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Christian Felber zu Gast beim Theologischen Forum

Bergpredigt wirklich ernst nehmen

Lüdinghausen

Christian Felber, aus Wien angereister Globalisierungskritiker und Mitbegründer von „Attac“ in Österreich, legte am Mittwoch im Theologischen Forum seine Vorstellungen von einer mit mehr „direkter Demokratie“ organisierten „Gemeinwohl-Ökonomie“ dar. Rund 50 Interessierte waren dazu ins Evangelische Gemeindezentrum gekommen.

Karl-Heinz Kocar

Gut besucht war die Veranstaltung mit Christian Felber, der ökonomische Fragen und theologische Sichtweisen miteinander verknüpfte. Foto: wer

„Schwarze Zahlen sind kein Grund, rote Linien zu überschreiten!“ So äußerte sich Bundespräsident Joachim Gauck jüngst auf einem Wirtschaftsforum in Berlin. Er warb für eine „neue Kultur des Anstands und der Verantwortung“ im Wirtschaftsleben. Damit liegt er ganz auf der Linie des Grundgesetzes und anderer demokratischer Verfassungen, die das Gemeinwohl, das (größtmögliche) Glück der Menschengemeinschaft, zum Ziel allen Wirtschaftens erklären – und eben nicht unbegrenzte private Gewinne.

Auf dieser Grundlage entwickelte auch Christian Felber, aus Wien angereister Globalisierungskritiker und Mitbegründer von „Attac“ in Österreich, am letzten Mittwoch im Theologischen Forum (diesmal in Zusammenarbeit mit „Attac“ Kreis Coesfeld) seine Vorstellungen von einer mit mehr „direkter Demokratie“ organisierten „Gemeinwohl-Ökonomie“. Rund 50 Interessierte waren ins Evangelische Gemeindezentrum gekommen und ergänzten in der anschließenden Diskussion Felbers originelle Gedanken durch eigene.

Mehr als tausend Privatpersonen, Politiker, Initiativen und Unternehmen haben sich der Idee bereits angeschlossen. Die erfolgreichsten Unternehmen sind in diesem neuen ökonomischen System diejenigen, die konsequent sozial verantwortlich, ökologisch, demokratisch und solidarisch agieren, denn ihnen räumt die selbstbewusste demokratische Gesellschaft rechtliche Vorteile ein: niedrigere Steuern, geringere Zölle, günstigere Kredite, Vorrang beim öffentlichen Einkauf und bei Forschungsprogrammen etc. Der Schlüssel: Wirtschaftlicher Erfolg wird nicht länger mit monetären Tauschwert-Indikatoren gemessen, sondern mit (nichtmonetären) Nutzenwert-Indikatoren. Auf der Makroebene (Volkswirtschaft) wird das Bruttoinlandsprodukt als Erfolgsindikator vom Gemeinwohl-Produkt abgelöst, auf der Mikroebene (Unternehmen) die Finanzbilanz von der Gemeinwohl-Bilanz. Im Rahmen dieser (durch direkt gewählte „regionale Wirtschaftsparlamente“) festgelegten Standards bleiben Marktwirtschaft, freies Unternehmertum und individuelle Initiative gewährleistet.

Allerdings wird auch ein demokratischer Konsens zur Begrenzung von Maximaleinkommen angestrebt. Und bilanzielle Überschüsse dürfen nicht verwendet werden für Investitionen auf den Finanzmärkten, für feindliche Aufkäufe anderer Unternehmen sowie für Parteispenden. Im Gegenzug soll die Steuer auf Unternehmensgewinne entfallen.

Felber konnte davon berichten, dass bereits über hundert Pionier-Unternehmen nach den Prinzipien einer zu optimierenden „Gemeinwohl-Bilanz“ arbeiten. Da der Gewinn dort nur noch Mittel, aber keine Ziel mehr ist, können Unternehmen ihre optimale Größe anstreben.

Nicht nur der Harvard-Professor Michael Sandel ist beunruhigt darüber, wie gegenwärtig „die Macht der Märkte“ fast unmerklich „alles verändert, was kostbar ist“: Banken und Pensionskassen investieren heute mehr denn je in fruchtbare Ackerflächen in Entwicklungsländern, um das Geschäft vermögender Anleger zu betreiben – auf Kosten der Armen, die sich nicht wehren können. Und der renommierte Industrieführer Wolfgang Reitzle warnt im „Manager-Magazin“ (09/2005) vor der selbst für traditionsreiche Unternehmen zerstörerischen Strategie von Hedgefonds und hielt dagegen: „Meine Aufgabe ist es, nachhaltig Werte zu schaffen, über eine kurzfristige Shareholder-Value hinaus.“

Letztlich geht es um die Rettung der Würde aller Menschen und einer Grundhaltung der Solidarität (christlich: Nächstenliebe), für die auch der Mann aus Nazareth eingestanden ist. Wenn sie die Sätze der Bergpredigt („Selig, die nach Gerechtigkeit dürsten“) wirklich ernst nähmen, müssten Christen mehr „Salz der Welt“ sein, um den Armen, Gedemütigten und Verzweifelten dieser Welt wieder einen Geschmack am Leben (und damit am „Reich Gottes“) zu ermöglichen. Das setzt auch auf dem Feld der Wirtschaft sensible Wahrnehmung und entschiedenes Handeln voraus, außerhalb selbst fabrizierter kirchlicher Ghettos … – und deshalb macht ein „Theologisches“ Forum auch zu einem so „weltlichen“ Thema viel Sinn.

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