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Lüdinghausen

68er Generation kam verspätet

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-mlu- Lüdinghausen. Zwar provozierte die 68er-Bewegung in Lüdinghausen keine umstürzlerischen Aktivitäten, dagegen sprach schon die eher ländliche Struktur der Stadt, aber im Jugendbereich Lüdinghausens zeigten die Vorstöße der 68er-Anhänger Anfang der 70er Jahre ebenfalls Auswirkungen. Vor genau 40 Jahren legten die Protagonisten dieser gesellschaftlichen Umbruchphase den Grundstein für nachhaltige Veränderungen und sorgten für viel Furore.

Besonders geprägt waren die 60er Jahre von Protesten der deutschen Studentenbewegung, aus der die sogenannte 68er-Bewegung hervorging. Der Kampf gegen Autorität und der Einsatz für mehr Freiheiten der Jugend war ihr Antrieb. Während Ende der 60er Jahre vor allem in größeren Städten junge Menschen rebellierten, „rumorte es in Lüdinghausen“ erst Anfang der 70er Jahre, wie Bernd Geister feststellte. 1972 war Geister, der zuvor in der Jugendarbeit in Münster aktiv gewesen war, als junger Lehrer mit Arbeitsplatz in Waltrop in die Steverstadt gezogen und machte sich sogleich ein Bild der „jugendlichen Strukturen“ in der Steverstadt.

Der Grund für die Unzufriedenheit der Jugendlichen in Lüdinghausen war seinerzeit die von Behörden verhängte Schließung des beliebten Treffpunktes „Ghost Hall“, einem Jazzkeller in der Steverstraße. Den jungen Menschen fehlte somit über mehrere Jahre ein Anlaufpunkt, wie sich Rainer Voß erinnert. Er war in dieser Zeit erster Vorsitzender des „Jungen Forums“, das seinerzeit als Dachverband und Sprachrohr für alle örtlichen Jugendgruppen fungierte, und wusste um die Gefühlslage der Betroffenen.

So vermuteten seinen Schilderungen nach einige, dass die Schließung des alten Treffpunktes wegen angeblicher Sicherheitsmängel nur ein Vorwand gewesen sei. Von der Stadtverwaltung fühlten sich die Jugendlichen zudem hingehalten, weil ihnen die versprochenen neuen Räumlichkeiten über einen längeren Zeitraum nicht angeboten wurden.

Auch in Lüdinghausen war in diesem Personenkreis Anfang der 70er Jahre ein stärkerer Drang zur Mitbestimmung und Selbstständigkeit auszumachen, sagen Bernd Geister und Rainer Voß übereinstimmend. „Die Jugendlichen wollten ihren Freiraum haben und nicht mehr gegängelt werden“, berichtet Rainer Voß.

Ausdruck dieser Bestrebungen waren damals die vermehrten Gründungen eigenständiger Gremien wie Kreis- und Stadtjugendringe oder auch Junges Forum genannt. Dadurch wollte sich die Jugend ein Mitspracherecht und mehr Selbstverwaltung verschaffen. Ein „typischer Ausdruck“ dieses Zeitgeistes, so erzählt Bernd Geister, war zum Beispiel auch 1972 die erste offiziell in Lüdinghausen genehmigte Demonstration von Jugendlichen für die Wiedereröffnung des Freibades.

Aus dem „Jungen Forum“ bildete sich unter dem Vorsitz von Bernd Geister in dieser Zeit der „Arbeitskreis Jugendräume“. Mit dem Auszug der Realschule aus der Burg Lüdinghausen vor knapp 36 Jahren rückte die Forderung der Jugend nach einem eigenen Treffpunkt wieder verstärkt in den Vordergrund, sodass die Stadtverwaltung schließlich vier ehemalige Klassenzimmer zu diesem Zweck zur Verfügung stellte. Die Räume wurden von den Jugendlichen in Eigenleistung um- und ausgebaut. Es entstanden eine Teestube und ein Disco-Raum, die 1975 den Betrieb aufnahmen.

In der Anfangszeit bereiteten das Auftreten und Verhalten von Rockern aus Selm und Senden den Betreibern noch einige Schwierigkeiten, die sie aber bald in den Griff bekamen. Rückblickend sagt Bernd Geister: „Zwar gab es auch in Lüdinghausen einige wenige ,wildere‘ Typen, aber im Vergleich zu den Selmern und Sendenern waren unsere Jugendlichen allgemein eher friedlicher Natur.“

Später ging dann der Jugendtreff in städtische Obhut über. Das „Junge Forum“, das in Lüdinghausen als Veranstalter für kulturelle Höhepunkte wie beispielsweise die Rockkonzerte der „Lords“ und „Rattles“, Filmvorführungen im Apollo-Theater sowie einem Jazz-Gottesdienst gesorgt hatte, löste sich in den Folgejahren allmählich auf, nachdem sich die Mitgliedsverbände und -vereine nach und nach zurückgezogen hatten. Die Jugendräume zogen im August 1998 ins „Exil“ an der Seppenrader Straße 5 um.

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