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50 Jahre Gemeindezusammenlegung

Wie Nienborg kurz vor dem Zusammenschluss aus dem Ortsnamen gestrichen wurde

Nienborg

Vor 50 Jahren schlossen sich Heek und Nienborg zu einer neuen Gemeinde zusammen – keine unkomplizierte Verbindung. Noch höhere Wellen als der Zusammenschluss selbst schlug aber der Ortsname.

Falko Bastos

Die Luftaufnahme zeigt die Eper Straße in Nienborg im September 1975 – sechs Jahre nach der Kommunalreform Foto: Gemeindearchiv

Eine Liebesheirat ist etwas anderes. „Es war eine Mischung aus Vernunft- und Zwangsehe“, meint Zeitzeuge Wilhelm Brüning über das Zustandekommen der Gemeindezusammenlegung am 1. Juli 1969. Zwang deshalb, weil beiden Gemeinden im Rahmen der kommunalen Neugliederung die Zwangsangliederung an eine andere Stadt drohte. Vernunft deshalb, weil beide diesem Szenario durch eine freiwillige Zusammenlegung zuvorkommen wollten.

Zu dieser freiwilligen Übereinkunft zu kommen, war alles andere als einfach. Besonders auf Nienborger Seite fürchtete man, die eigenen Interessen aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im gemeinsamen Rat nicht mehr durchsetzen zu können. Deshalb machte der Nienborger Rat am 6. Januar die Heeker Zustimmung zu einem Gebietsänderungsvertrag zur Bedingung, in dem sie mehrere Konditionen stellte.

So sollte unter anderem die Grundschule erhalten bleiben. Besonders wichtig war den Nienborgern aber die Namensgebung: „Der Ortsname soll Nienborg-Heek heißen“, heißt es im Vertrag. Falls es wesentliche Änderungen gebe, würden die Vertreter Nienborgs über einen Zusammenschluss neu abstimmen, heißt es darin weiter.

Lange Diskussionen

Schon am folgenden Tag stimmte der Heeker Rat ab. „Den Heeker Gemeinderatsmitgliedern fiel es nicht leicht, allen Wünschen der Gemeinde Nienborg zuzustimmen“, schrieb die Ahauser Kreiszeitung anschließend. Insbesondere die Frage nach dem Ortsnamen habe zu langen Diskussionen geführt. Doch am Ende stimmten die Heeker den Bedingungen einstimmig zu.

Der Vertrag musste allerdings noch von Kreis und Regierung genehmigt und anschließend vom Landtag zum Gesetz erhoben werden. Und der Landtag machte den Nienborgern einen Strich durch die Rechnung. Denn im Gesetz, das die SPD-FDP-Regierungsmehrheit verabschiedete, stand statt des Doppelnamens plötzlich der Ortsname Heek. Ein Änderungsantrag des Südlohner Landtagsabgeordneten Paul Schmitz wurde von der Regierungsmehrheit abgeschmettert.

In einer Sitzung des Landtags-Ausschusses für Verwaltungsreform hatte sich die Verwaltung gegen die Verwendung von Doppelnamen ausgesprochen. Dem schlossen sich die Abgeordneten an, wie der Stellvertretende Ausschuss-Vorsitzende Jügen Girgensohn bei einer Versammlung in Nienborg berichtete. Sonst wäre eine Fülle von Doppelnamen oder gar Drei- und Vierfach-Namen ermöglicht worden. Auch Bedenken der Post wegen möglicher Namens-Verwirrungen wurden vorgebracht.

„Et het Heek“

Der Beschluss schlug in den Gemeinden sogar höhere Wellen als die Zusammenlegung selbst. Während in Nienborg schwarze Flaggen gehisst wurden, kam es in Heek zu ungewohnten Gefühlsausbrüchen. So erinnert sich Zeitzeuge Josef Schepers, wie er von der Namensgebung erfuhr: „Ein Mann tanzte auf der Straße und rief immer wieder ‚Et het Heek, et het Heek‘ - es heißt Heek.“

Im Nienborger Rat war man so wütend, dass die Vertreter das Projekt Zusammenlegung schon als gescheitert ansahen. „In der zum großen Teil mehr gefühlsmäßig als sachlich geführten Diskussion trat die ganze Enttäuschung Nienborgs über die Wahl des Namens ‚Heek‘ zutage“, schrieb die Ahauser Kreiszeitung über die Ratssitzung vom 16. Juni. Und weiter: „Von einem freiwilligen Zusammenschluß könne unter diesen Umständen ebensowenig die Rede sein, wie von einer künftigen guten Zusammenarbeit zwischen beiden Gemeinden, war eine oft vertretene Ansicht.“ Selbst die zusammen geschriebenen Varianten „Nienborgheek“ oder „Heeknienborg“ sollten der Landesregierung als Alternativvorschlag unterbreitet werden.

In einem Protestbrief schrieben die Ratsvertreter: „Der Rat der Gemeinde Nienborg sieht in diesem Vorgehen des Landtages eine Mißachtung des Volkswillens.“ Die Landesregierung habe „einen Ortsnamen von größter geschichtlichen Bedeutung kaltblütig von der Landkarte“ gestrichen. Die Entscheidung werde „von der gesamten Nienborger Bevölkerung schärfstens verurteilt.“

Verfassungsklage erwogen

Einstimmig beschloss der Rat, dass der „Gebietsänderungsvertrag vom 7. Januar 1969, wonach ein freiwilliger Zusammenschluß mit der Gemeinde Heek erfolgen sollte, als nicht zustandegekommen angesehen wird.“ Und das zwei Wochen vor der Zusammenlegung. Selbst die Möglichkeit einer Verfassungsklage wurde erwogen. Ein Vorlage zur Gesetzesänderung sollte im Landtag eingebracht werden. Doch dazu kam es nicht mehr. Mit dem 1. Juli war die neue Gemeinde Heek geschaffen.

Für die Nienborger war es wohl ein schwacher Trost, dass der stellvertretende Ausschuss-Vorsitzende Girgensohn bei der Versammlung im Juli in Nienborg Selbstkritik äußerte. Der Ausschuss habe einfach nicht ahnen können, „welche Schwierigkeiten gerade an dieser Stelle auftauchen würden.“ Weiter erklärte er: „Vielleicht hätte ich mich nach genauer Kenntnis der Dinge für den Namen ‚Nienborg‘ entschieden, vielleicht für einen neutralen Namen.“

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