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Jürgen Tönies und das verlassene „Erdbüsken“

Die längste Pause des Berufslebens

Ascheberg

Zwei Mal zehn Tage Betriebsferien pro Jahr - das war die Freiheit, die sich Jürgen Tönies geleistet hat. Jetzt liegt eine viel längere Pause hinter dem Gastwirt aus der Westerbauer. Das „Erdbüsken“ ist ein verlassener Ort. Jetzt schmiedet Tönies erste Öffnungspläne.

Theo Heitbaum

Fürs Foto setzt sich Jürgen Tönies einmal vor den Tresen des „Erdbüsken“, hinter dem er normalerweise im Einsatz ist. Foto: Theo Heitbaum

„Wir haben zum ersten Mal mit der Familie Weihnachten gefeiert. Bei den meisten Mitarbeitern war das genauso, weil sie schon länger bei uns arbeiten.“ Jürgen Tönies schaut auf Stühle, die mit ihrer Sitzfläche auf Tischen stehen. Der Zapfhahn in der Gaststätte „Erdbüsken“ ist hochgedreht. Anfang November hat eine Corona-Schutzverordnung für das Lokal in der Westerbauer den Stecker gezogen. Seitdem stehen die Stühle so als wolle jemand in den Räumen wischen. Muss nicht sein. Schließlich trägt niemand Dreck hinein.

Der Gastwirt, der das Traditionshaus 1993 übernommen hat, lässt nicht allein die Tristesse, die ein leeres Lokal verursacht, sprechen. Nein, er erinnert an das Weihnachtsfest ohne zwischendurch Gäste zu bewirten: „Eine Mitarbeiterin ist 40 Jahre bei uns, sie hat zum ersten Mal Weihnachten frei gehabt.“ Tönies berichtet davon, dass vom Keller bis zu den Gästezimmern alles in Ordnung gebracht worden ist. In viereinhalb Monaten sind viele Kleinigkeiten abgearbeitet worden. Wenn jetzt noch einmal durchgeputzt wird, dann kann es wieder los gehen. Die Stühle stehen schon oben.

Im Gegensatz zum Lockdown im Frühjahr 2020 gab es im Herbst eine kurze Vorlaufzeit. Die Fässer konnten leergezapft werden. Gemüse und Fleisch und Co. wurden so lange verarbeitet, wie sie da waren. Verderbliches wurde nicht mehr nachgekauft. Die Gäste hatten Verständnis für eine ausgedünnte Speisekarte. Mit dem Start der Zwangspause hatte Tönies keine Wahl: „Ich musste alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken.“ Die Überlegung, auf Essen außer Haus zu setzen, verwarf Tönies: „Wir liegen zu weit draußen. Unsere Zweifel, das so ein Angebot laufen würde, waren zu groß.“ Das einzige Geld, das in der Folgezeit hereinkam, überwies der Staat. „Ich war in engem Kontakt mit meinem Steuerberater, der bei den Anträgen geholfen hat. Es ist alles gewährt und überwiesen worden. Da gibt es nichts zu kritisieren.“

Was dem Erdbüsken-Wirt im Magen liegt, ist die Perspektive: „Ab dem 22. März soll die Außengastronomie öffnen dürfen, aber wer setzt sich bei dem Wetter draußen hin?“ Beim Düngerkauf für den Rasen habe er mal in die WetterApp geschaut. Es werde selbst im April noch einige Tage dauern, bis passende Biergarten-Bedingungen kämen. Wie dann die Inzidenzen seien, könne niemand sagen. Irritiert hat ihn, dass neue Bedingungen formuliert wurden: „Das hat doch im vergangenen Jahr alles bestens geklappt. Alle wussten, was zu tun ist. Die Leute haben sich vorbildlich an die Regeln gehalten. Das Konzept hat sich bei uns bewährt.“ Verständnis hat er dafür, dass die Außengastronomie zuerst geöffnet werden soll. Die Gäste haben im vergangenen Jahr schon lieber draußen als drinnen gesessen. Das dürfte sich kaum ändern.

Bei allen Unsicherheiten und Fragezeichen hat Jürgen Tönies eine Entscheidung getroffen: „Ab 1. April ist bei uns die Kurzarbeit vorbei. Ich habe gerade mit dem Steuerberater die Papiere fertig gemacht.“ Fünf Monate betrug die Zwangspause dann. Das sind gut 150 Tage. Normalerweise macht die Gaststätte zwei Mal im Jahr für zehn Tage Betriebsferien, für 150 Tage braucht es sieben, acht Jahre. Mit dem Ende der Kurzarbeit nimmt Tönies Karfreitag fest in den Blick. Dann soll zum ersten Mal wieder geöffnet werden.

Bei allen Nöten und Sorgen, die den Gastronomen plagen, klingt das Gespräch mit einem ganz anderen Thema aus: Der Vater von zwei Söhnen sieht, dass ihnen und ihren Freunden in diesen Zeiten viel fehlt: „Das können sie alles nicht nachholen.“

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