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Berührender Auftakt zum 25-jährigen Bestehen der Hospizbewegung

„Lebenstänzer“ mit „Trauer bewegt“

Nottuln

Felix Grützner ist Tänzer, Choreograf und promovierter Kunsthistoriker. In Nottuln gastierte er nun als „Lebenstänzer“ – und begeisterte

Von Marita Strothe

„Lebenstänzer“ Felix Grützner gab in der St.-Martinus-Kirche eine beeindruckende Vorstellung.Stürmte mit Clownsnase, Melone und Mantel zu „Oh du lieber Augustin“ zum Altar: „Lebenstänzer“ Felix Grützner. Foto: Marita Strothe

„Zu unserer Natur gehört die Bewegung; die vollkommene Ruhe ist der Tod“, zitierte Felix Grützner am Freitagabend in Nottulns St.-Martinus-Kirche den Philosophen Blaise Pascal. Der „Lebenstänzer“ beeindruckte mit seinem Programm „Trauer bewegt“ die Besucherinnen und Besucher nicht nur mit Worten, sondern vor allem auch mit Musik und Tanz zum Umgang mit Verlust und Tod.

„Sehr schön, so viele Leute hier zu sehen“, hieß Dagmar Exner Kasnitz, Vorsitzende der Hospizbewegung Nottuln, zu Beginn die rund 60 Anwesenden zur Auftakt der Feierlichkeiten anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Vereins willkommen.

Kantor Heiner Block gestaltete den Abend an Klavier und Orgel musikalisch mit und startete mit getragenen Klavierklängen. „So geht das überhaupt nicht“, kritisierte der Tänzer, Choreograf und promovierte Kunsthistoriker Felix Grützner, als er mit roter Clownsnase, Melone und wehendem Mantel durchs Kirchenschiff nach vorne zum Altar eilte. Flotter gespielt, klang danach „Oh du lieber Augustin“ auch den Zuhörern vertrauter. „Text und Melodie sind um 1800 in Wien entstanden“, erinnerte Grützner an den Bänkelsänger Markus Augustin, der zu Zeiten der Pest die Menschen mit seinen Liedern unterhalten haben soll.

„Das etwas oder jemand weg ist, davon sprechen auch die Volkslieder“, wusste Grützner. „Aber der Verlust eines geliebten Menschen kann auch eine ganz andere Bewegung auslösen“, machte er Trauer und Verzweiflung mit berührenden Gebärden tänzerisch sichtbar. „Manchmal ist davon außen nichts sichtbar, es gibt auch eine Innenbewegung“, stand er dann erstarrt.

„Kommunikation ist wichtig wie das Atmen“, appellierte der „Lebenstänzer“ an alle, zuzulassen, „dass Menschen in Trauer zu uns kommen. Wir Menschen leben in einer riesigen Selbsthilfegruppe, jeder hat schon Trauer erlebt.“

„Jede Trauer ist anders“, verdeutlichte er und wies darauf hin, dass es dazu auch zahlreiche Lieder gebe. „Manche sogar ein bisschen kitschig“, deklamierte er „Sag beim Abschied leise servus“ zur bekannten Melodie. Aber Menschen könnten auch aus der Trauer heraus auf die Zeit hoffen, in der wieder Freude und Glück die Oberhand bekämen, veranschaulichte er tänzerisch nach der Kantate von Johann Sebastian Bach. „Wohl mir, dass ich Jesum habe“, las Grützner anschließend den barocken Text.

„Seht, ich mache alles neu“, schloss er mit den charismatischen Worte aus der Offenbarung des Johannes an und verharrte als staunender Mensch zu eindrucksvoller Orgelmusik auf den Stufen am Altar. „Es ist wichtig, dass man Weggefährten hat“, so der Lebenstänzer zum guten Schluss, „aber nicht zu vergessen ist der Humor“, setzte er dann wieder die rote Nase auf und tanzte als „Lieber Augustin“ durch die Reihen der applaudierenden Besucherinnen und Besucher nach draußen.

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