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Lokales Handwerk Nottuln

„Das hat mich richtig aufgerieben“

Nottuln

Fachkräftemangel im Handwerk? Für Gerrit Schulz ist das kein theoretisches Thema. Der selbstständige Dachdeckermeister hat sich monatelang damit beschäftigt. Die nun getroffene Entscheidung ist wie ein Befreiungsschlag.

Von Ludger Warnke

Dachdeckermeister Gerrit Schulz hat sich entschieden: Er stellt mit Ablauf des 31. Juli nach 16 Jahren Selbstständigkeit den Geschäftsbetrieb seines Handwerksunternehmens ein. Foto: Ludger Warnke

Anstrengende Monate liegen hinter Gerrit Schulz. Nicht, weil dem 43-jährigen Dachdeckermeister der Beruf nicht mehr gefallen würde. Er hat vielmehr lange und intensiv über die Zukunft seines Handwerksunternehmens gegrübelt. So sehr, dass er innerhalb kurzer Zeit acht Kilo dabei abgenommen hat. Mittlerweile ist eine Entscheidung gefallen: Der Nottulner Dachdeckermeister stellt mit Ablauf des 31. Juli den Geschäftsbetrieb ein. „Seitdem ich diese Entscheidung getroffen habe, geht es meiner Familie und mir wieder besser“, erzählt der 43-Jährige.

Ein existenzielles Problem

Was Gerrit Schulz durchgemacht hat, beschäftigt das Handwerk in ganz Deutschland: Der akute Fachkräftemangel in nahezu allen Branchen ist zu einem existenziellen Problem geworden.

Vor knapp 16 Jahren gründete Gerrit Schulz sein Handwerksunternehmen. Er startete sogleich mit einem Mitarbeiter, und in den Folgejahren kamen weitere hinzu. Schließlich hatte er vier fest angestellte Mitarbeiter. Mit ihm als Chef war das eine fünfköpfige Truppe, die mit ihrer Arbeit die Kunden überzeugte. Der Handwerksbetrieb prosperierte.

„Keiner hat sich gemeldet“

Im vergangenen Jahr im Corona-Lockdown dann der Schock. „Gleich drei meiner langjährigen Mitarbeiter haben mir mitgeteilt, dass sie aus privaten Gründen leider kündigen müssen“, erzählt Gerrit Schulz. Natürlich habe er versucht, neue Mitarbeiter zu finden. Zum Beispiel bei der Arbeitsagentur. Ergebnis: „Von den Leuten, die dort auf der Liste standen, hat sich keiner gemeldet.“

Über Freunde und Bekannte und in den sozialen Medien suchte Schulz weit über die Region hinaus nach neuen Mitarbeitern. Ergebnis: Fehlanzeige. Und wenn sich dann doch mal ein Interessent meldete und zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, dann passierte es häufig, dass der Betreffende nicht erschien oder sich einen Tag vorher krank meldete und danach nie wieder etwas von sich hören ließ. Und kam es doch zum Vorstellungsgespräch, dann stellte Gerrit Schulz fest, dass der Bewerber nicht über die erforderlichen Qualifikationen verfügte.

Betriebe suchen händeringend nach Fachkräften

Mit diesem Problem steht der Nottulner nicht allein. „Aus den Gesprächen mit meinen Innungskollegen weiß ich, dass viele Dachdeckerbetriebe händeringend nach Fachkräften suchen“, erzählt er. Den jungen Leuten werde heute das Handwerk leider nicht mehr ans Herz gelegt, bedauert der Dachdeckermeister. Viele hätten nur eine akademische Laufbahn vor Augen.

Ab August nun wäre Gerrit Schulz nur noch mit einem Mitarbeiter im Betrieb. Größere Aufträge könnte er aus Personalmangel nicht mehr annehmen. Er selbst hat in den vergangenen Monaten noch eine Schüppe drauflegt. Die 60-Stunden-Arbeitswoche wurde für ihn zur Regel. „Ich bin extra immer um 5 Uhr angefangen, damit ich abends noch ein wenig mit den Kindern spielen konnte“, erzählt der Familienvater.

Berufliche Sorgen belasten das Familienleben

Doch die Sorge um die Zukunft seines Handwerksunternehmens beschäftigte ihn Tag und Nacht. Abschalten war nicht mehr möglich. „Das hat mich richtig aufgerieben“, erzählt er freimütig und bekennt: „Auch das Familienleben hat zunehmend unter der Situation gelitten.“

Eine Entscheidung musste her. Und diese ist nun mit der Beendigung der Geschäftstätigkeit getroffen worden. „Meine Frau hat die Entscheidung, die ich getroffen habe, sehr positiv aufgenommen und unterstützt mich in allen Bereichen. Seitdem ist unser Leben wieder schön geworden.“

In aller Ruhe räumt er nun das Betriebsgelände an der Otto-Hahn-Straße auf. Gerade hat er eine große Metallkiste mit Arbeitsgeräten gepackt, die er nicht mehr benötigt. „Die geht für den Wiederaufbau als Spende ins Katastrophengebiet an die Flutopfer“, erzählt er. Sein Firmengelände möchte er verpachten.

Und der Beruf?

Gerrit Schulz ist gerne Dachdecker. Deshalb hat er schon eine Festanstellung bei einem anderen Unternehmen gefunden. So kann er weiter seinen Traumberuf ausüben und genießt gleichzeitig Lebensqualität mit der Familie.

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