1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Senden
  6. >
  7. Chef der eigenen Biografie sein

  8. >

Laufbahnberaterin Ulrike Lückerath unterstützt auch Arbeitslose

Chef der eigenen Biografie sein

Senden

Ich bin den Chef beziehungsweise die Chefin meiner Biografie? Selbst dann, wenn ich arbeitslos bin? Ja, sagte Ulrike Lückerath. 2009 hat sie sich selbstständig gemacht Seit Ende 2021 verfügt sie auch über eine Zertifikation, Arbeitslose zu beraten – unterstützt vom Jobcenter.

Von Bettina Laerbusch

Ulrike Lückerath hat sich vor Jahren in Bösensell selbstständig gemacht. Seit Dezember 2021 verfügt sie über die Zertifikation, Arbeitslose zu beraten, die dafür einen Gutschein bekommen.Foto: B. Laerbusch Foto: Foto: B. Laerbusch

„Ich treffe die Entscheidungen. Ich bin die Chefin oder der Chef meiner Biografie.“ Ja, sagt Ulrike Lückerath, das gelte auch für Menschen, die arbeitslos seien und Arbeit suchten. „Wir haben diese Macht, auch wenn wir uns ohnmächtig fühlen.“

Ulrike Lückerath ist Diplom-Pädagogin und Diplom-Betriebswirtin. Sie hat acht Jahre im Jobcenter gearbeitet und sich parallel dazu selbstständig gemacht. „Die Institution sagt: Du musst, du musst, du musst.“ Das Jobcenter verlange viel, so dass es schwierig sei, sich auf sich selbst zu konzentrieren, räumt sie ein. Das ändere aber nichts daran, dass das Fokussieren auf das, was man kann und selber will, fundamental wichtig sei. Es gelte, die ganz individuelle Persönlichkeit eines Menschen zu stärken. Lückerath: „Die Jobcenter haben gemerkt, dass es nicht reicht, Menschen einfach in eine Arbeit zu schicken. Da verändert sich etwas in den Jobcentern.“ Die Erkenntnis greife Raum, dass es zielführender sei, mit dem Arbeitslosen auch innezuhalten, zu fragen, was braucht derjenige, was genau passt zu ihm – dann sei die Vermittlung nachhaltig, könne ein Klient viele besser in einen längerfristigen Job vermittelt werden und stehe nicht nach ein paar Wochen wieder vor der Tür.

Zürich-Mainzer-Laufbahnberatungsmodell

Ulrike Lückerath hat sich 2009 selbstständig gemacht. Seit 2013 ist sie „Laufbahnberaterin ZML“ (siehe „Beratung nach dem Zürich-Mainzer-Laufbahnberatungsmodell“), seit Dezember 2021 hat sie die „Zertifizierte AZAV-Trägerzulassung und darf auch Arbeitslose beraten. Das Kürzel AZAV steht für: Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung. Dahinter verbirgt sich dieses:

Um die Chancen für eine erfolgreiche Integration von Arbeitssuchenden in den Arbeitsmarkt zu verbessern, setzt die Bundesarbeitsagentur auch auf zertifizierte Bildungsträger und Bildungsmaßnahmen nach der „Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung zur beruflichen Eingliederung“. Und das bedeutet für Arbeitslose: Sie haben in Absprache mit ihrem Berater im Jobcenter die Möglichkeit, Einzelberatung außerhalb des Jobcenters in Anspruch zu nehmen. Dafür gibt es Gutscheine.

Auf sich selbst besinnen

Solche Einzelberatung für Arbeitslose und Arbeitsuchende bietet auch Ulrike Lückerath unter anderem an und macht deutlich: „Ob jemand Lust hat, sich beruflich zu verändern, mit seinem Arbeitsplatz unzufrieden ist, sich verändern möchte, aber nicht weiß wie – oder ob jemand arbeitslos ist oder von Arbeitslosigkeit bedroht ist: Jeder sollte sich zunächst auf sich selbst besinnen“ – sowohl bei der Jobsuche als auch bei der gewünschten beruflichen Veränderung.

Oft gehe es auch darum, das Selbstbewusstsein eines Klienten zu stärken. Arbeitslose steckten in einer Krise, die für sie sehr bedrückend sei. „Die Armut ist teilweise sehr groß.“ Für sie aber auch für Menschen, die aus anderen Gründen Krisen bewältigen müssten, lange aus dem Beruf heraus seien oder denen schlicht der Mut fehle, sich zu verändern, gelte: „den Mut zusammenzufassen, um sich strategisch klug am Arbeitsmarkt zu positionieren“. Lückerath: „Das schafft man nicht allein.“

Man brauche einen Sparringspartner, einen Menschen, „der einen ein Stück des Weges begleitet“, mit dem man also zusammen Lösungen für Herausforderungen findet.

Arbeit 3.0 oder 4.0?

Ulrike Lückerath spricht von „Arbeit 1.0“. Ganz früher hätten Menschen den Beruf ergriffen, der in der Familie üblich war. Arbeit 2.0 – da habe die Frage im Mittelpunkt gestanden, wie ein Mensch den Beruf findet, der zu ihm passt. Ab den 1970er Jahren – Arbeit 3.0 – sei die Erkenntnis, dass lebenslanges Lernen erforderlich ist, gewachsen, dass Arbeitsanforderungen sich ständig weiterentwickeln.

Und heute? „Wir befinden uns im Übergang von Arbeit 3.0 zu Arbeit 4.0“, sagt sie. Und konkretisiert: „Wir laufen dem Arbeitsmarkt nicht hinterher, wir entwickeln unsere eigene Geschichte.“ Und das wiederum bedeute, dass sich ein Mensch, der sich beruflich verändern will oder muss, fragt: Wo stehe ich? Was kann ich? Was habe ich schon geleistet? Welche Talente habe ich? Was will ich? Wie stelle ich mich zum Arbeitsmarkt auf? „Menschen zurückzuführen zu sich selbst“, das sei ein Ziel.

Drei Aspekte seien bei alledem wichtig: „Eigenständig zu stehen, Mut zu haben für Entscheidungen, sonst kommt man nicht von der Stelle, und keine Angst vorm Scheitern zu haben.“

Von vornherein zu denken, das kann auch schiefgehen, führe dazu, dass man auf der Stelle stehen bleibe.

Authentische Bewerbung

Die Beratung für Arbeitslose wird für mehrere Einheiten je 45 Minuten angeboten. Sie arbeite daran, betont Ulrike Lückerath, dass die Stundenzahl seitens der Jobcenter erhöht wird. Denn das Thema Bewerbung, was jetzt schon zum Teil behandelt werde, müsse eine größere Rolle spielen.

Was ist eine authentische Bewerbung? Wie kriege ich die hin? Ulrike Lückerath ist überzeugt: „Sehr gute Bewerbungen unterscheiden sich von anderen auch durch die Tiefe ihrer Reflexion.“

Ihr Unternehmen in Bösensell läuft unter dem Namen „Conzetto“; im Kreis Coesfeld sei sie die einzige, die Laufbahnberatung nach dem Zürich-Mainzer-Modell anbiete.

Startseite
ANZEIGE