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Dieter Gottschlich zeichnet die Geschichte seiner Eltern nach

Seit 70 Jahren ein echter Nienborger

Nienborg

Dieter Gottschlich fühlt sich selbst als waschechter Nienborger. Hier ist er aufgewachsen, hat geheiratet, Kinder bekommen, Fußball gespielt und trainiert, sich politisch engagiert, hier ist er im Heimatverein und war sogar eine Zeit lang stellvertretender Bürgermeister.

Bernd Schäfer

Auf einem alten Grabstein fand Dieter Gottschlich die Namen von längst verstorbenen Vorfahren. Carl Cramer persönlich unterzeichnete die Nachricht, dass für den Umzug alles vorbereitet wird (l.) . Foto: privat

Dabei ist er streng genommen „nur en Totrockenen“, ein Zugezogener. Geboren ist der 71-Jährige nämlich in Bochum-Langendreer. Und würde vielleicht noch heute dort wohnen, wenn seine Eltern nicht zufällig den gleichen Geistlichen gekannt hätten, der auch mit der Familie Cramer bekannt war.

Eigentlich stammt die Familie von Dieter Gottschlich aus Schlesien, aus dem Dorf Falkenberg (heute Sokolec, Polen), etwa 80 Kilometer südwestlich von Breslau, direkt an der Grenze zu Tschechen. Schon seine Oma hatte einen Webstuhl zuhause, mit dem sie die Familie durchbrachte, Vater Paul machte kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs seinen Meister im Weberhandwerk. Dann wurde er als Soldat eingezogen, nach Kriegsende musste die Familie ihr Zuhause verlassen und Richtung Westen fliehen – und landete schließlich in Bochum. Jobs waren im zerstörten Ruhrgebiet schwer zu finden, deshalb konnte Paul Gottschlich nicht wählerisch sein sondern musste nehmen, was er kriegen konnte und wurde Bergmann.

Wohnung über der Apotheke

Bis er mit seinem Pastor ins Gespräch kam und ihm erzählte, dass er eigentlich Weber sei. Der wiederum erinnerte sich an Carl Cramer, der aus Bochum ins Münsterland gegangen war, um dort eine Weberei und Rauherei zu gründen – und auf der Suche nach Fachleuten war.

Schnell wurden sich beide Seiten einig, Carl Cramer forderte die mittlerweile um die Söhne Günther und Dieter gewachsene Familie Gottschlich auf: „Kommt nach Nienborg, ich besorge euch da eine Wohnung.“

Die wurde im Obergeschoss der Burg-Apotheke eingerichtet. „Wir werden Herrn Lücking in Nienborg verständigen, daß Sie am 26. Febr. eintreffen werden. Die Instandsetzung der oberen Räume wird im Frühjahr unter allen Umständen durchgeführt“, schrieb Carl Cramer Anfang Februar 1951 an Paul Gottschlich.

Dokumente und Fotos 

So wurde Nienborg das neue Zuhause des nicht einmal zweijährigen Dieter – der sich anschließend Jahrzehnte lang nie Gedanken darüber machte, dass sein Stammbaum nicht Jahrhunderte tief in der Nienborger Geschichte wurzelt. „Früher hat man sich gar nicht damit beschäftigt“, erzählt der Pensionär. „Irgendwann habe ich mich dann aber doch gefragt: Wo kommst du eigentlich her?“ Seinen Vater konnte er nicht mehr fragen, der war bereits 1966 gestorben, als gerade das Haus an der Ochtruper Straße fertig gebaut worden war.

Immerhin gab es noch Dokumente und Fotos aus Schlesien sowie Erzählungen von Tanten, die einen Blick in die Familienhistorie möglich machten. 2019 flog er dann selbst nach Breslau, um sich die Gegend anzusehen, in der seine Ahnen lebten.

Eines wusste er da allerdings noch nicht: Das Haus, in dem seine Mutter aufgewachsen ist, steht noch. „Jetzt muss ich ja wohl noch einmal hinfahren, um es mir anzusehen“, wird die erste Reise dort wohl nicht die letzte bleiben.

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