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Ehemaliger Cani-Lehrer schreibt Forschungsarbeit

Promotion über Max Herrmann-Neisse

Lüdinghausen

Warum verfasst ein 72-jähriger pensionierter Lehrer am Canisianum eine Doktorarbeit über einen hier weitgehend unbekannten deutschen Dichter, der 1941 in London verstorben ist? Eine Antwort könnte in einer der Lüdinghauser Städtepartnerschaften zu finden sein.

Karl-Heinz Kocar

Gerold Meischen (r.), hier mit dem polnischen Deutschlehrer Mieczyslaw Jaroszczyk vor der Burg Lüdinghausen, hat eine Doktorarbeit über den hier wenig bekannten Dichter Max Herrmann-Neisse aus der polnischen Partnerstadt verfasst. Foto: privat

Wer von Lüdinghausen aus in die polnische Partnerstadt Nysa kommt, lässt es sich meist nicht nehmen, auf dem Jerusalemer Friedhof das Grab von Joseph von Eichendorff aufzusuchen. Nach Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem alten Neisse 1945/46 war die Grabstätte des 1788 auf Schloss Lubowitz (bei Ratibor) geborenen und 1857 in Neisse verstorbenen romantischen Dichters zunächst in einen Dornröschenschlaf gefallen, bis sie durch einen hartnäckigen Initiativkreis gegen manche politischen Widerstände der Vergessenheit entrissen wurde. Heute versammeln sich Besucher in der Nähe des Friedhofs wieder unter einer alten Eichendorff-Büste, und ein Spazierpfad führt durch ein Waldstück zu einer Aussichtslaube, von der aus der dichtende Freiherr regelmäßig einen schönen Blick auf die Silhouette der Stadt genießen konnte.

Ganz anders verhält es sich mit der Bekanntheit eines Dichters, der 1886 in der Neisser Zollstraße als Sohn eines Gastwirts geboren wurde, dort die evangelische Volksschule besuchte und am Königlichen Katholischen Gymnasium „Carolinum“ (seit 1987 Partnerschule des Lüdinghauser Gymnasium Canisianum) im Jahr 1905 sein Abitur ablegte. Nur Eingeweihte finden heute den Weg zum Philologicum der Staatlichen Neisser Hochschule, ganz in der Nähe der Glatzer Neiße. Dort findet sich heute neben der Eingangstür eine Tafel, die an Max Herrmann erinnert, der – um Verwechslung auszuschließen – den Ortsnamen Neisse an seinen Namen angehängt hat.

Max Herrmann-Neisse fasste in der Weimarer Republik in den literarischen Zirkeln rund um das Romanische Café im Berliner Westen Fuß und machte sich als Lyriker, Erzähler, Kritiker, Kabarettdichter und Dramatiker einen Namen, bevor er 1933 ins Londoner Exil ging. Dort starb er im April 1941, also vor jetzt fast 80 Jahren, in recht wehmütiger Stimmung. Sein ganzes Leben lang hatte ihn mit seiner Heimatstadt eine Art „Hassliebe“ verbunden. Und am Ende konnte er nur resignierend feststellen: „Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen“.

Gerold Meischen aus Senden, lange Jahre Deutsch- und Erdkundelehrer am Lüdinghauser Canisianum, wo er auch im Schüleraustausch mit dem Neisser Liceum Carolinum engagiert war, hat gerade mit einer Forschungsarbeit über Herrmann-Neisse im Fachbereich Germanistik der Universität Münster promoviert. Über diese Leistung des immerhin 72-Jährigen freut sich natürlich auch die Lüdinghauser Deutsch-Polnische Gesellschaft, deren Mitglied Meischen seit vielen Jahren ist: „Inhaltlich lag der Schwerpunkt der Untersuchung auf den Romanen und Erzählungen von Herrmann-Neisse, wobei sich zeigte, dass er ähnlich wie Heinrich Mann oder Kurt Tucholsky als Gegner des wilhelminischen Militarismus´ und des Untertanengeistes in Erscheinung trat, sich aber ebenso demokratiefeindlicher und nationalistischer Tendenzen erwehrte“. Und Meischen fügt hinzu: „Trotz dieser deutlichen Grundhaltung verfasste er keine politischen Romane, sondern begegnete gesellschaftlichen oder persönlichen Fehlentwicklungen mit künstlerischen Mitteln (etwa der Satire), die den Leserinnen und Lesern Gelegenheit boten, leichter kritische Denkanstöße zu neuen Erkenntnissen zu verarbeiten“.

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