Ortsführungen

Mächtige Damen und ein großer Baumeister

Nottuln

Es gibt Geheimnisse im Nottulner Ortskern, die kennen selbst diejenigen nicht, die schon lange hier wohnen. Eine Ortsführung kann da für Aufklärung sorgen.

Frank Vogel

In der Pfarrkirche St. Martinus gibt es viel zu sehen und zu erfahren. Gästeführerin Heike Fahl kann den Teilnehmerinnen und Teilnehmern viel zur Geschichte und Bedeutung des bemerkenswerten Gotteshauses erzählen. Foto: Frank Vogel

Sandstein, der seinen Weg aus den Baumbergen bis nach Schweden gefunden hat, eine rund tausendjährige Frauenherrschaft, ein Starbaumeister und eine in ihrer besonderen Form einmalige Kirche – Nottuln hat einiges zu bieten. Und die aktuell fünf Gästeführerinnen haben einiges Bemerkenswertes zu erzählen, wenn sie Besucherinnen und Besucher durch den historischen Ortskern führen.

Ein echter Exportschlager sei der Baumberger Sandstein immer gewesen, wissen die Gästeführerinnen zu berichten. Seine weiche Konsistenz erlaubt die fili­grane Bearbeitung. Sehr schön zu sehen ist das unter anderem an einem der beiden Seitenaltare in der Pfarrkirche St. Martinus. „Die Figuren sind so fein gearbeitet als seien sie Holzschnitzereien“, schwärmt Gästeführerin Heike Fahl. Vom Faltenwurf des Schutzmantels Mariens bis zum faltenlosen Gesicht des Jesuskindes.

Kehrseite des weichen Steins war und ist allerdings, dass er relativ schnell porös wird und Algen ansetzt, wenn er falsch verbaut wird. Deshalb ist in Nottuln auch hier und da der festere, dunklere Ibbenbürener Sandstein verwendet worden. Das geologische Trio wird komplettiert durch den Obernkirchener Sandstein, den der Bildhauer Magnus Kleine-Tebbe für die Turmfiguren der Pfarrkirche verwendet hat. Bemerkenswerte Kunstwerke, die Zeitgenössisches mit der Geschichte des Ortes wie die der Heiligen verbinden. St. Martin mit dem Schwert, St. Antonius mit dem Laptop, Maria schwanger und die heilige Heriburg mit Kindern auf dem Schoß, die Bücher in den Händen halten.

Heriburg, die gebildete Heilige, ist für Nottuln ganz wichtig, nicht nur weil sie sich um die Bildung der Menschen gekümmert hat. Die Schwester Liudgers, des ersten Bischofs zu Münster, wird auch bei Wallfahrten zu ihrem Grab in der Pfarrkirche verehrt.

Gästeführerin Margarete Rademacher – links hinter dem Taufbecken - kennt sich in Nottuln aus wie in ihrer Westentasche. Foto: Ludger Warnke

Dabei weiß man schon länger: Der Baumsarg, aufgebahrt in einer sichtbaren Grablege im Boden der Turmkapelle, ist die letzte Ruhestätte einer anderen, unbekannten Frau, die im zehnten Jahrhundert gelebt hat. Heri­burg starb 835.

Und noch etwas ist nicht richtig: Die Gründung des Damenstifts datiert zwar vom Anfang des neunten Jahrhunderts. Dass Heri­burg die Gründungsäbtissin war, ist aber ein frommer Wunsch gewesen. Ein Wunsch, der Anfang des 19. Jahrhunderts gar in eine Urkundenfälschung mündete, die dank neuerer wissenschaftlicher Forschung ans Tageslicht kam.

Wahr ist allerdings, dass das Nottulner Damenstift rund 1000 Jahre Bestand hatte. Erst mit Napoleons Feldzug wurde es 1811 aufgehoben.

Die reichen, adeligen Stiftsdamen (für die Aufnahme in das Stift mussten sie 16 adelige Vorfahren nachweisen) betrieben Handel, verschifften den Baumberger Sandstein in alle Welt, hatten die Polizeigewalt, die Gerichtsbarkeit, das Jagdrecht und mehr – kurz die Frauen waren in Nottuln an der Macht. Und sie hatten genug Geld, dass sie Nottuln nach dem großen Brand 1748, der den gesamten Ortskern vernichtete und auch die Kirche in Mitleidenschaft zog, wieder aufbauen lassen konnten.

Sandstein ist in Nottulns Ortskern überall zu entdeckn. Foto: Ludger Warnke

Und das nicht von irgendwem, sondern von Johann Conrad Schlaun. Der Barockbaumeister, der auch Lieblingsarchitekt der Wittelsbacher war, schuf 13 Kuriengebäude, Wohnstätten der Stiftsdamen, und ordnete sie zu einem wunderbaren Ensemble. Vier der Kurien sind noch erhalten, drei in öffentlicher Hand, eine in privater.

Auch um die Kirche, deren gotischer Spitzturm beim Brand eingestürzt war, kümmerte sich Schlaun und setzte ihr eine barocke Zwiebelhaube auf. Überhaupt die Pfarrkirche: In ihr können die Gästeführerinnen so viel erzählen, dass man eine eigene Führung dazu veranstalten könnte. Die lichte spätgotische Hallenkirche mit den hohen Seitenschiffen wird in einem Atemzug mit St. Lamberti in Münster genannt. Der Hochaltar mit den Seitenaltären ist in dieser Form ein einmaliges Zeugnis des Historismus. Die Fenster im Chorraum erzählen komprimiert die Geschichte des Christentums und des Ortes. Die Fenster in den Seitenschiffen sind im Zuge der Aufhebung des Damenstiftes entfernt worden. Sie zeigten symbolisch die Machtbefugnisse der Stiftsdamen – und an die wollten die neuen Herren dann nicht mehr erinnert werden. Umso wichtiger, dass die Gästeführerinnen diesen Teil der Nottulner Geschichte immer wieder zum Leben erwecken.

Tipps für einen Besuch in Nottuln

Wer die Geschichte und die Geschichten hinter dem faszinierenden historischen Nottulner Ortskern entdecken möchte, lässt sich am besten von einer der aktuell fünf erfahrenen Gästeführerinnen an die Hand nehmen. Die klassische Ortsführung mit einer Dauer von 60 bis 90 Minuten kostet für eine Gruppe bis 25 Personen 50 Euro. Darüber hinaus sind eine Vielzahl von themenbezogenen Führungen möglich, gleich ob es um den berühmten Baumberger Sandstein, um Baumeister Johann Conrad Schlaun, um die Herrschaft der Stiftsdamen oder um Annette von Droste-Hülshoff geht. Alle Führungen (barrierefrei, zu Fuß oder auch mit dem Rad) werden individuell geplant. Interessenten wenden sich an die Baumberge-Touristik Nottuln, Stiftsplatz 7/8, 48301 Nottuln, 0 25 02/ 9 42-0, E-Mail: touristik@ nottuln.de,www.nottuln.de

Zum Thema

Wer schon einmal in Nottuln ist, sollte die Gelegenheit nutzen, Nordrhein-Westfalens älteste Blaudruckerei am Kirchplatz zu besuchen. Familie Kentrup übt seit 1833 dieses Kunsthandwerk aus. Besonders stolz ist der Nottulner Blaudrucker auf die fast 200 Jahre alten Druckstöcke und die geheimen Farbrezepturen, die ausschließlich von Generation zu Generation weitergegeben werden. Infos: www.kentrup.eu

Zum Thema

Für die Stärkung nach und zwischen den Besichtigungen empfehlen sich die Familiengastronomiebetriebe, die alle in fußläufiger Nachbarschaft rund um die Stiftskirche angesiedelt sind.

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