Havixbecker Feuerwehr hilft 1944 nach Luftangriff auf Münster

Kein Entrinnen aus dem Feuer

Havixbeck/Münster

Das Gefängnis in Münster wurde bei einem Luftangriff der Alliierten am 5. Oktober 1944 von Bomben schwer getroffen. Auch die Havixbecker Feuerwehr rückte dorthin aus, um Menschen zu retten und zu löschen.

Alfons Zimmer

Vor 75 Jahren, am 5. Oktober 1944, wurde das Gefängnis in Münster bei einem Luftangriff der Alliierten von Bomben schwer getroffen. Foto: Matthias Ahlke

Beim Luftangriff der Alliierten auf Münster wäre Pfarrer Josef Reuland aus Greimerath bei Trier in seiner Zelle im Zuchthaus an der Gartenstraße um ein Haar lebendig verbrannt. Es war der 5. Oktober 1944 am hellen Tag. Brand- und Sprengbomben fielen auf Stadt und Strafanstalt. „In meiner Zelle brannte vor mir das Fenster, hinter mir brannte die Zellentür; über mir das Dachgebälk“, schildert der Pfarrer in seinen Erinnerungen das Inferno.

Zu den Rettern von Josef Reuland zählte auch der heutige Ehrengemeindebrandmeister Johannes Schräder aus Havixbeck. Der 90-Jährige erzählt, wie er und seine Feuerwehrkameraden vor 75 Jahren aus der Nachbargemeinde ins nahe Münster heranbrausten, wie er sich auf dem Kotflügel des Feuerwehrwagens sitzend am Tarnscheinwerfer festhalten musste. Schräder erinnert sich an „Terror“ und Schreie der Inhaftierten. Anstaltskirche, Verwaltung, B-Flügel, Lazarett, Schreinerei und Innenhofbaracke brannten vollständig ab. Der damals erst 15 Jahre alte Feuerwehrmann musste beim Abzug der Wehr am nächsten Morgen an einer Mauerecke schlafend geweckt werden.

Neben kriminellen Strafgefangenen waren es vor allem sogenannte „Politische“, die das Zuchthaus Münster füllten. Darunter waren viele Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler. Der Strafvorwurf lautete: „Vorbereitung zum Hochverrat“. Auch Pfarrer Reuland war als „Hochverräter“ vom Berliner Volksgerichtshof verurteilt worden. Sooft ein Wachtmeister in seine Zelle kam, musste er stramm stehen und melden: „Strafgefangener Reuland wegen unwahren Behauptungen gegen die NSDAP mit 7 Jahren Zuchthaus bestraft.“ So wurde er täglich an seine lange Haftzeit erinnert. Grund seiner Verhaftung im November 1942 waren Gespräche mit zwei Luxemburger Priesteramtskandidaten über die Religionsfeindschaft der Nationalsozialisten.

Auf seiner Odyssee durch die Strafanstalten des Reiches saß Reuland seit September 1943 in Münster ein. Seine Arbeit war das maschinelle Stricken von Strümpfen. Sein Zellennachbar, ein tschechischer Schulrektor, hatte ihn angelernt. Bekannt war er auch mit dem Kommunisten Werner Eggerath, der nach dem Zweiten Weltkrieg 1947 erster frei gewählter Regierungspräsident des Landes Thüringen wurde.

Nach dem Luftangriff im Oktober 1944 verblieb Reuland noch wenige Wochen in Münster zu Aufräumarbeiten. Dann wurde der Pfarrer in das Gefängnis in Essen verlegt, wo er erneut einen Bombenangriff überlebte. 200 Mitgefangene starben. Reuland kam nach Bochum, wo in der NS-Zeit mindestens 50 Priester einsaßen. Wenige Wochen später, kurz nach seinem silbernen Priesterjubiläum, erlitt er bei der Evakuierung der Haftanstalt am 29. März 1945 einen aufgesetzten Halsdurchschuss. Er überlebte.

Noch 13 Jahre wirkte Pfarrer Josef Reuland im Bistum Trier, jedoch körperlich und psychisch angeschlagen. Der Wahlspruch nach Befreiung aus unmenschlicher Nazi-Haft steht auch auf seinem Grab: „Er hat dem Tode mich entrissen. So darf ich wieder wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebenden.“ (Ps. 114,9).

Zum Thema

Pastoralreferent Alfons Zimmer (63) ist Gefängnisseelsorger in den Justizvollzugsanstalten Bochum. Seit sechs Jahren erforscht er die Schicksale politisch Gefangener in der NS-Zeit, um die Erinnerung an sie wachzuhalten.

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