Vom Ascheberger Anfang bis Zukunftspläne

Vogt: Ich wäre gerne Gesundheitsminister!

Ascheberg

Dr. Rüdiger Vogt hat sich aus dem Alltag der Praxis Schlingermanns Hof verabschiedet. Der 74-Jährige zieht mit Stichworten der WN von A bis Z Bilanz.

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Bei allem Ernst, den der ärztliche Alltag erfordert: Dr. Rüdiger Vogt ist für einen Spaß immer zu haben. Hier untersucht er für einen Aprilscherz in den WN mit Frau Ellinor Hunde vor der Praxis Schlingermanns Hof. 2012 wurde das Männertrio Kristian Fromme, Dr. Rudolf Sonnek und Dr. Rüdiger Vogt in Schlingermanns Hof um Kinderärztin Dr. Johanna Sonnek erweitert. 2003 verabschiedete sich Dr. Horst Stieglitz (li) und Dr. Rudolf Sonnek stieg in die Praxis ein. Foto: H. Wenner

Ascheberger Anfang: Wie kommt man darauf, Arzt in Ascheberg zu werden? Wie kommt man überhaupt darauf, Arzt zu werden? Was ich keinesfalls werden wollte, war Arzt. Ich komme aus einer Familie voller Ärzte: Mein Vater und dessen Vorfahren, mehrere Onkel, Schwester, waren und sind Ärzte. Ich wollte etwas anderes. Was mich bewegte war die Frage, wie hängt es zusammen, der Geist und der Körper. So studierte ich in Göttingen Theologie einerseits und Biologie andererseits. Das Ergebnis war, dass ich nach dem Zwischenexamen in Biologie und Theologie zum Medizinstudium nach Münster wechselte. Begünstigt durch die familiäre Konstellation hatte ich die phantastische Möglichkeit, im Krankenhaus unter den gestrengen Fittichen meines Vaters, in einem anderen Krankenhaus geführt von einem meiner Onkels und unter der Anleitung meiner Schwester, und insbesondere in der Landarztpraxis eines anderen Onkels neben dem Studium viel von der praktischen Medizin, sehr viel vom Umgang mit dem kranken und hilfsbedürftigen Menschen erfahren zu können, was in dieser Form im Studium nicht vermittelt wird. Mein Doktorvater versuchte mich zu überzeugen, weiterhin ab der Uni in der Anatomie zu bleiben. Ich fand es aber richtiger, mit dem lebenden Menschen zu arbeiten. Krankenhaus oder Praxis. So nahm ich die Chance wahr, die sich mir bot, in die Landpraxis in Ascheberg einzusteigen. Sehr schnell wurde ich vom idealistischen Denken, was ich mir auch im Krankenhaus bewahrt hatte, in die Realität heruntergezogen.

Bürokratie: Die Bürokratie schlägt sehr schnell nach der Niederlassung zu. Sie und die finanziellen Beschneidungen nehmen zunehmend Platz im ärztlichen Alltag ein und verdrängen den ärztlichen Idealismus. Dieses „machtlos ausgeliefert zu sein“ stimmt einen sehr oft einfach ärgerlich und traurig.

2003 verabschiedete sich Dr. Horst Stieglitz und Dr. Rudolf Sonnek stieg in die Praxis mit Dr. Rüdiger Vogt ein. Foto: js

Chirurgie: Der handwerkliche Teil der Medizin, die Chirurgie, hat den Vorteil, dass sie sehr effektiv heilen kann: Der gebrochene Knochen, die Gallenblase, der Blinddarm. Es wird geschient, reponiert, entfernt.

Aber auch hier liegt die Kunst nicht allein darin, operativ zu reparieren. Die Kunst liegt darin, den Menschen in einer bedrückenden Situation aufzufangen und eine positive Richtung aufzuzeigen.

Diagnose: Zwei Dinge sind fatal, einmal, eine Diagnose – und sei sie noch so schlimm – zu verschweigen und andererseits einen Menschen mit einer Diagnose allein zu lassen. Eine Krankheit korrekt zu diagnostizieren, ist auch mit heutigen phantastischen Hilfsmitteln nicht immer einfach. Oft sind es Intuition und Erfahrung, die einen auf den richtigen Weg bringt.

Dr. Rüdiger Vogt

Essgewohnheiten: Wer mich kennt, wird auch meinen Spruch kennen: Ich wäre gern Gesundheitsminister. Ich würde dafür sorgen, dass wieder Lebensmittelmarken eingeführt würden. Mehr als über die Marken vorgegeben würde niemand zu essen bekommen. Es wären viele Erkrankungen wie beispielsweise Zucker und Übergewicht mit all seinen daraus entstehenden Folgeerkrankungen schlagartig in ihrer Häufigkeit gemindert. Ferner würde ich dafür zu sorgen versuchen, dass die Nützlichkeit oder Schädlichkeit aller Lebensmittel ganz leicht an klaren Signalen erkennbar wären. Unnützes würde mit erheblicher „Schädlichkeitsabgabe“ versehen. – Leider habe ich nicht die Chance Gesundheitsminister zu werden.

Freunde und Familie: Für einen jungen Assistenzarzt im Krankenhaus mit junger Familie ist dieser – wie viele andere Berufe auch – Beruf nicht familienfreundlich. Lange Dienstphasen – Tagesdienst, anschließend Nachtdienst, anschließend Tagesdienst, dann eventuell noch Notarztdienst, dazu auch die langen Weihnachts- und Osterdienste hielten Einen lange Zeit am Stück von zu Hause fern. Für den niedergelassenen Landarzt wurde es für selbstverständlich angesehen (Handys waren noch nicht erfunden), dass die Ehefrau beispielsweise im Wochenend- oder Feiertagsnotdienst zu Hause den Telefondienst übernahm. Eine Anerkennung dafür gab es nicht. Das allerdings ist heute – hoffentlich- endlich anders.

Gesang: Für jeden und jede Altersgruppe ein wunderbarer Ausgleich im stressigen Alltag.

Homöopathie: Die Problematik der Homöopathie liegt darin, dass es keine Studien in schulmedizinischem Sinne gibt und nicht geben kann, weil der therapeutische Ansatz anders als in der Schulmedizin ist. Auch wenn ich Schulmediziner bin, lasse ich homöopathische Therapien zu und bin immer wieder von den nicht erklärbaren guten Ergebnissen überrascht. Problem ist leider, dass viele „Therapeuten“ homöopathisch behandeln, obwohl sie es nicht von der Pike auf erlernt haben. Und andererseits die meisten Kritiker sich nicht wirklich mit der Homöopathie auskennen. Ich würde als Gesundheitsminister (siehe oben) den Studienzweig „Homöopathie“ mit abschließendem Examen voraussetzen, um homöopathisch agieren zu dürfen.

Injektion: Die Angst vor dem „Piecks“ kann man durch geschicktes Vorgehen leicht nehmen. Mit kleinem Trick lässt sich der Patient „überrumpeln“. Die Frage „war das schon die Spritze?“ habe ich sehr oft gehört.

Jammerlappen gibt es nicht wirklich. Der sogenannte Jammerlappen hat Angst vor unbekannter Situation. In den allermeisten Fällen kann man diese Angst aber nehmen. Zudem hat nicht jeder gleiche Nervenstärke.

Kassenärztliche Vereinigung, eine Körperschaft des öffentlichen Rechtes, in den 1930 Jahren gegen die Macht der Kassen gegründete Institution, die die Ärzteschaft mit ständig wechselnden und fast nicht mehr beherrschbaren Abrechnungsvorschriften drangsaliert. Als Gesundheitsminister würde ich sie - wie heute in der Politik auch schon diskutiert wird - abschaffen und den Ärzten ein festes Gehalt geben. Statt sich mit Abrechnungsproblemen und Regressandrohungen zu befassen, könnten damit die Ärzte viel Zeit sparen, die den Patienten zugute käme. Und es könnte sehr viel Geld gespart werden.

2009 gesellte sich Kristian Fromme (Mitte) hinzu. Foto: hbm

Landarzt: Mit Landarzt bezeichnet man den auf dem Lande tätigen Hausarzt.

Das Hausarztsein ist eine der phantastischsten ärztlichen Tätigkeiten mit einem weit gespannten, über viele Fachrichtungen der Medizin reichenden Aufgabenbereich. Durch Hausbesuche erfährt der Hausarzt wie kaum eine andere Gruppe der Mediziner vieles aus dem direkten familiären Umfeld des Patienten. Demzufolge ist er so nebenbei auch oft enger Vertrauter und Berater für viele auch nichtmedizinische Notlagen des Lebens. Nachdem lange Zeit die Tätigkeit des Landarztes von der hoch spezialisierten Medizin mit einem gewissen Lächeln bedacht und geringerem Einkommen entlohnt wurde und somit das Interesse am Landarztsein nachlässt, will jetzt die Politik durch ein Landarztgesetz die Versorgung der Landbevölkerung mit Landärzten sicherstellen.

MTA – Medizinisch Technische Assistent ist die Berufsbezeichnung für Medizinische Assistenten in bestimmten technischen Bereich, wie beispielsweise Labor oder Röntgen. MFA bezeichnet die oder den Medizinischen Fachangestellten, der in der beispielsweise Hausarztpraxis als unentbehrliche Hilfe des Arztes mitarbeitet. Das Aufgabenfeld ist äußerst vielfältig und interessant.

Notdienst: Bis vor kurzem noch lag der Notdienst auf dem Lande in den Händen der dort Niedergelassenen. Wurde früher von jedem Landarzt erwartet, dass er Tags und Nachts und an Wochenenden und Feiertagen für die Patienten seiner Praxis erreichbar sein musste, wurde diese Vorgabe zunehmend entspannter, mehrere Praxen konnten sich für die notdienstliche Tätigkeit zusammenschließen und abwechseln. Heute ist der Notdienst zentral sehr aufwendig organisiert. Eindeutiger Vorteil der alten Regelung war, dass der Arzt den im Notdienst und nachts Anrufenden meist kannte und so die Dringlichkeit eines eventuell erforderlichen Besuches viel besser abschätzen konnte.

Operation: Da die niedergelassenen Hausärzte in sehr vielen Fällen eine Facharztausbildung haben, gibt es Hausarztpraxen, in denen auch heute bei entsprechendem Nachweis operative Tätigkeiten erfolgen.

Praxispartner: Heute ist es kaum noch möglich, eine Arztpraxis – wie früher üblich – als Einzelkämpfer zu führen. Heute arbeitet man mit einem oder mehreren Partnern in einer Gemeinschaftspraxis.

Quarantäne: Die Isolierung einer Person wegen einer ansteckenden Erkrankung oder den Verdacht darauf zum Schutze anderer. Im Zeitalter des Flugverkehrs sind manche Erkrankungen schneller um die Welt transportiert, als uns lieb ist. Eine Quarantäneflagge gibt es in der Luftfahrt nicht. In der Seefahrt wurde durch die Quarantäneflagge darauf hingewiesen, dass an Bord eine Infektion ausgebrochen war. Soweit ich weiß, durften diese Schiffe zum Schutze der Bevölkerung nicht anlanden.

Rechnung: Wird beim Privatpatienten die einzelne erbrachte Leistung abgerechnet, bekommt der Arzt für den Kassenpatienten einen um etwas über 30 Euro liegenden Betrag für ein Quartal, egal wie oft dieser die Praxis in den drei Quartalsmonaten in Anspruch nimmt. Hinzu kommen einzelne zusätzliche nach einem höchst komplizierten Schlüssel abrechenbare Leistungsziffern. Dieses Abrechnungsverfahren ist für den Praxisalltag nicht mehr als eine exzessive Zumutung.

2012 kam Kinderärztin Dr. Johanna Sonnek zum Trio Kristian Fromme, Dr. Rudolf Sonnek und Dr. Rüdiger Vogt hinzu Foto: hbm

Sprechstunde wird die Zeit genannt, in der der Arzt seine Tätigkeit in der Praxis ausübt. Außerhalb dieser Zeiten werden beispielsweise Hausbesuche durchgeführt. Ein über zehn Stundentag ist somit oft gesichert.

Tod im Allgemeinen empfinden wir es doch als störend und beängstigend, wenn wir in der bunten Lebensvielfalt darauf hingewiesen werden, dass in unserer Zukunft eines sicher ist: Das Sterben, der Tod. Als Hausarzt begleiten wir den Menschen auf dem Weg zum Tod und versuchen mit unserem Wissen über viele der Funktionsabläufe des menschlichen Organismus, das Sterben so weit wie möglich hinauszuschieben. Der Praxisalltag ist allerdings meist von weniger spektakulären Aktivitäten bestimmt.

Urologe: Einem glücklichen Zufall hatte ich es zu verdanken, dass ich in einer Zeit in die Urologie hineingerutscht bin, als die Trennung zwischen Urologie und Nephrologie noch nicht ausgereift war. Als Urologe arbeitete man sowohl operativ im Bereich der Nieren und ableitenden Harnwege, als auch internistisch im Bereich der Nierenfunktionsstörung mit ihren Folgen. Daraus resultierend hatte ich – da ich auch die Dialyse betreute, die an der mich ausbildenden Abteilung angegliedert war – auch die Zulassung zur Dialysetätigkeit. Den fertigen Plan für die Einrichtung einer Dialyse in Ascheberg haben wir damals fallen gelassen, da es zur Erreichbarkeit des Arztes Auflagen gab, die die kombinierte Tätigkeit Dialyse und Hausarzt massiv erschwerten. Es gab damals leider noch kein Handy.

Visite bedeutet nichts anderes als Besuch. Diese Bezeichnung hat sich für den Klinikalltag so eingebürgert. Die „Visite“ des Haus- oder Landarztes nennt man schlicht: Hausbesuch.

Dr. Rüdiger Vogt

Wartezimmer – wie heißt es doch? Immer wird im Wartezimmer meine kleine Krankheit schlimmer! Aber Wartezimmer können so unterschiedliche Stimmungen haben: Mal knistert die Stimmung vor ängstlicher Angespanntheit, was einen gleich erwarten mag, manchmal gleicht es einem fröhlichen Klöneck, aus dem die Patienten gar nicht herauskommen wollen. Aber trotz der tollsten Terminierungen wird es in der Landarztpraxis nie ohne Wartezimmer gehen. Einerseits benötigt der akut Erkrankte die Möglichkeit, am gleichen Tag behandelt zu werden. Und das möchten nicht Wenige. Andererseits kann es auch bei noch so getakteter Terminierung zu Wartezeiten kommen, da die für die Behandlung /Untersuchung des Patienten benötigte Zeit nie genau vorhergesagt werden kann.

Xanthippe: Was hier nun die – angeblich – kratzbürstige Frau des Sokrates zu suchen hat, kann ich nicht nachvollziehen. Aber Xanthippen gibt es mit Sicherheit auch unter den Patientinnen. Nur eigentlich heißt Xant-hippe „blondes Pferd“ und die männliche Form, Xanthippos, war Auszeichnung für als bedeutend angesehene Männer.

Youngster: Würde der bürokratische Aufwand und die Drangsalierung wegfallen und gäbe es schlicht eine adäquate feste Bezahlung für die Ärzteschaft, so glaube ich nicht, dass es ein Problem gäbe, junge Ärzte auch für die landärztliche Tätigkeit zu gewinnen. Aber eine Lösung darf ja leider nicht einfach sein.

Zukunftspläne: Die Ernährungsmedizin ist ein höchst spannender Bereich, in dem sich immer wieder neue Erkenntnistüren öffnen. Hier werde ich sicherlich noch mit Vorträgen über Land ziehen. Und eine Vision habe ich schon seit Jahren: Einen kleinen Ort zu finden, dessen Bewohner aktiv mitmachen unter dem Motto „Ich esse meinen Ort gesund“.

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