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Martin Weiß macht Pause

Der Nikolaus bleibt in seinem Haus

Ascheberg

Als Jugendlicher hat Martin Weiß zum ersten Mal Kinder als Nikolaus strahlen lassen. Mittlerweile ist der Ascheberger 53 Jahre alt. Und in diesem Jahr wird die Robe lediglich durchgelüftet. Wegen der Corona-Pandemie kommt der Nikolaus nicht ins Haus.

Theo Heitbaum

Martin Weiß Foto: Theo Heitbaum

Funkelnde Kinderaugen, die ihm erwartungsfroh entgegenstrahlen. Feucht gewordene Händchen, die Halt bei den Eltern suchen. Martin Weiß hat dieses kindliche Wechselbad der Emotionen seit Jahrzehnten als Nikolaus vor Augen. „In diesem Jahr hole ich das Gewand nur einmal kurz zum Durchlüften aus dem Schrank. Dann kann ich es wieder reinhängen“, verzichtet der Ascheberger auf eine seiner Lieblingsbeschäftigungen in der Adventszeit.

„Als ich die ersten Einsätze als Nikolaus hatte, ist mein Bruder Theo gefahren, weil ich noch keinen Führerschein hatte“, blickt Weiß zurück. Da er aktuell 53 Jahre alt ist, liegt die Premiere also über 35 Jahre zurück. Das erste Mal muss „irgendwo in der Nachbarschaft gewesen sein“. Etwas genauer erinnert Weiß sich noch an den ersten Dress: „Der gefiel mir nicht.“ Mit Irmgard Frenster fand er eine Frau, die ihm eine rote Robe und ein Unterkleid nähte: „Besonders toll war, dass ihr Mann Heinz mir einen Stab gedrechselt hat. Den kann man auseinanderschrauben, so dass seine drei Teile in einen Koffer passen.“ Jahrzehnte später tun Robe und Stab immer noch gute Dienste. Nur den weißen Rauschebart hat der Ascheberger schon einige Male ersetzt. „Wenn man ein Schnäpschen mittrinkt, bleibt dort schon einmal ein Tropfen hängen“, schmunzelt Weiß. Die Gelegenheit dazu bietet sich in geselligen Runden, die er neben heimischen Wohnzimmern in der gesamten Adventszeit besucht. „Was Kegelclubs mir im Vorfeld erzählen, ist sagenhaft. Da gibt es Geschichten, die müssen unter Verschluss bleiben. Aber bei meinem Besuch liegen die Leute fast vor Lachen auf dem Boden“, erzählt der Ascheberger, der im Dorf nicht nur als Kolpingsvater bekannt ist, sondern die Menschen in jeder Lebenslage als Entertainer mit auf einen geselligen und fröhlichen Ausflug aus dem Alltag nimmt. Mal bei einer Apres Ski-Party in Auffach, dann auf der Theaterbühne, als Musiker bei vielen Gelegenheiten, als Inthronisator einer neuen Weinkönigin in der Weinlaube und, und, und. Kurzum: Martin „Nikolaus“ Weiß ist für alle Situationen, die auf ihn zukommen, gewappnet. Er hat bei einem Treffen von Taubstummen in Davensberg genauso seinen Vortrag gehalten wie vor Asylbewerbern in Werne. „Alfons Högemann wollte ihnen dort ein bisschen deutsches Leben zeigen“, erinnert Weiß sich an Abstecher nach Werne zu Beginn der 90er Jahre. Der Ascheberger aus dem Werner Sozialamt nahm ihn auch zu Obdachlosen mit. „Früher war ich auch regelmäßig beim TuS und anderen Vereinen“, berichtet Weiß. Als Nikolaus hat er seinen Neffen beglückt, auch dessen Nachwuchs, übrigens sein Patenkind, hat ihn als Nikolaus kennengelernt: „Das gibt es öfter, dass ich Familien besuche, die ich schon als Kinder vor mir stehen hatte“, sagt Weiß.

Martin "Nikolaus" Weiß Foto: Theo Heitbaum

In all den Jahren gab es auch Publikum, dass von der imposanten Erscheinung erschrocken war: „Wenn Kinder sich nicht mehr einkriegen können, bleibt nur, die Tüte in den Flur zu stellen.“ Ist „Boat“ aber erst einmal im Wohnzimmer, bringt ihn nichts mehr durcheinander. „Ich war bei einer Familie, bei der die große Schwester sich ein bisschen gefürchtet hat. Da sagte die Kleine ihr ‚Das ist Martin, du musst keine Angst haben‘. So was muss man überspielen. Die Kleine hat mich entlarvt, weil sie zwei Tage vorher zur Weihnachtsbäckerei bei Lüningmeyer war.“

Gestaunt hat auch Friedhelm Bahrenberg. Die „Sandroller“ waren im Haus als es klingelte: „Die haben ihn zur Tür geschickt und gesagt, es werde für die Kirchenzeitung kassiert. Er hat sich richtig erschrocken.“

Als Nikolaus hat Weiß viele Weisheiten an Kinder weitergegeben. Manchmal sollte er in Minuten schaffen, was Eltern in Wochen nicht gelungen ist: „Ich habe viele Schnuller eingesammelt, weil die Eltern sich das gewünscht haben. Einmal klingelte spät abends bei uns das Telefon. Eine Familie wollte den Schnuller wiederhaben. Sie hat ihn dann abgeholt.“

Eine droht Prügel an

Den Kindern wird gerne erzählt, dass der Nikolaus durch den Kamin kommt. Direkt vor seiner Stippvisite waren bei einem Ofen zwei Scheiben zerborsten. „Da stand ein Kind vor mir und hat geschimpft, ich hätte die Scheiben kaputt gemacht“, schmunzelt Weiß, der es liebt, wenn aus dem einsamen Vortrag gemeinsamer Gesang oder Musizieren wird. Außer Schimpfworten hätte er auch einmal fast Prügel kassiert: „Da hatte ich eine alte Adresse, die Leute waren umgezogen. Als ich geschellt und gerufen habe, hier ist der Nikolaus, kam es von oben: ‚Ich komme gleich runter und haue dir was auf die Schnauze‘, weil er an ein Klingenmännchen dachte.“ Tatsächlich führte ihn der Mann zur richtigen Adresse.

Die Mischung aus Ehrfurcht und Neugier bei den Kindern hat sich über die Jahre aus dem Blickwinkel des Ascheberger Nikolaus nicht verändert. Die Namen aber schon: „Ich habe mal bei Laurin von Laureen und Mädchen gesprochen. Da war der Junge richtig sauer.“

Darauf dass er dieses Jahr pausieren muss, „bin ich heute im Bürgeramt noch angesprochen worden. Da war eine Mutter, die von Videos aus den 1990er Jahren berichtete, auf denen ich als Nikolaus zu sehen bin.“ Und so ist für Weiß klar: Wenn es im nächsten Jahr nach der Corona-Zwangspause wieder erlaubt ist, Familien zu besuchen, wird er die Robe nicht nur lüften, sondern anziehen: „Das ist eine Tradition, die man erhalten muss.“

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