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Offener Atelierbesuch bei Alfred Gockel

Feine Kunst mit grober Kette gesägt

Lüdinghausen

Der Künstler Alfred Gockel ist ein überaus kreativer und erfindungsreicher Geist. Sein neuester Clou: Die Arbeit mit der Kettensäge beim Kreieren eines Holzreliefs. Doch es geht ihm nicht nur um Technik, sondern insbesondere um Aussagen – und die sind durchaus politisch.

Von Arno Wolf Fischer

Staunende Blicke der Besucher des offenen Ateliers zogen die von Alfred Gockel mit der Kettensäge erstellten Kunstwerke auf sich. Foto: awf

Um mit schwerem Gerät feine und ausdrucksstarke Kunst zu erschaffen, braucht es sowohl geübte Hände als auch den richtigen Blick. Dass der Lüdinghauser Ausnahmekünstler Alfred Gockel über beides verfügt, stellt er unermüdlich unter Beweis. Sein neuester Clou: Die Arbeit mit der Kettensäge beim Kreieren eines Holzreliefs. Dass er dabei mit beiden Beinen fest im Leben steht, stellt er auch an diesem Wochenende bei seinem offenen Atelier erneut unter Beweis. „Ich habe die Ruhe einer freilaufenden Kettensäge“, fasst Gockel augenzwinkernd zusammen, warum die Technik so wunderbar zu ihm passt. „Es ist immer wieder inspirierend“, freut sich Dagmar Brylla-Möllers aus Dülmen, die am Sonntag mit ihrem Mann das Atelier besucht. Es sei immer wieder eine Freude, wenn „Alex“ sie dort empfängt: „Seine Energie ist unglaublich, und ich nehme immer etwas mit.“

Kunst gegen das „Betondenken“

Im Vorraum präsentiert Gockel seine Serie „THEY ARE THEM“ – eine Anspielung auf die vermeintlich „Anderen“, die Ausgrenzung erfahren. Der Titel solle vor allem eines bewegen: „Bei den Leuten dieses Betondenken wegkriegen.“ Mal ein großes blasses Gesicht, mal ein dominantes Grün mit selbsterklärender Umwelt-Intention. Für Gockel ist eines ganz klar: Künstler müssen Sprachrohr sein, notfalls auch anklagen und „wir müssen der Gesellschaft den Spiegel vorhalten.“

Mit Hilfe der Farbrolle erweckte Alfred Gockel die mit der Kettensäge gefrästen Motive zum Leben. Foto: awf

Im Hinterzimmer beginnt dann die große Demonstration. Bereits vorbereitete Holzplatten mit Kettensägen-Gravur werden mit der Farbrolle eingefärbt, bevor draußen das schwere Gerät zum Einsatz kommt. „Meine Frau hat gesagt, ich sollte doch mal verarbeiten, was ich alles rumliegen habe“, erinnert sich der Künstler an die zahlreichen Holzplatten, die nun eine neue Bestimmung gefunden haben. Gefahr? Ihm sei schon einmal eine Kette herausgeflogen. Die Ergänzung in charmanter Gockel-Manier: „Dann gibt’s eben einen neuen Scheitel.“ Unter neugierigen Blicken werden mit der lauten Säge feine und schwungvolle Linien gezogen.

Mit Kunst die Seele berühren

Es ist, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. „Das ist deine neueste Inspiration, oder?“, erkundigt sich Dagmar Brylla-Möllers. Eine Frage, die Gockel bejahen muss. Los ging es vor drei Wochen. Mittlerweile sind es rund 40 Werke. „Meine Güte! Du arbeitest ja wie ein Verrückter“, folgt der spontane Ausruf aus dem Publikum. Am Ball bleiben wird Gockel in jedem Fall. Mit derart neuen Techniken kopiere man sich schließlich nie selbst und als Künstler mit wachen Augen möchte er sich ausdrücken. „Die Leute sagen wir brauchen noch mehr Waffen und starke Politiker“, überlegt er. Doch: „Ihr braucht auch Leute, die die Seele berühren.“ Eine Aufgabe, der sich Gockel, egal ob mit Pinsel, Rolle oder Kettensäge leidenschaftlich widmet. Für das Lüdinghauser-Kunsturgestein natürlich immer an erster Stelle: Ein wacher Blick auf die Welt und jede Menge Herz. In Gockels Atelier wurde geredet, Glühwein getrunken und bis abends beisammengesessen. „Er hat ein unglaubliches Wissen und steht doch mit beiden Beinen im Leben“, fasste Rainer Brylla-Möllers schließlich zusammen, was so viele Gäste ins Atelier mit der warmen Atmosphäre treibt.

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