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Heeker Georadarexperten

Tunnel aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt, in dem Hunderte Soldaten starben

Heek

Längst hat die Natur ihr grünes Leichentuch über den Ort im Dreieck der Städte Laon, Soissons und Reims im Norden Frankreichs gelegt, der ein so grausames Schicksal birgt. Vor knapp über 100 Jahren wurde dieser Ort im Ersten Weltkrieg für hunderte deutsche Soldaten auf einen Schlag zum Massengrab.

Till Goerke

Nach zwei Sondierungsdurchgängen ist sich das Foto: Georadar

Noch heute liegen Leichen, Waffen und persönlichen Gegenstände nach einem Granateneinschlag verschüttet in einem Tunnel mit dem Namen „Winterberg“ nahe der Gemeinde Craonne im französischen Departement Aisne. Dessen genaue Position samt Eingang war jahrzehntelang unbekannt. Bis jetzt.

​Der Firma Geo-Radar aus Heek mit Wissenschaftlern (Geophysik und Geowissenschaft) im Auftrag des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge gelungen, mit hochmoderner Technik Licht ins Dunkle zu bringen.

„Wir haben zwei riesige Hohlräume und einen verschütteten Eingang entdeckt. Ich bin mir sehr sicher, dass es sich um den gesuchten Tunnel handelt“, berichtet Geo-Radar-Inhaber und Geschäftsführer Winfried Leusbrock von dem Fund auf dem Höhenzug „Chemin des Dames“. Und das war erst der Anfang einer ganz besonderen „Mission“ des Geo-Radar-Teams.

Erbarmungsloser Stellungskampf

Im Frühjahr 1917 entbrannte in dem Gebiet ein erbarmungsloser Stellungskampf zwischen deutschen und französischen Truppen. ​In der hügeligen und bewaldeten Landschaft standen sich die Soldaten direkt gegenüber. Um den Durchbruch zu erzwingen, setzten die Franzosen zudem wochenlang auf schweren Artilleriebeschuss.

Am 14. Mai 1917 traf eine schwere Granate den Eingang des „Winterbergtunnels“ und sprengte die dort gelagerten Munitionsvorräte. Der Tunnel diente als Verbindung zwischen den Schützengräben und einer Höhle im Felsen. Nach dem Granateneinschlag füllte er sich mit Rauch und Gas und wurde für über 200 deutsche Soldaten zu einer tödlichen Falle, aus der nur drei von ihnen lebend entkamen. In Todesangst sollen sich viele Soldaten selbst erschossen haben, andere erstickten.

Nach Kriegsende geriet der Tunnel in Vergessenheit, die erbarmungslosen Kämpfe hatten die Landschaft umgeformt, der bei dem Angriff verschüttete Eingang nicht mehr aufzufinden.

Hinweise von Hobbyforschern

Erst vor rund zwei Jahren fanden Hobbyforscher Hinweise auf den Tunneleingang, danach übernahmen der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und dessen französische Partnerorganisationen die weiteren Untersuchungen des Geländes – und zogen im Juni vergangenen Jahres auch die Geo-Radar GmbH aus Heek hinzu.

Das Team von Winfried Leusbrock hat schon oft mit dem Volksbund zusammengearbeitet. Dennoch war die Arbeit an der ehemaligen Westfront für das Team um Winfried Leusbrock eine ganz besondere Erfahrung: „Da liegt noch Munition ohne Ende rum. Das ist schon nicht ungefährlich.“

Unter strengster Geheimhaltung ​reiste Winfried Leusbrock im vergangenen Juni mit drei Mitarbeitern nach Frankreich, um vor Ort das Gelände mittels Georadar zu sondieren. Dabei werden elektromagnetische Impulse in den Boden gesendet. An Objekten werden diese Impulse reflektiert.

Die Stärke und Art der Reflexion lassen dann gute Rückschlüsse auf den Untergrund zu. Die so erstellte 3D-Bodenauswertung wird über ein Drohnenbild der Fläche gelegt. So ist eine exakte Kartierung möglich. 25 Prozent der Arbeit erfolgt im Feld, die Detailauswertung im Büro.

Zunächst war Frust angesagt

Doch zunächst war Frust angesagt. Die Sondierung im Juli brachte nicht den erhofften eindeutigen Erfolg. „Georadar ist in der Tiefe begrenzt“, erklärt Winfried Leusbrock. Also kehrte das Team unter Begleitung des Volksbunds im vergangenen Dezember mit noch feinerer Technik zurück. Dieses Mal kam Geoelektrik zum Einsatz.

​Kabelrollen, Spannungsmessgeräte, Sonden, Elektroden und eine Drohne wurden eingesetzt. Der stundenlange Einsatz im Gelände lohnte sich. Nach einer mehrtägigen Auswertung im heimischen Heek konnte das Georadar-Team fundierte Ergebnisse präsentieren. „Der Volksbund war sehr erfreut“, blickt Leusbrock zurück. Sowohl Tunnel als auch der dazugehörige Eingang scheinen gefunden zu sein.

Sehr zum Ärger des Volksbunds machten sich in der Weihnachtszeit Grabräuber zu schaffen, wie Winfried Leusbrock berichtet. Denen sei es aber nicht gelungen, in das Innere des Tunnels vorzudringen. Mittlerweile werde das Gelände mit Kameras und vom Militär bewacht. Solange, bis das Georadar-Team zurückkehren wird.

Munitions- und Sprengstoffreste erwartet

Denn der Tunnel soll fachmännisch geöffnet werden. Wegen der erwarteten Munitions- und Sprengstoffreste kein ungefährliches Unterfangen. Schon bei den bisherigen Arbeiten fand das Georadar-Team davon jede Menge. Und doch ist es ein Unterfangen, dass das Team mit viel Eifer angeht. „Wir haben die wissenschaftliche Leitung inne“, so der Firmeninhaber und Geschäftsführer. Das sei große Ehre und Verantwortung zugleich.

​Wann genau die Öffnung erfolgt, hängt auch mit dem Verlauf der Corona-Pandemie zusammen. Ganz grob peilen Leusbrock und sein Team Ende Mai an. Und ganz gleich, wann genau es so weit ist, für Winfried Leusbrock wird es ein ganz besonderer Moment sein. „Ich werde wohl der erste Mensch nach über 100 Jahren sein, der diesen Tunnel wieder betritt.“

Wenig Licht, viel Schutt und jede Menge Ungewissheit wird das Team erwarten. Unter Atemschutz und mit Schutzausrüstung soll der Tunnel erkundet werden. Auch die Deutsche Bundeswehr wird dann vor Ort sein.

​„Natürlich könnte es grausam werden“, ahnt Winfried Leusbrock. Diese Befürchtung beruht auf der Annahme, dass die Leichen der Soldaten nicht verwest, sondern unter Luftabschluss mumifiziert sein könnten. „Wir sind bereit, das Geheimnis endgültig so lüften“, schiebt Leusbrock den Gedanken aber schnell beiseite.

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