Karl Rothenbücher über das Glockenläuten

Elfjähriger lässt „Hugo“ erklingen

Ascheberg

Vor 90 Jahren kam der Strom in den Kirchturm St. Lambertus, die Glocken wurden 1929 aufs elektrische Läuten umgestellt. Karl Rothenbücher hat die Zeit davor erlebt und aufgeschrieben.

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Die Glocken hinter den Schallluken wurden bis vor 90 Jahren per Hand geläutet. Karl Rothenbücher hat als Elfjähriger diesen Dienst versehen. Foto: hbm

„Im Frühjahr 1927 nahm mich an einem Samstagabend der Nachbarsjunge Josef Schulte mit zum Kirchturm. Von 18 bis 19 Uhr wurde der Sonntag eingeläutet und ich sollte dabei helfen. Mit gemischten Gefühlen ging ich mit. Die steinerne Wendeltreppe ging es hoch bis zum Ende. Durch die Tür kamen wir in einen großen, hohen Turmraum. Drei steile Holztreppen führten hoch bis zum Glockenraum. Hubert Pelster aus der Gasse wartete schon auf uns. Mir wurde meine Aufgabe kurz erklärt, da schlug die Turmuhr auch schon sechs. Ich musste die kleinste Glocke in Bewegung setzen: „Hugo“. Josef Schulte läutete die etwas größere Glocke „Maria“. Herr Pelster musste sich bei der Glocke „Katharina“ schon ganz mächtig anstrengen. Nach einer Viertelstunde gab es 15 Minuten Pause. Mir dröhnte der Kopf. Ich konnte mich erst mit den beiden Anderen gar nicht unterhalten. Aber als die Stunde um war, ging es schon besser. Nach Rücksprache mit meinen Eltern habe ich mich verpflichtet, jeden Samstag, Sonntag und Feiertag zu läuten. Samstags von 18 bis 19 Uhr, sonntags von 6.30 bis 7 Uhr, von 9.30 bis 10 Uhr und von 14 bis 14.30 Uhr für die Andacht. Das Läuten wurde bezahlt, für die Stunde 22 Pfennig. Alle drei Wochen gingen wir zum Prälaten Degener, dann gab es Lohn in Kupfergeld aus dem Klingelbeutel.

An Feiertagen gab es auch ein feierliches Geläut. Als Verstärkung kamen dann Theodor Niehues (Totengräber), sein Sohn Theodor und Alfons Topp. Die „Lamberti“-Glocke konnte gerade noch ein kräftiger Mann ziehen, aber die größte Glocke „Josef“ musste schon von zwei kräftigen Männern gezogen werden. Wenn alle fünf Glocken in Tätigkeit waren, dann bebte der Turm.

Es gab noch eine sechste Glocke „Kathrina“, die Totenglocke. Sie hing über der Josefsglocke. Während der Prozession war ein Beobachter auf der Galerie. Er gab Zeichen, wann wir beginnen und aufhören mussten. Übrigens, von der Galerie konnte man bei klarem Wetter Münster, ja sogar den Teutoburger Wald sehen.

Wir haben uns manchmal mit den Leuten unten im Ort einen Scherz erlaubt. Aber das war immer harmlos. Im Winter war es oben im Glockenstuhl bei den offenen Schallfenstern zu kalt. Die Glockenseile wurden durch Fußbodenschlitze heruntergelassen bis in den großen Turmraum. Auf halber Höhe war noch für jedes Seil eine Seilführung. Leichter war es aber auf alle Fälle direkt unter der Glocke. Der Klöppel von der Josefsglocke war mit einer Kette an ein Seil befestigt, das durch alle Decken bis zur Orgelbühne durchgeführt wurde. Ebenso das Seil von der Marienglocke, damit der Küster drei Mal am Tag den Engel des Herrn läuten konnte. Herr Niehus hatte noch Sonderaufgaben. Alle 14 Tage musste er das Uhrwerk der Turmuhr aufziehen. Über dem Glockenstuhl auf Galerieebene stand das mächtige Uhrwerk hinter Glasfenstern. An langen Drahtseilen hingen drei schwere Eisengewichte. Mit einer großen Kurbel mussten diese Gewichte über eine Seilwinde hochgedreht werden. Das war ein ganz schönes Stück Arbeit. Auch mussten die Männer zu den Prozessionen und Kirchenfesten auf der Galerie die vier Fahnen aushängen. Die Fahnenstangen waren schwere, lange Gerüststangen. Eine Sonderaufgabe hat Herr Niehues gern gemacht. Silvester wurde von 21 bis 24 Uhr feierlich das alte Jahr ausgeläutet. Dann ging Herr Niehus rund um die Kirche von Gasthaus zu Gasthaus und sammelte „Glockenfett“, Schnaps. Für uns Jungen brachte er Süßigkeiten mit. War ein Glockenseil schadhaft, kam Seiler Hubert Krampe und hat die Seile repariert. Das Läuten hat mir sehr viel Spaß gemacht. 1929 löste die Elektrik das Handgeläut ab. Seit 2009 ist übrigens ein digitaler Glöckner im Einsatz.

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