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Handwerks-Bildungsstätten kündigen Sozialarbeitern

„Diese Handhabe ist verwerflich“

Lüdinghausen

Die Sozialarbeiter und Pädagogen bei den Handwerks-Bildungsstätten in Lüdinghausen sind sauer. Sie verlieren ihre Arbeitsplätze. Künftig werden Mitarbeiter des „Internationalen Bundes“ diese Aufgabe übernehmen. Den hat die Kreishandwerkerschaft als neuen Kooperationspartner gewonnen.

Von Peter Werth

Das pädagogische Personal der Handwerks-Bildungsstätten in Lüdinghausen muss gehen. Foto: Peter Werth

Es sei ein tränenreicher Abschied gewesen, erzählen pädagogische Mitarbeiter der Handwerks-Bildungsstätten an der Lindenstraße. Nach 16 Jahre sei vor einigen Tagen eine Kollegin gegangen – „worden“, wie sie betonen. Die Nachricht ihrer Kündigung beziehungsweise Nicht-weiter-Beschäftigung habe ihr der Standortleiter des Pädagogen- und Sozialarbeiterteams in der Einrichtung überbringen müssen. Zur Verabschiedung habe sich niemand aus der Geschäftsleitung gemeldet oder sei gar erschienen. „Ein Unding“, wie eine Mitarbeiterin gegenüber den Westfälischen Nachrichten erbost erklärt.

Und es wird nicht der letzte Abschied sein, wissen die Beschäftigten. Denn: Insgesamt elf pädagogische Mitarbeiter an den Standorten Lüdinghausen und Coesfeld – Lehrer und Sozialarbeiter – verlieren ihre Jobs. Es werde einen neuen Träger für diese Arbeit geben – den „Internationalen Bund“ (IB), berichten sie. Eine Tatsache, die auf WN-Nachfrage auch Ulrich Müller, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft (KH) Coesfeld, bestätigt. Der IB ist in den Bereichen der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit tätig. „Wir arbeiten mit dem IB bereits an anderer Stelle zusammen und haben dort gute Erfahrungen gemacht“, betont Müller.

Anfragen nach Zeugnissen bleiben unbeantwortet

Über schlechte Erfahrungen mit ihrem Arbeitgeber, dem Handwerks-Bildungsstätten e.V., hingegen berichten die noch aktuell beschäftigten Sozialarbeiter. Niemandem sei die Entscheidung bislang schriftlich mitgeteilt worden, beklagen Betroffene. Und: Anfragen nach einem Zeugnis seien bislang unbeantwortet geblieben. „Wie sollen wir uns denn an anderer Stelle bewerben?“, wundert sich eine Betroffene über dieses Verhalten.

„Wir sind für die Kreishandwerkerschaft ein Klotz am Bein. Gerüchte über Veränderungen gibt es schon länger“, sagt ein anderer, der seien Job verloren hat. Dabei hätte das Team „gute Arbeit“ geleistet: „Wir haben keine leichte Klientel.“ Dazu gehörten Jugendliche und junge Erwachsene von Förderschulen, Schulverweigerer, manche hätten psychische Probleme, andere, so eine Kollegin, „haben einfach Pech gehabt“. Diese Leute, sagt eine Sozialarbeiterin, „sind mir wichtig wie meine Kinder“. Die jungen Menschen würden in der Regel neun bis zwölf Monate in den Bildungsstätten betreut.

„Internationaler Bund“ übernimmt die Aufgabe

KH-Hauptgeschäftsführer Müller beschreibt die Maßnahmen als in letzter Zeit „finanziell unzureichend ausgestattet. Wir schießen regelmäßig zu.“ Die Vergabe und Finanzierung erfolge über die Agentur für Arbeit. Gemeinsam mit dem IB als Kooperationspartner habe man sich schon im Februar um die Ausrichtung der berufsfördernden Maßnahmen beworben. „Die Zusage habe ich erst im Juni bekommen“, sagt Müller – bislang aber nur telefonisch. Die IB-Mitarbeiter sollen künftig die sozialpädagogische Arbeit mit den Jugendlichen in Lüdinghausen und Coesfeld leisten. Gegenüber den derzeitigen Mitarbeitern seien vier Kündigungen ausgesprochen worden. Für eine davon gebe es inzwischen einen Aufhebungsvertrag. Bei sechs Beschäftigten mit befristeten Verträgen, stehe man noch in der „Prüfphase“.

All dies sei völlig unnötig, sind sich die bisherigen Mitarbeiter der Handwerks-Bildungsstätten einig. Die Agentur für Arbeit habe bislang die Maßnahmen vollständig getragen. „Die Leute werden ohne Not auf die Straße gesetzt“, sagt eine Sozialarbeiterin. Ein Kollege ergänzt: „Diese Handhabe ist verwerflich und willkürlich. Das ist moralisch daneben.“ Juristisch, sind sie sich allerdings einig, sei das Vorgehen der Geschäftsführung der Kreishandwerkerschaft wohl kaum anfechtbar.

Petra König, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit im Münsterland, erklärte, dass man bereits „seit Jahrzehnten“ mit den Handwerks-Bildungsstätten reibungslos zusammenarbeite. Deren unternehmerische Entscheidung, die (sozial-)pädagogische Arbeit nun in andere Hände zu geben, könne sie hingegen nicht bewerten. Die Vergabe der Ausschreibungen laufe über das „Regionale Einkaufszentrum“ (REZ) der Arbeitsagentur NRW in Düsseldorf. Dort werde über die Vergabe nach „Qualität und Kostenstruktur entschieden“.

Die Gesprächspartner aus dem Pädagogen-Team sind der Redaktion namentlich bekannt. Die Redaktion kommt ihrer Bitte um Anonymität nach, um Bewerbungen bei anderen Arbeitgebern nicht zu gefährden.

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