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Erster evangelischer Gottesdienst in Ascheberg

Protestantische Premiere

Ascheberg

Weihnachten 2020 wird für die evangelische Mirjam-Gemeinde anders. Außergewöhnlich. Noch nicht dagewesen. Vergleichbares zu finden, ist nicht einfach. Und in diesem Jahr doch nicht schwer, denn vor 75. Jahren wurde eine Premiere gefeiert.

Theo Heitbaum

Pfarrer Horst Ohlenburg legte den Grundstein. Eine Erinnerungstafel hält den Tag der Kirchweihe fest. Foto: WN-Archiv/ev. Gemeinde

Weihnachten 2020 wird für die evangelische Mirjam-Gemeinde anders. Außergewöhnlich. Noch nicht dagewesen. Vergleichbares zu finden, ist nicht einfach. Und in diesem Jahr doch nicht schwer, denn vor 75 Jahren wurde der erste evangelische Gottesdienst nach der Reformation in Ascheberg gefeiert. Damals auf dem Schulhof, die Gnadenkirche gab es noch nicht. Sie wird in diesem Jahr 70 Jahre alt. Eingeweiht wurde sie am 17. Dezember 1950. Zum 40-Jährigen der Kirche hat Pfarrer Jürgen Diener in einer Festschrift Augenzeugen über den ersten Gottesdienst in Ascheberg am 23. Dezember 1945 berichten lassen. Pfarrer Barten schreibt: „Als ich um 15 Uhr in Ascheberg ankam, fand ich auf dem Schulhof eine Menge von etwa 3000 Menschen vor, denen man schon von weitem ansah, dass sie Vertriebene sein mussten. Ohne festes Schuhwerk, in Holzpantoffeln, ohne Mäntel, in geflickten, verschlissenen Kleidern stand fröstelnd die Menge auf dem Schulhof.“ Aus den Unterlagen von Pastor Gerhard Barten aus Lüdinghausen zitiert Diener zum weiteren Verlauf des allerersten Gottesdienstes: „Aber wohin mit den vielen Menschen? Draußen konnten wir nicht bleiben, dazu war es zu kalt und zu unsicheres Wetter. Kurz entschlossen räumten wir den Klassenraum ganz aus. Nur das Katheder, auf dem wir einen provisorischen Altar aufbauten, ließen wir stehen. Türen und Fenster wurden weit aufgemacht. Kopf an Kopf stand die Menge im Klassenzimmer und auf dem Flur. Wer in dem Haus keinen Platz mehr fand, stand unter den Fenstern. So hielten wir den ersten Gottesdienst, ja den ersten evangelischen Gottesdienst seit der Reformation in Ascheberg. Das war eine bewegende Stunde. Das Wunder der Kirche erlebten wir alle miteinander.“

Niedergeschrieben hat auch Diakon Gerhard Lindken als Lektor der Flüchtlingsgemeinde Ascheberg seine Eindrücke vom ersten Weihnachtsgottesdienst: „Das war ein ganz anderer Gottesdienst, als wir ihn sonst in Westfalen gewohnt waren. Wurden auch die gleichen alten Weihnachtslieder gesungen, die gleichen Gebete gesprochen, aus der alten Luther-Bibel die vertraute Weihnachtsgeschichte gelesen; es war doch alles etwas anders. Rein äußerlich schon: Nicht ein trautes Dorfkirchlein mit Orgel, Altar und Kanzel, sondern ein Klassenraum, aber doch von lieber Hand ausgeschmückt. Als Altar ein einfaches Pult mit einer Decke. Die brennenden Kerzen und das weihnachtliche Tannengrün fehlten hier auch nicht. Und dann die Gemeinde: Alles leidgeprüfte Menschen, die einen weiten Weg quer durch Deutschland hinter sich hatten, Menschen, die, zum Teil schon aus Wolhynien kommend, im Wartheland eine neue Heimat gefunden hatten und nun zum zweiten Mal wandern mussten. Aller Habe beraubt, in Lumpen gehüllt, saßen sie nun im westfälischen Weihnachtsgottesdienst. Da saßen sie, die Mütter mit den Säuglingen und den kleinen Kindern auf dem Schoß, daneben die Mädchen und Jungen und alten Frauen. Die Männer fehlten. Sie fehlen heute noch!“

Fast fünf Jahre mussten die Gemeindeglieder auf ein eigenes Gotteshaus verzichten. Die evangelische Gnadenkirche in Ascheberg wurde am dritten Adventssonntag 1950 eingeweiht. Damit ging nach vielen Jahren die Zeit der wandernden Gottesdienste in Gasthaussälen, Schulräumen und dem katholischen Vereinshaus (heute Pfarrheim) zu Ende.

Die evangelische Kirche im Hoveloh war eine so genannte Bartningsche Notkirche, die nach dem Architekten Otto Bartning (1883 bis 1959) benannt war, fasste einmal der schon verstorbene Ortschronist Reinhard Schütte in einem seiner „Aufsätze“ genannten Zeitungsbeiträge zusammen. Die Gemeinde nutzte die Kirche als Gotteshaus und als Gemeindehaus für Presbyteriumssitzungen und Treffen aller Art. Sie wurde der Mittelpunkt des kirchlichen Lebens, von allen begrüßt und von allen als nicht im Mindesten vergleichbar mit der geliebten Kirche in der Heimat angesehen. Aber bald würde man ja wieder nach Hause zurückkehren können. So lange müsse sie als Ersatz dienen.

Die Bartning-Kirche in Ascheberg ist die Einzige ihrer Art in Deutschland, die unverändert den Originalzustand zeigt. Sie steht unter Denkmalschutz, und manchmal staunen fremde Besucher, dass es sie überhaupt noch gibt.

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