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Sie sind erst in ihren Zwanzigern, haben aber täglich mit dem Tod zu tun: junge Bestatter

„Tod sollte kein Tabu-Thema sein“

Tod – auf einer Jugendseite genau dieses Thema in den Mittelpunkt zu setzen, klingt im ersten Moment widersprüchlich. Sehr unterschiedliche Dinge beschäftigen Jugendliche oder junge Erwachsene. Der Tod gehört für gewöhnlich nicht dazu. Anders aber bei Inga Harlake, Thomas Naber und Anna Hettwer: Für sie ist der Umgang mit dem Tod Alltag. Die Drei arbeiten in Beerdigungsinstituten.

Niklas Tüns

Inga Harlake kam über den Girls‘ Day zum Bestatterberuf. Mittlerweile arbeitet sie im Lüdinghauser Bestattungsinstitut Pinnekamp. Foto: nit

„Andere wollten in der Grundschule Tierärztin oder Feuerwehrmann werden – und ich eben Bestatterin“, erzählt Anna Hettwer. Da ihre Mutter vor zwölf Jahren ins Beerdigungswesen einstieg, war es für die jetzt 20-Jährige nie etwas Außergewöhnliches, über den Tod zu sprechen. Einmal habe sie vor der Abfahrt ins Ferienlager zu ihrer Mutter gesagt: „Wenn was mit mir passiert, dann nehme ich den Sarg mit den blauen Griffen.“ Der Tod gehörte seit der Grundschule zu ihrem Alltag. „Und wenn wegen eines Todesfalls an Heiligabend die Bescherung zwei Stunden nach hintengeschoben wird, dann ist das eben so“, findet sie.

Die erste verstorbene Person, die Anna selbst mit versorgt hat, war vor sechs Jahren ihre eigene Oma. „Das war ein richtig schönes Abschiednehmen“, sagt sie rückblickend. Mittlerweile absolviert sie eine Ausbildung in Münster, wo sie schon alles gesehen habe – von Wasserleichen bis zum Tierpfleger, der von einem Tiger totgebissen wurde. Auch wenn sie jeden Tag mit tieftrauernden Menschen konfrontiert wird, sei Bestatter ihr Traumberuf. „In keinem anderen Beruf sieht man, wie viel Liebe zwischen Menschen existieren kann.“ Ihre Aufgabe sei es, die letzten Momente mit dem Verstorbenen so schön wie möglich zu gestalten. „Man lernt zu spüren: Wann sage ich was, wann nehme ich jemanden in den Arm“, so die Seppenraderin. Manchmal reiche es auch, einfach nur zuzuhören. Als 20-Jährige könne sie einer älteren Witwe keine Lebensweisheiten erzählen.

Viele Fragen – auch von Gleichaltrigen – beantwortet oft Inga Harlake. „Wenn Menschen von meinem Beruf hören, reden sie ganz offen mit mir über ihre Erfahrungen mit den Themen Sterben und Tod, was sie sonst nicht machen würden“, berichtet die 25-Jährige. „Darüber freue ich mich, denn der Tod sollte kein Tabuthema sein.“

Während ihrer Arbeit halte sie sich immer vor Augen, dass jeder Verstorbene noch immer ein Mensch ist, der mit Pietät behandelt werden muss. Bei Bestattungen Pinnekamp, wohin die Ottmarsbocholterin nach ihrer Ausbildung vor zwei Jahren wechselte, sorgt sie dafür, dass die Angehörigen sich in Würde verabschieden können. Inga kleidet die Verstorbenen an und schminkt sie, damit sie für die Angehörigen weiterhin einen natürlichen Hautton haben. In ihrer Ausbildung und bei Weiterbildungen lernte sie zudem, Wunden zu verschließen und Rekonstruktionen vorzunehmen. Dadurch müsse sie den Angehörigen nie vom persönlichen Abschiednehmen abraten.

Für Inga besteht der Reiz ihres Berufs in der Abwechslung: Vom Handwerk – zum Beispiel dem Ausschlagen der Särge – über die Organisation der Beerdigung bis zum Umgang mit den Menschen. „Ich trauere nicht mit den Menschen um ihre Verstorbenen, sondern es tut mir Leid für sie. Emotionslos darf man in dem Beruf nicht sein“, erklärt Inga. Ihre Aufgabe sei es, den Angehörigen Halt und Sicherheit zu geben, denn „ich erlebe sie in der schwersten Zeit ihres Lebens“. Sie habe gelernt, damit umzugehen. Ihre Kollegen und ihre Familie seien immer für sie da, wenn sie über das Erlebte reden möchte.

Solche Gespräche finden bei Thomas Naber oft am heimischen Küchentisch statt. Seitdem seine Eltern vor einigen Jahren zum Ascheberger Beerdigungsinstitut Kleykamp dazugestoßen sind, erlebte er einen „sanften Einstieg“ in den Beruf, wie er es formuliert. Eigentlich ist er als Tischler im Familienbetrieb tätig. Gut 50 Mal im Jahr hilft er aber bei Beerdigungen. Nebenbei macht er seit wenigen Monaten eine Ausbildung zum geprüften Bestatter (siehe Infokasten).

„Am Anfang bin ich mitgefahren und habe den Sarg mitgetragen, dann kam immer mehr wie das Anziehen dazu“, erzählt der 24-Jährige. Mittlerweile ist es für ihn zur Gewohnheit geworden, einen Verstorbenen vor sich liegen zu haben.

Nur bei verstorbenen Menschen, die er persönlich kannte, gehe er „mit anderen Gefühlen dran“. „Die meisten sind ruhig eingeschlafen, es ist dann eine Erlösung für sie“, meint er nach zehn Jahren Alltag mit dem Tod. „Er gehört eben zum Leben dazu.“

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