Der irakische Schriftsteller Najem Wali

Wadentraining und Erinnerungen

Nottuln

Er kommt aus dem Irak, ist Wahl-Berliner und gehört zu den bekannten kritischen Stimmen der arabischen Welt: Der Schriftsteller und Journalist Najem Wali war zu Gast in Nottuln.

Ulla Wolanewitz

Der irakische Schriftsteller Najem Wali mit Swenja Janning, der Kulturreferentin des Kreises Coesfeld, vor dem Nottulner Rathaus. Foto: Ulla Wolanewitz

Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Und wer die schönste Sicht in die Baumberge genießen will, muss 129 Stufen bewältigen. Dieses spezielle Wadentraining ermöglichte „Turmherr“ Wilhelm Wesseln am Montag einem besonderen Gast aus Berlin. Der irakische Schriftsteller Najem Wali, der in diesen Tagen im Rahmen des Projektes „Experiment Heimat“ – initiiert vom Westfälischen Literaturbüro in Unna – in der Region unterwegs ist, startete seine Exkursion in und um Nottuln herum auf dem Longinusturm mit der wunderbaren Aussicht auf die sonnengelben Rapsfelder.

Mit Blick auf die neuen Entfernungstafeln an der Reling in 24 Metern Höhe fiel dem Journalisten in südwestlicher Richtung gleich der Name „Bergkamen“ ins Auge. „Dort musste ich 1983 zu einer Anhörung“, erinnerte er sich.

129 Stufen zur wunderbaren Aussicht

Beim Kaffee kam der erfolgreiche Geschichtenerzähler aus Bagdad nach einem arabischen „marhabaan“ („Hallo“) auch gleich in ein unterhaltsames Gespräch mit dem jungen Iraker Ahmad Kahlid Abbas, der zum Team vom Café 18|97 gehört. Kahlid Abbas ist Faili-Kurde, der 1983 im Iran geboren wurde, da seine Eltern Jahre zuvor aus dem Irak dorthin deportiert worden waren. „Das waren ähnlich rassistische Maßnahmen wie sie hier von den Nationalsozialisten mit den Juden praktiziert wurden“, erklärte Wali. Er selber habe mit 14 Jahren auf so einem Transport-Lkw gesessen, weil er seinem kurdischen Freund zur Seite stehen wollte. Allerdings habe seine Mutter ihn in letzter Minute vor der Reise ins Ungewisse retten können.

Schon als Schüler faszinierte ihn die deutsche Literatur. Er las Goethe, Schiller, Brecht und Rilke und studierte zunächst Literatur in Bagdad. Als 1980 der Irak-Iran-Krieg ausbrach und er zum Wehrdienst eingezogen werden sollte, fälschte er sein Wehrheft und desertierte nach Westdeutschland, um in Hamburg Germanistik zu studieren. Heute zählt er zu den namhaften kritischen Schriftstellern der arabischen Welt. „Vielleicht bin ich ein Messias. Muss aber immer damit rechnen, gekreuzigt zu werden“, flachste der Wahl-Berliner. Er betonte den Stellenwert der deutschen Literatur und der Kultur überhaupt, die „mehr Vermittler zwischen den Ländern und Nationen ist als die Wirtschaft und deshalb mehr Anerkennung verdient hat“.

Begeisterung für deutsche Literatur

Journalistin Ulla Wolanewitz begleitete ihren irakischen Kollegen, der mit Swenja Janning, Kulturreferentin des Kreises Coesfeld, unterwegs war, durch ihre heimatlichen Gefilde. Auf der kleinen Exkursion wurden die Steverquelle, das pittoreske Stevertal samt Wassermühle Schulze Westerath und vor allem der Stifts- und Pfarrbezirk inspiziert. Hier waren es als erstes die Stolpersteine am Kirchplatz, die Najem Wali ins Auge fielen. Auch interessierte ihn die Geschichte des Damenstiftes, in dem über 1000 Jahre die Geschicke des Ortes von Äbtissinnen geleitet wurden, die in herrschaftlichen Kurien lebten.

Zum Picknick fand sich das Trio auf eine Einladung im Ferienpark Gut Holtmann ein, wo es auf einer regengeschützten Terrasse noch einmal die Idylle der Baumberge genießen konnte.

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