterstützung bekommen.

Da bietet die Krise also auch Chancen . . . Trotzdem frage ich dich als Experten: Was ist mit Erziehungsgrundsätzen wie „Eltern sollten Medien nicht als Babysitter einsetzten!“ – darf man die in dieser Ausnahmesituation auch mal aussetzen?

Muckelmann: Jede Familie ist momentan dazu gezwungen, eigene Wege zu finden, Arbeit und Familie miteinander zu verbinden. Ist es schon im normalen Alltag oft schwierig, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen, ist die Verbindung von etwa Homeoffice und Familie eine ganz besondere Herausforderung: Gerade kleineren Kindern fällt es häufig schwer zu verstehen, warum Mama oder Papa gerade keine Zeit zum Spielen haben, obwohl diese doch den ganzen Tag zuhause sind und „eh nur vor dem Computer sitzen“. Da gilt es natürlich, kreative Möglichkeiten zu finden, seine Kinder zu beschäftigen – vor allem, wenn alle normalen Betreuungs-, Freizeit- oder auch Sportangebote wegfallen. Vieles läuft im Moment dadurch etwas anders, Alltagsregeln werden häufig etwas aufgeweicht und der Fernseher läuft manchmal vielleicht etwas länger als üblich. Kindern sollte deutlich gemacht werden, dass wir uns in einer besonderen Situation befinden und bestimmte Routinen, die sich momentan vielleicht einschleichen, auch wieder ein Ende haben werden, wenn der „normale“ Alltag wieder starten kann. Problematisch kann es jedoch werden, wenn übliche Strukturen und Regeln, die in der Familie normalerweise herrschen, komplett wegbrechen. Diese müssen nach der Krise dann wieder neu eingeübt werden, wobei Konflikte vorprogrammiert sind. In der letzten Zeit häufen sich auch bei uns Rückmeldungen von Eltern, dass ihre (jugendlichen oder auch jüngeren) Kinder nur noch vor dem Computer, der Spielkonsole, dem Tablet oder dem Fernseher sitzen, dass der Tages- und Nachtrhythmus aus den Fugen gerät und sie sich folglich Sorgen machen, dass ihre Kinder den Umschwung hin zu einem Alltag mit geregelten Zeiten nicht oder nur schwer schaffen können. Auch wenn im Moment vieles anders funktioniert, sollten übliche Regeln und Absprachen in den Familien nicht komplett ausgehebelt, sondern eher an die momentane Situation angepasst werden. Dennoch muss man natürlich betrachten, dass es für uns Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche ein großer Vorteil ist, dass wir mit dieser Fülle an Medien ausgestattet sind. Das Handy oder der Computer sind für viele Kinder und Jugendliche im Moment die einzige Möglichkeit, sich mit Freunden auszutauschen und gemeinsam zu spielen – wenn auch nur virtuell. Kinder benötigen soziale Kontakte, brauchen den Austausch mit Gleichaltrigen. Nicht alles möchten sie mit Mama oder Papa besprechen – für viele Dinge braucht man den Kontakt zum besten Freund oder der besten Freundin. Und genau dieser so wichtige Kontakt kann im Moment häufig nur mithilfe von Medien gehalten werden.

Zurzeit haben Politiker scheinbar ein besonders offenes Ohr für die Ratschläge von Wissenschaftlern. Wenn, sagen wir mal, Armin Laschet dich um einen Rat zum Umgang mit der Corona-Krise aus Sicht des Erziehungswissenschaftlers bitten würde, was würdest du ihm raten?

Muckelmann: Kinder brauchen Möglichkeiten, sich auszuprobieren, brauchen Kontakte zu anderen Kindern, brauchen Schutzräume, in denen sie sich frei und gefahrlos bewegen können. Kinder brauchen Bewegung, Förderung und Unterstützung. Es sollten Angebote geschaffen werden, damit Kindern diese auch in der jetzigen Situation zuteil werden kann. Ich denke, es sollte überlegt werden, wie und durch welche begleitenden Maßnahmen Kinder auch in der jetzigen Situation in Austausch mit anderen Kindern treten können. Ich denke, dass ich Armin Laschet vor allem raten würde, aus dieser Krise zu lernen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um auf ähnliche Situationen in Zukunft besser vorbereitet zu sein. Ich denke, dass es vor allem im Bereich der Schulen großen Nachholbedarf hinsichtlich Digitalisierung gibt. Die Möglichkeit Unterricht per Videochat anzubieten, wie es in einigen Längern bereits möglich ist, besteht bei den meisten Schulen nicht. Zwar werden die Schüler/-innen mit Aufgaben versorgt, die Funktion der Lehrer/-innen müssen jedoch momentan vor allem die Eltern einnehmen. Auch dieses kann zu Konflikten und Schwierigkeiten führen. Nicht zuletzt würde ich dazu raten, bei dem Versuch, Finanzierungslücken zu schließen auch Beratungsstellen nicht aus dem Blick zu verlieren, damit das vielfältige Beratungsangebot, das wir momentan haben, damit die zahlreichen Anlaufstellen für Menschen, die mit unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert sind, auch nach Ende der Krise noch weiterhin in dem gewohnten Maße besteht.

Die Caritas-Beratungsstelle ist telefonisch (02565 2424), per E-Mail (eb.epe@caritas-ahaus-vreden.de und über die Internetseite erreichbar.

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