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Abschiebung Shahin Chowdhury

„Habe Sorge, dass mich meine Freunde vergessen“

Nottuln

Der Freundeskreis von Shahin Chowdhury, der nach Bangladesch abgeschoben wurde, ist in großer Sorge. Zweimal war das Versteck ihres Freundes in Bangladesch schon Ziel eines Anschlags, zuletzt sogar mit Sprengstoff. Aber es gibt auch eine ermutigende Entwicklung.

wn

Shahin Chowdhury auf einer Aufnahme, die im Jahr 2019 in Nottuln entstand. In Bangladesch muss der Abgeschobene um sein Leben fürchten. Foto: Sammlung Chowdhury

Der Fall des nach Bangladesch abgeschobenen Shahin Chowdhury hat in den vergangenen Tagen in doppelter Hinsicht neue Dimensionen erreicht. Das berichten seine Nottulner Freunde, die weiterhin versuchen, ihm von hier aus zu helfen.

Zum einen gebe es schlechte Nachrichten aus Bangladesch: Shahin Chowdhury, der seit seiner unfreiwilligen Rückkehr in einem Versteck lebt, war im Januar zweimal Ziel eines Anschlages. Das Haus, in dem er aus Angst vor Verfolgung lebt, wurde mit Sprengstoff attackiert, ihm und den anderen Bewohnern wurde Gewalt angetan, berichten die Freunde.

Gute Nachrichten hat Anke Zandman aus dem Freundeskreis: „Endlich wird die Petition, die ich gemeinsam mit den beiden örtlichen Kirchengemeinden eingereicht habe, im Landtag in Düsseldorf verhandelt. Ich bin für den 1. Februar zur Anhörung in den Petitionsausschuss geladen.“

Zur Erinnerung: Shahin Chowdhury, der in Nottuln lebte und arbeitete, wurde am 17. August vergangenen Jahres im Beisein seiner Arbeitgeber und von deren Anwalt während eines Termins bei der Zentralen Ausländerbehörde in Coesfeld in „Gewahrsam“ genommen und binnen eines Tages nach Bangladesch abgeschoben.

Seine sofortige Abschiebung diente, so teilt der Freundeskreis mit, laut Urteilsbegründung als „Abschreckungszweck“ für andere von Abschiebung Bedrohte. Danach darf Shahin Chowdhury für drei Jahre nicht in den Schengen-Raum einreisen, auch nicht nach Großbritannien, wo seine Schwester im Exil lebt.

„Diese sogenannte ‚Sperrfrist‘ ist unverhältnismäßig hoch, da gegen Shahin, seitdem er 2013 deutschen Boden betrat, nie ein Ermittlungs- oder Strafverfahren eingeleitet wurde, er sich also absolut straffrei verhalten hat“, finden die Freunde. „Die gesamten Umstände seiner Abschiebung sowie die Vorgehensweise der zuständigen Behörde werden von Fachleuten als inhuman bezeichnet.“ Der münstersche Rechtsanwalt Florian Träger, Spezialist für Migrationsrecht, erklärt: „Aus menschlicher Sicht ist diese Abschiebung eine riesengroße Katastrophe.“

Ziel der Petition ist, die Verkürzung der Wiedereinreisesperre zu erwirken. „Ideal für eine erfolgreiche Anhörung wäre, wenn Shahin in Nottuln einen Ausbildungsplatz in Aussicht hätte“, sagt Anke Zandman. „Sollten Nottulner Firmeninhaber einen Ausbildungsplatz anbieten wollen, können sie sich mit Shahins Arbeitskollegen Matthias Brinkschulte in Verbindung setzen.“ Das ist möglich per Mail unter matthias.brinkschulte@gmx.de oder telefonisch unter 01 71/6 30 74 70.

Dramatisch entwickelt sich die Situation in Bangladesch. „Shahin lebt dort in zunehmender Gefahr. Auch sein Versteck ist nicht mehr sicher“, berichten die Freunde.

Zwar sei die Sicherung grundlegender Menschenrechte in der Verfassung Bangladeschs festgeschrieben. In der Realität jedoch gebe es große Bevölkerungsgruppen, deren Rechte systematisch verletzt werden. Obgleich die Regierung die internationalen Menschenrechtspakte ratifiziert hat, werde in der Praxis kein umfassender Menschenrechtsschutz gewährt, werden Oppositionelle bedroht und verfolgt, missliebige Personen verschwinden. Dies liege vor allem an der schwachen Gerichtsbarkeit, einem unzureichend funktionierenden Parlamentarismus sowie weit verbreiteter Korruption und Klientelismus.

Dieses Land hatte Shahin Chowdhury 2013 verlassen, weil er aufgrund der regierungskritischen Haltung seines Vaters mit seiner Familie Repressalien ausgesetzt war, das Haus seiner Eltern zwei Brandanschlägen zum Opfer fiel. Shahin Chowhury habe seine Heimat, seine Freunde, seine Kultur, seine Sprache, seine Wurzeln zurückgelassen, um ganz auf sich allein gestellt bei uns eine neue Heimat zu suchen, so seine Freunde.

Ihm ist es gelungen, in Nottuln viele Freunde, eine Wohnung und aufgrund seines Fleißes und seiner Persönlichkeit eine feste Arbeitsstelle zu finden. „‚Geflüchtete in Arbeit‘ haben jedoch innerhalb der bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen keinen Schutz, und Arbeitgeber haben keine Planungssicherheit“, bemängelt der Nottulner Freundeskreis. Auch Unternehmer-Initiativen würden das verstärkt kritisieren. „Im Falle von Shahin gab es von behördlicher Seite Versprechungen für ihn und seine Arbeitgeber, Versprechungen, die nicht eingehalten wurden.“

Wie beliebt und integriert er in Nottuln war, zeigt die Tatsache, dass die vorgeschriebenen 500 Unterschriften für die Petition ganz schnell erreicht werden konnten. Die Kommentare auf der Unterschriftenliste lauteten wiederkehrend: „Er ist ein Freund“, „Habe selten so einen netten, hilfsbereiten jungen Menschen kennengelernt“, „Shahin ist eine Bereicherung für unser Dorf“ sowie „Abschiebung trotz vorbildlicher Integration – wo ist die Gerechtigkeit?“. Chowdhury selbst zeigte sich überwältigt: „Ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Nottulner für mich einsetzen.“ Und: „Ich habe immer Sorge, dass mich meine Freunde, vergessen. Sie sind meine zweite Familie.“

Doch all diese Bemühungen erfordern einen finanziellen Aufwand, weshalb ein Spendenkonto eingerichtet wurde, das als Treuhandkonto nach dem „Vier-Augen-Prinzip“ verwaltet wird. „Alle Buchungen sind zweckgebunden und werden nachvollziehbar dokumentiert“, versichert der Freundeskreis. Wer spenden möchte, kann dies tun auf das Konto bei der Volksbank Nottuln, IBAN: DE43 4016 4352 0034 1083 00; Verwendungszweck: „Hilfe für Shahin“.

Shahin Chowdhury hofft nun gemeinsam mit seinen Freunden, dass der Petitionsausschuss am 1. Februar die Unverhältnismäßigkeit des richterlichen Urteils erkennt.

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