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Szenische Lesung „Allahu Akbar“

Gutes Theater mit großer Wirkung

Nottuln

Wie damit umgehen, wenn das eigene Kind sich nach und nach radikalisiert? Eine ernste und bewegende Frage, die Hermann J. Mürmann in der szenischen Lesung „Allahu Akbar“ zu einem beeindruckenden Kunstwerk gemacht hat.

Die Dialoge zwischen Vater (Hermann J. Mürmann), Mutter (Barbara Tieke-Mürmann), Sohn (Julian Mürmann) und dem Dschihadisten (Oliver Fleischer) (v.r.) zogen die Besucher einer szenischen Lesung bei Ahlers in ihren Bann. Foto: Robert Hülsbusch

„Ein Kind muss gehalten werden, muss sein Leben lang die grundlegende, bedingungslose Liebe der Eltern erfahren und spüren und so ins Leben getragen werden!“ Hermann J. Mürmann, Kinder- und Jugendpsychotherapeut und Autor zahlreicher Bücher, setzte hinter ein anregendes Gespräch den Schlusspunkt. Intensiv diskutierten zahlreiche Besucher einer szenischen Lesung nach der Aufführung im Möbelhaus Ahlers die Komplikationen, denen die Kinder und Jugendlichen, denen die Familien heute ausgesetzt sind: Sprachlosigkeit, Zeitnot, Anspruchsdenken, fehlende Empathie und Achtsamkeit, enorme Herausforderungen in Schule und Beruf.

Zuvor hatten die rund 50 Besucher gebannt die Lesung des Theaterstückes „Allahu Akbar . . . Nein, unser Sohn kann es nicht gewesen sein!“ verfolgt, bequem mit einem Glas Wein in Sesseln und Sofas sitzend, die die Familie Ahlers liebevoll zu einem Theaterrund zusammengestellt hatte. Das Stück zeigt die Hintergründe der Radikalisierung eines jungen Deutschen zum Dschihadisten. Es macht das Drama der Eltern erlebbar, die ihren Sohn an die Gotteskrieger verlieren.

Drama der Eltern erlebbar gemacht

Die Dialoge zwischen Vater (Hermann J. Mürmann), Mutter (Barbara Tieke-Mürmann), Sohn (Julian Mürmann) und dem Dschihadisten (Oliver Fleischer) wirkten durch gekonnte Intonation, durch Gestik und Mimik so echt, dass niemand mehr die Bücher in der Hand der Lesenden wahrnahm, nur noch die Figuren, spannend dargestellt, hautnah erlebte. Starker Ausdruck der zum Teil überwältigenden Gefühle. Ruhe, gebanntes Verfolgen bis zum letzten Satz. Stille. Und erst nach einer Pause – Nachdenklichkeit und Betroffenheit – der Applaus.

Ein Hinweis auf die Alltäglichkeit menschlichen Daseins, die sich ins Extreme steigern kann. Hannah Arendts „Banalität des Bösen“. Unspektakulär. Jeder kennt diese Situationen, diese Dialoge, die Kommunikationskiller, die Sprachlosigkeit. Ein besonderer Stil und eine ausdrucksstarke Sprache trugen die Zuschauer durch das Stück. Kurze Szenen, viele Wechsel auf der Teppich-Bühne. Einfache Schilder auf dem Bühnenboden „vorher“ – „nachher“ nahmen das Publikum behutsam bei der Hand, gaben Orientierung. Kurze Sätze, manchmal nur einzelne Phrasen und auffällige Wiederholungen führten tief in die Gefühlswelt der Protagonisten, eröffneten eine Welt, in der es um Verführung, Schmerz, Leugnung, Hass und Verständnis ging. Sie verfehlten ihre Wirkung bei den Zuschauern nicht.

Ausdrucksstarke Sprache

Dabei will das Stück von Mürmann keine Emotionalität pur. Mit Hilfe des Brechtschen Verfremdungseffektes – große Schilder, die sich direkt an das Publikum wandten – holte das Stück die Zuschauer aus der Theaterillusion, bewegte zur kritischen Selbstreflexion: „Ihr, die Ihr in den bequemen Sesseln sitzt, öffnet Eure Augen und Ohren, damit Ihr sehen und hören könnt, und öffnet Eure Herzen, damit Ihr Euch berühren lasst, von dem, was um Euch herum und in der Welt geschieht – die stille Radikalisierung, auch jetzt!“

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