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Alterssimulation

Für 90 Minuten 70 Jahre alt

Ascheberg

Simon Beckmann ist 22 Jahre jung und experimentierfreudig. Ein Alterssimulationsanzug lässt den Studenten aus Walstedde in zehn Minuten zu einem Rentner werden, der in Ascheberg den Alltag als älterer Mensch erleben will.

Simon Beckmann

Bereit fürs Experiment: Simon Beckmann hat mit Hilfe von Nina Voß den Alterssimulationsanzug angelegt. Foto: Winfried Gerharz

„Können Sie bitte einmal näher kommen? Ich kann Sie so schlecht verstehen.“ Ein Satz, den ich bis vor kurzem aus meinem Mund nie für möglich gehalten hätte. Denn eigentlich konnte ich immer gut hören und hatte auch keine Schwierigkeiten mit dem Sehen oder Greifen. Verändert hat sich mein Seh- und Hörvermögen, mein Tastsinn und mein gesamter restlicher Körper allerdings auf einen Schlag – und zwar wegen eines Experiments. Mit Hilfe eines Alterssimulationsanzuges war ich von jetzt auf gleich nicht mehr 22, sondern fast 70 und steckte somit also plötzlich im Körper meiner Großeltern. Vom Student zum Rentner in gut zehn Minuten könnte man auch sagen.

Dass meiner Oma und meinem Opa einige alltägliche Tätigkeiten wie etwa eine Kiste Wasser ins Haus tragen oder Rasen schneiden nicht mehr so leicht wie in jüngeren Tagen fallen, ist mir natürlich schon vor dem Selbstversuch aufgefallen. Natürlich habe ich ihnen dabei Hilfe angeboten, die auch dankend akzeptiert wurde. Im Rahmen des Experiments wurde mir aber schnell klar, mit welchen Hindernissen und schwierigen Begebenheiten ältere Menschen noch jeden Tag zu kämpfen haben.

Aber fangen wir beim Anziehen des gerontologischen Testanzuges – kurz GERT – an. Der Reihe nach werden mir Gewichtsmanschetten an Hand- und Fußknöchel angelegt. Hinzu kommen Gelenkbandagen an Ellbogen und Knie, eine Gewichtsweste, eine Halskrause, spezielle Handschuhe, Ohrstöpsel, ein zusätzlicher Gehörschutz und eine Spezialbrille. Macht eine Gesamtgewichtszunahme von etwa 25 bis 30 Kilogramm. Die Ziele dahinter sind unter anderem eingeschränkte Beweglichkeit, nachlassende Kraft, veränderte Koordination, nachlassender Gleichgewichtssinn, Haltungsschwäche, Gesichtsfeldeinschränkung, Hochtonschwerhörigkeit und einiges mehr zu simulieren.

Schon nach ein paar Schritten in meinem „neuen Körper“ wird mir klar, dass mir das normale Gehen viel schwerer fällt. An meine übliche Geh-Geschwindigkeit ist nicht zu denken und die Leichtfüßigkeit ist verschwunden. Was mir aber noch deutlicher auffällt, ist, dass ich die Umgebung nicht mehr so gut wahrnehmen kann: Vor allem höre ich keine lauten Geräusche von vorbeifahrenden Autos oder sonstiges Gewusel auf der Straße.

Mein erstes Ziel mit dem Alterssimulationsanzug ist das örtliche Geldinstitut. Dort angekommen, fummele ich irgendwie mein Portemonnaie aus der Hosentasche und stecke meine Bankkarte in den Automaten. Das hat ganz gut funktioniert. Schwieriger fällt es mir, die Schrift auf dem Bildschirm zu lesen. Um die Zeichen und Ziffern zu erkennen, klebe ich anschließend fast mit dem Gesicht vor dem Monitor. Als eine nette Bankangestellte versucht, mir zu helfen, ist – zu meiner eigenen Überraschung – der eingangs erwähnte Satz gefallen. Gespräche in einer normalen Lautstärke führen? Keine Chance, wenn ich etwas akustisch verstehen möchte.

Fahrradfahrt wird zum Balanceakt

Die nächste „Herausforderung“ ist Fahrrad fahren. Das Aufsteigen geht noch relativ gut vonstatten, allerdings ist es für mich danach sehr schwierig die Balance beim Fahren zu halten. Ich bin mehr mit meiner wackeligen Fahrweise als mit meiner Umgebung beschäftigt. Zudem bin ich schon nach wenigen Metern etwas außer Puste. Also schnell absteigen und kurz mal einen Blick aufs Smartphone werfen. Hierbei habe ich das gleiche Problem wie schon beim Geldholen: Die Schrift auf dem Bildschirm ist einfach zu klein.

Beim anschließenden Spaziergang zum Supermarkt komme ich ganz schön ins Schwitzen – und das, obwohl der Weg nur einige Hundert Meter lang ist. Mittlerweile gehe ich auch viel gebückter. Das zusätzliche Gewicht macht mir zu schaffen und lässt mich träge werden. Außerdem ist das Umschauen beim Straße überqueren – übrigens genauso wie Treppensteigen – viel anstrengender. Da muss ich mir mehr Zeit für nehmen.

Das etwas andere Einkaufserlebnis

Schwierig ist es für mich auch beim Einkaufen. Die Lichtverhältnisse und teilweise engen

Gänge im Laden machen mir zu schaffen. Mit dem Einkaufswagen versuche ich nichts anzurempeln und gleichzeitig auf die Produkte zu achten. Einen Fünf-Kilo-Sack Kartoffeln oder ein Sixpack Wasser in den Wagen legen? Das geht nur unter ziemlicher Kraftanstrengung. Auch das Bücken für einen unten im Regal platzierten Liter Milch hätte ich mir ehrlicherweise leichter vorgestellt. Dementsprechend froh bin ich, als ich endlich den Supermarkt verlassen kann. Danach ist das Experiment mit dem Alterssimulationsanzug beendet und mir wird schnell klar, wie laut es eigentlich auf dem Parkplatz vor dem Laden ist. Vor dem Absetzen des Gehörschutzes herrschte dort für mich Totenstille.

Das ist auch das, was mich am meisten bei dem Selbstversuch beeindruckt hat. Ich konnte mir einfach vor dem Experiment nicht vorstellen, wie es ist, schlecht hören zu können. Jetzt hab ich es am eigenen Leib erfahren. Falten und graue Haare hatte ich zwar nicht, aber in den etwas mehr als 90 Minuten, in denen ich den Alterssimulationsanzug anhatte, habe ich selbst zu spüren bekommen, wie es ist, wenn die Reaktionen langsamer und Bewegungsabläufe eingeschränkt sind.

Der Respekt vor der Leistung von Senioren ist gewachsen

Natürlich war das Ganze nur ein Experiment und natürlich ist nicht jeder 70-Jährige fast gehörlos oder kann schlecht sehen – schließlich ist jeder Mensch und seine Lebensweise unterschiedlich. Aber dennoch habe ich jetzt noch mehr Respekt vor älteren Personen, die täglich verschiedene Herausforderungen und ihren Alltag meistern. Und das, obwohl ihre Sinnesorgane nicht mehr so leistungsfähig sind wie in jüngeren Jahren und ihre motorischen Fähigkeiten abgenommen haben. Hut ab!

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